Sein Kraftort ist die Excel-Tabelle

Martin Bäumle, Ständeratskandidat für die Grünliberalen, hält alles für lösbar, was sich berechnen lässt.

«Ich suche wissenschaftliche Lösungen zu politischen Fragen»: Martin Bäumle auf dem Sonnenberg von Dübendorf, im Hintergrund der frühere Militärflugplatz. Foto: Urs Jaudas

«Ich suche wissenschaftliche Lösungen zu politischen Fragen»: Martin Bäumle auf dem Sonnenberg von Dübendorf, im Hintergrund der frühere Militärflugplatz. Foto: Urs Jaudas

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Vom Sonnenberg herunter, dem Schlittelhügel am Stadtrand von Dübendorf, kann Martin Bäumle rundum erklären, worum es bei ihm geht. Die Sonne scheint bleich, und der Wind geht kalt, ihn stört das nicht, lieber kalt oder heiss, sagt er, nur nicht nasskalt; «wenn sie in Bern das Wetter machen würden, gäbe es keines». Man wird solche Sachen von ihm noch ein paarmal hören, ruckartige Sätze am Schluss dozierender Passagen, oft eingeführt mit: «Ich sage jeweils». Gefolgt von seinem Blick, der auf Bestätigung wartet oder auf den Widerspruch, der eine Weiterbearbeitung nötig macht.

Der Ständeratskandidat zeigt auf ein Stück freigebliebene Restlandschaft im Südosten, von Moränen verstellt, welche die Gletscher liegen liessen. «Wir müssen der Landschaft Sorge tragen», sagt der Gegner der Zweitwohnungsinitiative und Befürworter einer neuen Raumplanung, grünliberal austariert zwischen den Ansprüchen von Wirtschaft und Umwelt. Dann zeigt er auf den ehemaligen Militärflugplatz Dübendorf, wo es ruhig geworden ist und leer. Zuletzt waren die Stones und Madonna für Lärm besorgt, er fand die einen besser als die andere.

Auch hier will der Grünliberale versöhnen, was seine Partei als Kontrast im Namen trägt, nämlich Bau und Natur, Wirtschaft und Umwelt. Am Rand des Geländes soll auf 70 Hektaren ein Innovationspark entstehen. Private Firmen sollen Forschung und Innovation in Hochschulnähe betreiben können. Zweitausendwattkompatibel, selbstverständlich. Dazu möchte Martin Bäumle einen Bahnanschluss für das neue Quartier, aber keinen Zivilflugplatz daneben. Dafür zwei Drittel des Geländes für Erholung und einen weitläufigen Naturpark.

Der Agglo-Typ

Hinter ihm liegt die Stadt, der er als Finanzminister vorsteht, diese wuchernde Agglomeration zwischen S-Bahn-Zügen, Autobahnbrücken, Strommasten und regulierten Flüssen – ein Vorort wie andere in der Schweiz mit vielen Ausländern und wenig Alternativen. Dübendorf hat knapp 26'000 Einwohnerinnen und Einwohner. Ob man freiwillig hierherziehe, fragt man den Vizepräsidenten der Stadt, der sich selber als «Agglo-Typen» bezeichnet. Nein, sagt er, er sei mit der Familie dem Vater nachgefolgt, der als Standesbeamter eine Stelle gefunden habe. Aber heute sei es seine Heimat. Der Sohn half damals beim Bau des Hauses, es steht ganz in der Nähe. Vor 15 Jahren übernahm er es von den Eltern und rüstete es zum Plusenergiehaus hoch.

Der Technokrat

Martin Bäumle wurde früh und über die Anti-AKW-Bewegung politisiert. Wenn er von Sonnenwerten und Minergie-standard redet, von ökologisch kompatibler Finanzierung, Mehrwertabschöpfung, Rebound-Effekten und Preissignalen, von Messungen und Eintragungen und ordnenden Excel-Tabellen, kommt bei ihm Leidenschaft auf. «So habe ich halt denken gelernt», sagt der Chemiker mit Nebenfächern Biochemie und Analytik. Er fiel schon früh mit seinem mathematischen Talent auf. Und bildet die Wirklichkeit bis heute am liebsten in Zahlen ab. Darum leitet er auch die Finanzen hier in Dübendorf, wo er als scharfer Sparer gilt.

Auch bei der Asylpolitik steht er deutlich rechts. Wenn Martin Bäumle von den Ausländern redet – sie machen hier 30 Prozent aus –, kommen ihm zuerst die Kosten für die Schule in den Sinn, weshalb die Integration so wichtig sei. Am allerbesten ist er beim Berechnen von kantonalen Restmandaten und möglichen Listenverbindungen im ganzen Land, das hat mit zum Erfolg seiner Partei geführt. Er sei ein Technokrat, sagen Ratskollegen über ihn. Kann er mit dem Urteil leben? Er denkt kurz nach. «Wenn die Kollegen damit meinen, dass ich wissenschaftliche Lösungen für politische Fragen suche, habe ich kein Problem.»

Mit seinem Zugang hat man im Nationalrat weniger Probleme als mit seiner Politik. Der Berner Freisinnige Christian Wasserfallen arbeitet mit Bäumle in der Umweltkommission und sagt: «Er denkt so lange wirtschaftsliberal, als es nicht um die Umwelt geht, da wird er staatsgläubig.» Von der politischen Gegenseite kommt dieselbe Kritik mit umgekehrten Vorzeichen: Was der Rechte an Bäumle beklagt, findet der Linke an ihm am besten. «Wir sind uns einig in Umweltfragen», sagt der Zürcher Grüne Balthasar Glättli, der mit Bäumle früher in derselben Partei arbeitete; «aber beim Asyl und dem Sozialen, bei den Bürgerrechten liegen wir meist weit auseinander.» Persönlich habe er sich mit ihm immer gut verstanden

Bäumle lacht; die gegenläufige Kritik bestätigt ihm die Richtigkeit seiner Position. Genauso versteht er das Angebot seiner Partei. Die Grünliberalen bieten enttäuschten Bürgerlichen und heimatlos gewordenen Linken eine Alternative an als Partei der vereinten Widersprüche. Die GLP werde im Herbst weiter zulegen, sagt er voraus, weil der Freisinn nach rechts und die Grünen nach links gegangen seien. Auch seine Ständeratskandidatur, der politische Beobachter keine grosse Chance geben und die er selber auf vage 30 bis 50 Prozent veranschlagt, hält die Partei bis zum Herbst im Gespräch. Und natürlich ihn selber.

Der Freund

Mittagessen im Restaurant beim S-Bahnhof. Die Kellnerin duzt ihn. Er bittet um Salat, Suppe und Mineralwasser. Das Gespräch kommt auf seine Wirkung auf andere. In zwei Punkten sind sich fast alle einig, die man zum Kalkulator von Dübendorf befragt: dass er bei seinen Themen technisch hochkompetent sei, wenn auch belehrend bis zur Ermüdung. Weshalb man mit ihm auskommen könne, aber nicht warm werde. Das kann Thomas Maier nicht verstehen, Zürcher Parteipräsiden der GLP und mit Bäumle eng befreundet. Den Kandidaten nennt er «nicht nur einen durch und durch politischen Menschen mit hohen Idealen, sondern ehrlich und offen. Er kann sehr gut zuhören, ich erlebe ihn als hilfsbereit und fürsorglich.» Bäumle mag über Privates nicht reden, vor allem nicht über seine Hochzeit mit einer Ukrainerin. Sie heirateten zahlengerecht am 11. 11.

Der Überfahrer

Dennoch: Charisma, Feinsinn und Neugierde für andere gehören nicht zu seinen öffentlichen Stärken. Bäumle bleibt ein Rationalist. Sein rhetorisches Mittel ist die Aufzählung, sein Glaube gilt den Berechnungen, seine Überzeugung der Machbarkeit. Die Empfindlichkeit seiner Parteikollegin Verena Diener mag ihm abgehen, dafür kann er besser mit Kritik umgehen. Er teilt ja auch gebührend aus. «Ich bin manchmal zu gäch», gibt er zu, «überfahre die Leute.» Wenigstens kommt er nicht mit dem Eigenlob, das Manager so gern als ihre Schwäche an­geben: die Ungeduld.

Zweifel spürt man selten bei ihm, er selber schon. Im letzten März erlitt der 50-Jährige einen Herzinfarkt, schlug erst auf Google die Symptome nach, musste dann operiert werden. Es war nicht das erste Anzeichen der Überlastung, aber das letzte, das er ignorieren kann. Er habe sein Leben umgestellt, sagt der Politiker, der seit 17 Jahren im Stadtrat arbeitet, seit 14 Jahren im Nationalrat, seit 7 Jahren als Parteipräsident und seit einer Woche als Ständeratskandidat. Konsequenterweise geht er seine Gesundheit genauso an wie alles andere: Er berechnet sie. Jeden Abend trägt er in seinem Energiehaus in seinen Excel-Tabellen nach, wie viele Kalorien er verzehrt hat und wie viele verbraucht.

Die Sonne geht unter, die Rechnung geht auf.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.02.2015, 23:23 Uhr

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