Der Kampf gegen den Verkehrslärm spaltet Wipkingen

So richtig steht im Quartier niemand für einen Rosengartentunnel ein. Pro und kontra liegen nahe beieinander.

Oben ist es nur wenig unfreundlicher: Die Unterführung, die die beiden «Rosengarten-Ufer» verbindet. Foto: Fabienne Andreoli

Oben ist es nur wenig unfreundlicher: Die Unterführung, die die beiden «Rosengarten-Ufer» verbindet. Foto: Fabienne Andreoli

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Undankbare Wipkinger? Da will ihnen der Kanton quasi einen Tunnel schenken, 1,1 Milliarden Franken teuer, doch statt glücklich und ein bisschen aufgeregt sind die Wipkingerinnen und Wipkinger – ratlos.

Kurt Gammeter lief als Kind jeden Tag über den Fussgängerstreifen an der Rosengartenstrasse zur Primarschule – damals, als die Strasse noch keine Schneise war. 1972 wurde die Hardbrücke eröffnet; aus der Quartierstrasse wurde eine kleine Autobahn. Wipkingen blieb Gammeters Heimat. Bis zur Pension betrieb er eine chemische Reinigung im Quartier.

Jetzt, am frühen Nachmittag, sitzt der 71-Jährige im Cafe Belmundo und trinkt sein Bier. «Gestern war ich wieder mal auf der anderen Seite», sagt er zu einer anderen Ur-Wipkingerin – und erschrickt gleich selbst ab seiner Wortwahl. Auf der anderen Seite. Es sind vier Spuren Rosengartenstrasse, doch es klingt, als hätte er sich aufgemacht, eine andere Welt zu entdecken.

Der Fluss, der spaltet

Kurt Gammeter ist nicht der Einzige, der so spricht. Viele Wipkinger vergleichen die Rosengartenstrasse mit einem breiten Fluss, erzählen, dass die 56 000 Autos, die jeden Tag in die Stadt hinein und aus der Stadt hinaus fahren, das Quartier spalten.

Eine Unterführung ist nie ein Ort des Wohlbefindens. Mit den hellblauen Plättli sieht die Passage beim Schulhaus Nordstrasse zwar noch einigermassen ansehnlich aus. Die Stadt hat getan, was sie tun konnte. Trotzdem erzählt eine Mutter, wie sie Angst hat, wenn ihr Sohn auf dem Weg in den Kindergarten dort untendurch muss. «Mit einem Gspänli gehts, aber wohl ist es mir dabei nicht», sagt sie. Wenn ihr Sohn aus der Unterführung kommt, steht er an einer Strasse, deren Lärm alles andere verschluckt.

Eine Häuserreihe dahinter ist es schon fast ruhig. Was bleibt, ist der Feinstaub. Wenn man wollte, könnte man wohl wöchentlich die Fenster putzen – und die Rückstände am Lumpen wären so etwas wie die Bestätigung, dass es sich gelohnt hat.

Nur das Unbehagen eint

«Wir sind es leid, dass Wipkingen als Schandfleck wahrgenommen wird», sagt Beni Weder. Er ist der Präsident des Quartiervereins, er weiss, wie die Leute im Quartier denken, fühlen, leiden. 2016 hat der Verein eine Umfrage durchgeführt, 82 Prozent der Wipkingerinnen und Wipkinger, die teilgenommen haben, waren sich einig: Es braucht eine Veränderung. So einig sie sich in ihrem Unbehagen sind, so unterschiedlich sind die Forderungen, wie diesem Unbehagen beizukommen ist. Die Frage «Tunnel oder kein Tunnel?» ist nur eine Ausprägung von vielen.

Die Spaltung des Quartiers lässt sich an Kathy Steiner und Benedikt Gschwind aufzeigen. Die beiden sind sich ähnlich. Eigentlich. Fast gleich alt, politisch links, schon lange gerne im Quartier. Beide finden, dass es so nicht weitergehen kann. Wenn es aber um den Tunnel geht – darum, wie man dem Quartier helfen soll, sind sich die grüne Kantonsrätin und der SP-Kantonsrat fast schon fremd. Für Steiner ist das Projekt eine Verkehrsdystopie, Gschwind sieht in ihm einen Lebensqualitäts-Booster. Sie ist dagegen, er dafür.

Früher brachte Kathy Steiner ihre Tochter in die Krippe an der Rosengartenstrasse. Wenn sie das erzählte, wurde sie als Rabenmutter betitelt – obwohl sich die Krippe am ruhigen Ende der Strasse befand. Rosengarten, das ist in den Köpfen nur Lärm und Verkehr. Wenn die 55-Jährige jetzt auf der Rosengartenbrücke steht, die alle im Quartier einfach Banane nennen, und den vorbeirauschenden Autos zusieht, stellt sie klar: «Auch mir gefällt die heutige Situation nicht.» Trotzdem kämpft sie gegen den Tunnel. «Das Projekt zementiert die Vorstellung, dass man auch in Zukunft mit dem Auto in die Stadt fährt.» Nur weil die Rosengartenstrasse dann etwas ruhiger sei, könne sie nicht Ja sagen.

Die grüne Kantonsrätin Kathy Steiner wünscht sich mehr Ruhe – ist aber gegen den Tunnel. Foto: Fabienne Andreoli

Selbst mit der vierspurigen Strasse findet Steiner Wipkingen lebenswert. Das «Nordbrüggli» beim Bahnhof ist für sie ein Symbol dafür, wie die Lebensqualität gestiegen ist. Früher war es eine versiffte Alkoholikerbeiz. Heute stehen Stofflampen auf den kleinen Tischchen, ganz verschiedene Menschen kehren dort ein.

Am Röschibachplatz daneben ist ein weiterer Treffpunkt entstanden. Die Kreispartei der SP demonstrierte hier vergangene Woche gegen den Tunnel: ein Megafon, viel Wahlkampf, wenig Leute – vielleicht wegen des Regens, vielleicht aus Desinteresse.

Der Traum vom Strassencafé

Benedikt Gschwind hat es sich in der Rosengarten-Frage nicht leicht gemacht. Der SP-Kantonsrat weibelt für den Tunnel – und damit gegen seine Partei. Schon als junger Erwachsener hat er Unterschriften für ein Überdeckungsprojekt der Strasse gesammelt. «Wipkingen muss wiedervereint werden», sagt Gschwind. Er will, dass sich die Menschen auf der dörflicheren, Höngg zugewandten Quartierseite wieder mehr mit jenen auf der urbaneren Wipkinger-Seite treffen und stellt sich dabei Strassencafés an der beruhigten Rosengartenstrasse vor.

Von den Parteien ist einzig die FDP ohne Vorbehalte für das Projekt. Die Regierungsrätin und grosse Befürworterin Carmen Walker Späh wohnt im Quartier. «Wir stehen voll und ganz hinter ihr», sagt Lydia Anja Doornbusch Büttiker von der FDP Kreis 10. Ein bessere Idee als diesen Tunnel werde es nicht mehr geben.

Sieht im Tunnel einen «Lebensqualitäts-Booster»: SP-Kantonsrat Benedikt Gschwind. Foto: Fabienne Andreoli

Ansonsten gibt es viele Zweifel in Wipkingen – und eine grosse Debatte um die Mobilität der Zukunft. Auf der einen Seite stehen die Autofahrer. Christoph Marty zum Beispiel, Vizepräsident der SVP im Kreis 10, fährt jeden Tag im ganzen Kanton herum. Er leitet ein Baugeschäft und hat stets viel «Krempel» dabei. Autos werden auch in Zukunft wichtig bleiben, ist Marty überzeugt. Auch Fredy Wunderlin, der Präsident des lokalen Gewerbevereins, denkt, dass immer Autos durch Wipkingen fahren werden. «Soll ich eine vier Meter lange Vorhangschiene etwa im Bus transportieren?» Vom Tunnel überzeugt sind beide Autofahrer dennoch nicht. Die SVP hätte lieber einen durchgehenden Autotunnel vom Nordring unter der Limmat direkt zur Westumfahrung – in Wunderlins Gewerbeverein gehen die Meinungen auseinander.

Auf der anderen Seite stellt sich die Mutter des Kindergärtlers die Zukunft autofrei vor. Die Grüne Kathy Steiner will auf der Rosengartenstrasse Fussgängerstreifen und Velowege. Und SPler Benedikt Gschwind hätte gerne Tempo 30.

Viele Wipkinger vergleichen die Rosengar tenstrasse mit einem Fluss: 56'000 Autos fahren täglich in die Stadt hinein und aus der Stadt hinaus. Foto: Fabienne Andreoli

Kurt Gammeter nimmt jeweils das Auto, wenn er nach Höngg zur Bank muss. Dafür kritisiert ihn eine Frau im Cafe Belmundo. Beide sind sich einig: «Der Tunnel schürt Ängste.» Früher sei Wipkingen ein Arbeiterquartier gewesen, heute wollten alle hierhin. Wenn der Tunnel komme, werden alle Wohnungen renoviert, und die Mieten steigen, sind sie sich sicher. «Ich will keine zweite Weststrasse, wo es zwar ruhig ist, aber nur noch Gutbetuchte wohnen können», sagt Gammeter.

Diese Befürchtungen sind im Quartier weit verbreitet. Tunnel gleich (noch mehr) Gentrifizierung ist eine viel gemachte Gleichung. Die AL hat im Gemeinderat eine dringliche Interpellation eingereicht und fragt, ob es Massnahmen gebe, das gut durchmischte Quartier in Wipkingen zu erhalten. Auch Christoph Marty von der SVP ist besorgt: «Wo sollen die Leute hin, wenn die Mieten steigen?»

Aufgewertet wird schon jetzt

«Nordbrüggli»-Besitzer Marc Ferri sitzt auf dem Fensterbrett und schwärmt von seinen Gästen. Jung und Alt, Arm und Reich kehrten hier ein, ein bisschen wie in Berlin sei es. «Es wäre langweilig, wenn es tötelen würde wie am Schaffhauser- oder am Rigiplatz.» Geschäftlich könnte ihm der Tunnel vielleicht etwas bringen, aber die Strasse sei eben auch ein Geschenk. Er liebe die Läden dort. Und auch die Notschlafstelle sei wichtig.

SP-Kantonsrat Benedikt Gschwind beschwichtigt, es gebe viele Genossenschaftswohnungen entlang der Rosengartenstrasse. Und die öffentliche Hand könnte noch einige Liegenschaften erwerben, damit die Preise nicht ins Unermessliche stiegen.

«Es ist zynisch, zu denken, dass es nur wegen einer grusigen grossen Strasse keine Gentrifizierung gibt», sagt Beni Weder vom Quartierverein. Diese habe sowieso schon begonnen. Die neuen Überbauungen an der Rosengartenstrasse haben Fenster, dank denen die Schneise nur noch ganz weit weg rauscht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2019, 21:48 Uhr

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