Der Kampf um die Farbenfabrik

Besetzer und linke Politiker wollen über die Zukunft des Labitzke-Areals mitreden. Die Eigentümerin Mobimo hält an ihren Wohnbauplänen fest.

«Make Love Not Lofts»: Die besetzten Baracken an der Hohlstrasse. Foto: Reto Oeschger

«Make Love Not Lofts»: Die besetzten Baracken an der Hohlstrasse. Foto: Reto Oeschger

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Wie eng es in Zürich geworden ist, zeigt der jüngste Freiraumstreit: Es geht um drei heruntergekommene, zugemüllte Baracken, die jahrelang vor sich hin moderten. Zürichs Besetzerszene hat sie kürzlich zum Symbol im Kampf um «das Recht auf die Stadt» erklärt. Die Mobimo AG dagegen will sie möglichst schnell abreissen. Das Immobilienunternehmen hat das Altstetter Labitzke-Areal, an dessen Rand die Baracken stehen, Anfang Jahr gekauft.

Im September sind die Besetzer eingezogen; bereits zum zweiten Mal. Den ersten kurzen Versuch im Jahr 2005 beendete die Polizei. Nach der Handänderung wagten es die Besetzer erneut. Bis dahin dienten die einstöckigen Bauten als Gerümpelkammern. Die Besetzer fanden Kühlschränke, ausgemusterte Bordellutensilien wie Metallkäfige, Pneus und tonnenweise Schrott. Manche Räume wirken, als ob jemand 1980 in die Ferien gefahren und nie zurückgekehrt war. «Wir haben sehr lange aufgeräumt», sagt Marco Wildi (Name geändert), ein erfahrener Zürcher Hausbesetzer.

Die zweite Besetzung war erfolgreicher als die erste. Mobimo liess über die Medien ausrichten, die Besetzer könnten vorerst bleiben, solange sie niemanden störten. Die Aktivisten begannen mit Einrichten, bauten eine Küche, einen Konzertraum, ein Tonstudio, eine Skateanlage und eine öffentliche Velowerkstatt. Mit dem «Autonomen Beauty Salon» wollten sie einen Ort schaffen, wo nicht nur gewohnt wird, sondern Konzerte, Partys und Diskussionen stattfänden. Seit dem Abbruch des Tramdepots Kalkbreite fehle ein solcher Treffpunkt in Zürich.

Ultimatum bis Ende Januar

Bald soll Schluss damit sein. Die Besetzer wollten mit Mobimo einen Gebrauchsleihvertrag abschliessen, Mobimo setzte ihnen stattdessen ein Ultimatum, bis Ende Januar 2012 das Areal zu verlassen. Man habe sich zuerst diplomatisch verhalten, um die Lage abzuschätzen, sagt Mobimo-Portfolio-Manager Peter Grossenbacher. «Doch die Besetzer okkupieren Gebäude, die noch gebraucht werden. In den Hallen lagern neue, wertvolle Geräte. Das können wir nicht akzeptieren.» Ausserdem hätten sich Mieter aus dem Areal beschwert: «Wenn die nichts zahlen, warum müssen dann wir?» Auch Lärmklagen aus der Nachbarschaft seien eingegangen.

Nach dem Abbruch Ende Januar will Mobimo den Boden teeren lassen. Ein benachbarter Occasionshändler möchte dort seine Autos ausstellen. «Die Mieteinnahmen sind ein weiterer Grund, die Besetzer nicht zu dulden», sagt Grossenbacher. Die Abbruchbewilligung habe die Stadt bereits erteilt.

Kampflos wollen die Besetzer nicht abziehen. Den wenigen eingelagerten, neuen Geräten geschehe nichts, sagt Wildi. «Den Lärm haben wir im Griff; es gab nur eine Klage. Und mit den Areal-nachbarn verstehen wir uns bestens.» Das zeige eine Petition, die 70 Mieter unterzeichnet hätten. «Mobimo will uns schlicht loswerden. Dabei geht es nicht nur um die Baracken. Wir wehren uns gegen die Aufwertung Altstettens und die Verdrängung der bisherigen Bewohner», sagt Marco Wildi. Das Labitzke-Areal bilde eine der letzten Orte, der noch nicht völlig durchkapitalisiert sei. Diesen gelte es zu erhalten.

Das Areal strahlt für Zürich tatsächlich eine ungewöhnliche Rauheit aus. 83 Jahre ist es alt; bis Anfang der 90er-Jahre wurden hier Farben hergestellt. Dann stoppte die Produktion, ein Immobilienhändler erstand das Grundstück. Er investierte kaum in die drei Industrieriegel. Was seine Mieter anstellten, kümmerte ihn wenig, Hauptsache, sie zahlten. So haben sich Menschen niedergelassen, die viel Platz und Freiheit suchen, aber wenig Komfort brauchen: Künstler, Ausländervereine, ein Autohändler, Wohngemeinschaften mit offenen Zimmern, eine Moschee, ein Bordell, Nachtclubs wie das frühere Aera oder das Loop 38.

Mobimo hat allerdings andere Pläne, als diese Stadt in der Stadt zu erhalten, für die sie etwa 30 Millionen Franken bezahlt hat, konservativ geschätzt. 300 neue Mietwohnungen «im mittleren Preissegment» will die Gesellschaft auf den rund 10'000 Quadratmetern erstellen. Dafür müssten alle bisherigen Bauten weichen. «Die Substanz ist sehr schlecht. Irgendwann würde alles zusammenkrachen», sagt Grossenbacher. Zwei Lagerhallen sind derart einsturzgefährdet, dass sie schon heute niemand betreten darf. Nach dem Abriss muss erst verseuchte Erde ausgehoben werden, da bei der Farbenproduktion viel Chemie in den Boden sickerte. 2014 sollen die Bauarbeiten starten.

Bis dahin will Mobimo die bisherigen Mieter halten. Aus Kosten- oder Platzgründen werden sie später kaum zurückkommen können. «Das läuft so bei der Umnutzung alter Industrieliegenschaften», sagt Grossenbacher. Die 300 Wohnungen brauche Zürich dringend. Zudem passten sie bestens in die Umgebung. Rundherum haben CS, die Migros-Pensionskasse oder Spross kürzlich neue Häuser hochgezogen. «Hier entsteht ein neues Wohnviertel. Das ist erfreulich für das ganze Quartier.»

Gestaltungsplan oder nicht?

Doch auch die Politik will mitbestimmen, wie dieses Viertel einst aussehen soll. «Das Volk hat am letzten Wochenende klar gesagt, dass Zürich keine Renditemaximierer braucht. Mobimo muss mindestens ein Drittel Genossenschaftswohnungen erstellen», sagt die ehemalige SP-Gemeinderätin und Neo-Nationalrätin Jacqueline Badran. Badran geht davon aus, dass die AG für den Neubau eine Umzonung und einen Gestaltungsplan benötige, die der Gemeinderat bewilligen muss. Dabei werde dieser «namhafte Forderungen» stellen.

Dem widerspricht Peter Grossenbacher. Das Areal befinde sich bereits in einer Mischzone, deshalb komme das Geschäft gar nicht vor den Gemeinderat. «Ein reguläres Bewilligungsverfahren reicht aus.» Gemeinnützige Wohnungen plant Mobimo keine.

Vom 9. bis 11. Dezember findet im Autonomen Beauty Salon ein Veranstaltungswochenende zur Stadtentwicklung statt. Eingeladen ist die ganze Bevölkerung. Infos unter www.stadtlabor.ch.

Erstellt: 03.12.2011, 09:58 Uhr

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