Der Kinderarzt, eine aussterbende Spezies

Beim Austritt aus der Maternité in Zürich müssen Eltern den Kinderarzt ihres Babys angeben können. Doch dazu müsste man erst mal einen finden.

Kinderärzte sind rar: Pädiater mit einem kleinen Patienten.

Kinderärzte sind rar: Pädiater mit einem kleinen Patienten. Bild: Keystone

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So hat sich der frischgebackene Vater das Ganze nicht vorgestellt. Beim Austritt seiner Frau aus der Maternité des Zürcher Triemlispitals wurde er dazu aufgefordert, einen Kinderarzt für seinen neugeborenen Sohn anzugeben – schliesslich muss der behandelnde Pädiater seinen Austrittsbericht an den zukünftigen Arzt adressieren können. «Meine Frau und ich dachten, das sei in etwa so unkompliziert wie die Suche nach der nächsten Postfiliale», sagt er zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Die Realität sah dann etwas anders aus. Mehrere Telefonate waren nötig, bis er endlich einen freien Platz in einer Praxis fand. Beim ersten Arztbesuch ging die Enttäuschung weiter. «Wir wurden regelrecht abgefertigt», sagt der Neo-Papa. «Der Mann hatte sich kaum Zeit für uns genommen. Am Ende standen wir vor der Tür mit tausend offenen Fragen.»

Überalterte Kinderärzte

Noelle Müller-Tscherrig, Geschäftsführerin der Vereinigung Zürcher Kinder- und Jugendärzte, kennt das Problem. Der Mangel an niedergelassenen Pädiatern in Zürich verschärfe sich von Jahr zu Jahr, zumal die Geburtenrate gleichzeitig jährlich ansteige. 2003 hat Statistik Stadt Zürich 3‘629 Geburten von Babys mit Wohnsitz in der Stadt registriert. 2013 waren es bereits 4‘920. Wie viele Kinderärzte in Zürich praktizieren, ist statistisch nicht belegt – Pädiater werden nicht gesondert erfasst. «Aufgrund der Rückmeldungen, die ich erhalte, gehe ich aber davon aus, dass viele Eltern Mühe haben, in Zürich einen Kinderarzt zu finden», sagt Müller-Tscherrig.

Die Generation der Kinderärzte, die eine eigene Praxis mit allen technischen Apparaturen betreiben und das volle finanzielle Risiko tragen, sei überaltert. «Einige sind bereits über 65-jährig und immer noch tätig, weil sie keinen Nachfolger finden.» Müller-Tscherrig führt dies auf den Umstand zurück, dass viele Kinderärzte heute nur in einem Teilzeitpensum arbeiten wollen, was in einer Einzelpraxis als Unternehmerin oder Unternehmer nicht möglich ist. Deshalb ziehen sie ein Anstellungsverhältnis mit Fixlohn in einem Spital oder einer Gruppenpraxis vor.

Zu wenig Ausbildungsplätze

Auf der anderen Seite gibt es laut Müller-Tscherrig in der Schweiz zu wenig Ausbildungsplätze – sowohl im Grundstudium zum Arzt als auch bei der Weiterbildung zum Facharzttitel. Die Zahl gut ausgebildeter Fachkräfte aus dem Ausland reiche nicht, um die Nachfrage zu decken. «Wir ermuntern deshalb unsere Mitglieder dazu, als Lehrärzte oder in Studentenkursen in ihren Praxen angehende Kinderärzte auszubilden.»

Auch Attila Molnar, Leitender Arzt und Gründer der auf Notfälle ausgerichteten Kinder-Permanence beim Zürcher Hauptbahnhof, bekommt den Kinderärztemangel zu spüren. «Ich werde täglich von Eltern gefragt, ob ich auch Stammpatienten aufnehme. Sie sind frustriert, weil sie in Zürich keine Pädiater für die Grundversorgung ihrer Kinder finden.»

Verunsicherte Eltern gehen schneller zum Arzt

Die grosse Nachfrage nach Pädiatern führt Molnar auch auf den sozialen Wandel und veränderte Verhaltensmuster zurück: Kinderärzte werden heute häufiger aufgesucht als früher. «Eltern sind bereits durch einen Fieberschub verunsichert und können nicht auf die Erfahrung von Grosseltern zurückgreifen, die in solchen Fällen wohl eher mal ein altes Hausmittel wie beispielsweise Wadenwickel angewendet hätten.»

Finden Eltern keinen anderen Arzt für ihr Kind, nimmt Molnar sie ausnahmsweise als Stammpatienten auf. Wenn er allerdings darüber in Kenntnis gesetzt wird, dass andere Kinderärzte neue Patienten aufnehmen können, leitet er diese Angaben sofort weiter. «Wir wollen uns auf unser Kerngeschäft konzentrieren, die Notfälle. Unser Ziel ist es , wieder mehr freie Kapazitäten dafür zu haben.» Derzeit beträgt der Anteil Notfallpatienten in der Kinder-Permanence noch rund 80 Prozent.

Arztsuche schon während der Schwangerschaft

Im Triemlispital hat man ebenfalls festgestellt, dass die Suche nach einem Kinderarzt in Zürich schwieriger geworden ist. Um Eltern zu unterstützen, sind dort Listen von Pädiatern erhältlich – aufgelistet nach Wohnkreisen. Noelle Müller-Tscherrig rät werdenden Eltern jedoch dazu, sich bereits früh in der Schwangerschaft nach einem passenden Arzt umzusehen und sich allenfalls auf Wartelisten setzen zu lassen. Es gebe zudem Ärzte in Allgemeinpraxen, die pädiatrisches Fachwissen besässen. «Solche Optionen sollte man ebenfalls überprüfen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.03.2015, 12:35 Uhr

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