Der König von Zürich tritt ab

Seine Majestät Pjotr Kraska, der selbst ernannte Miliz-Monarch der Limmatstadt, hat an Ostern seine Krone niedergelegt. Im exklusiven Gespräch mit dem TA zieht er Bilanz über seine 35-jährige Regentschaft.

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Pjotr Kraska, stadtbekannter Künstler, Behördenschreck und selbsternannter König von Zürich, verschickte kürzlich ein Schreiben, in dem er hochoffiziell ankündigte, an Ostern seine Krone niederzulegen und die Publikation seiner «Hofnachrichten» per sofort einzustellen.

Ein überraschender Schritt, der einige Fragen aufwarf. Und Kraska zeigte sich bereit, diese zu beantworten. Als Treffpunkt schlug er die Tasca Romero im Niederdorf vor. Und die spanische Gaststätte, das zeigte sich rasch, war keine Zufallswahl: Bevor der Miliz-Monarch Fragen beantworten mochte, erläuterte er fast eine Stunde lang die Philosophie, Faszination und Travestie des Stierkämpfens, die Crème de la Crème der Matadoren, die archaisch-liturgische Zelebrierung der Tauromachie in der Arenen in Sevilla, Madrid und vorab Bilbao, wo er auch seinen zweiten «Königssitz» innehatte.

Nach diesem begeisternden Monolog orderte der 69-Jährige einen zweiten Zitronentee und einen Meeresfrüchtesalat und signalisierte, dass er nun für das Interview bereit sei.

Eure Majestät, Ihr habt kurz vor Ostern Eure Abdankung und die Einstellung der «Offiziellen Hofnachrichten der Krone» verkündet. Weshalb dieser Schritt?
Die Gesundheit. Die «Hofnachrichten» zu gestalten und zu verbreiten, bedarf einer Präsenz, die Wir nicht mehr leisten können. Die Lust und Freude ist noch da. Doch die Krone würdig zu vertreten, ist zu einer Bürde geworden.

Ist es bereits abzusehen, welche Folgen Eure Abdankung für die Stadt Zürich und deren Reichsbürger haben wird?
Das Hier und Jetzt betrachtend, dürfen Wir feststellen: Keine ersichtlichen Folgen.

Wie lange hat Eure Regentschaft überhaupt gedauert? Es gibt diesbezüglich ja unterschiedliche Darstellungen.
Eine offizielle Inthronisierung fand niemals statt. Doch zweifelsfrei bestiegen Wir den Thron anno 1980. In diesem Jahr verfassten Wir, damals noch als gemeiner Bürger und Dichter, ein Konzept zu Zürichs Autonomem Jugendzentrum (AJZ). Wir zeigten auf, wie der Betrieb im «Zentrum» geregelt werden müsste, damit er funktionieren würde. Als Wir dieses Papier einer engen Freundin präsentierten, sprach diese spontan: «Du bist der König!» Wir fanden Gefallen daran und bestiegen den Thron. Unsere Regentschaft dauerte demzufolge 35 Jahre. Wobei Wir die «Hofnachrichten», die lückenlos in der Kaiserlichen und Königlichen Hofbibliothek des Kunsthauses aufzufinden sind, ein wenig später lancierten.

Da wir grad von grossen Momenten sprachen: Welches war der Höhepunkt Eurer Epoche als König?
Dass Wir uns früh auch in Bilbao als König etablieren konnten. Was daran lag, dass Wir offensichtlich die Essenz des Stierkampfs begriffen hatten und im Name Unserer Krone offiziell anerkannte Preise beisteuerten. Wir waren sozusagen ein Experte dieser Kunstwelt mit tödlichem Ausgang und durften seinerzeit noch darüber in der NZZ, der «Weltwoche» und im Tagi-Magi ausführlichst Bericht erstatten.

Gab es ein Highlight, das sich auf Zürich bezog?
Da möchten Wir Unsere Freundschaft mit Paul Gredinger nennen. Gredinger war erst Mit- und später Alleininhaber der Werbeagentur GGK, die in den 70er- und 80er-Jahren weltweit als eine der grössten und kreativ erfolgreichsten Agenturen galt. Wir durften im Zürcher Sitz der Agentur in Wollishofen nach Belieben ein- und ausgehen und für die Erstellung der «Hofnachrichten» die Infrastruktur benutzen, und Wir lieferten Uns mit Gredinger, den Wir als Unseren «Kaiser» anerkannten, etliche lustvolle Debatten über unsere Reiche. Er war ein Mann, der wusste, was sich gehört – so nahm er 1989 auch an der Bestattung von Österreichs letzter Kaiserin Zita in Wien teil. Gredinger verstarb 2013, eine Figur wie ihn, die den topseriösen Businessmann wie auch den absoluten Freigeist in sich vereinte, sucht Zürich seither vergebens.

Von grossen Momenten zu grossen Verdiensten: Welche Errungenschaft verdanken Euch die Zürcher Bürgerinnen und Bürger?
Den Nulltarif, auch bekannt als «Weissfahren im öffentlichen Verkehr». Leider wird er bislang von Unserem Volk überhaupt nicht praktiziert.

Wahrscheinlich deshalb, weil es Euch in all den Jahren nie gelang, den Unterschied zwischen dem in den Medien verwendeten Begriff «Schwarzfahrer» und dem von Euch propagierten Terminus «Weissfahrer» aufzuzeigen.
Das ist und war einzig das Problem der Medienvertreter, welche die gerichtlichen Dokumente, die Wir in den «Hofnachrichten» immer wieder publizierten, nie richtig studierten! Im wichtigsten Entscheid hatte das Bundesgericht 2011 befunden, dass Personen ohne Fahrkarte strafrechtlich nicht zur Verantwortung gezogen und damit nicht gebüsst werden dürfen. Alle Urteile gegen Uns wurden aufgehoben, offiziell sind Personen ohne Fahrkarte also von höchster richterlicher Instanz gestützte Weissfahrer, der Begriff «Schwarzfahrer» dürfte gar nicht mehr existieren.

Habt Ihr überhaupt jemals eine VBZ-Busse bezahlt?
Nein, niemals. Wie gesagt, Wir verfechten kategorisch den Nulltarif. Der bei Uns als König auch problemlos Anwendung findet: Kontrolleure der VBZ tun ostentativ so, als würden sie Uns nicht sehen, wenn sie durch den Bus oder durchs Tram stolzieren. Die Ironie an der Sache: Wir wären gar nicht auf den öffentlichen Verkehr angewiesen, Wir besitzen nämlich einen Fahrausweis für Automobile ... der übrigens ein Kunstwerk ist, Andy Warhol hatte ihn 1978 anlässlich einer Ausstellung im Grossen Kunsthaussaal unterschrieben.

Kunst ist ein gutes Stichwort: 2016 feiert die Zürcher Dada-Bewegung den 100. Geburtstag. Ihr seid Dadaist, zudem werdet Ihr im kommenden Jahr 70 – das wäre doch Eure grosse Bühne gewesen.
Richtigstellung: Wir waren nie Dadaist, sondern König mit Sinn für Dada. Eine dem 100. Dada-Geburtstag gewidmete «Hofnachrichten»-Ausgabe war in Vorbereitung, die 2016 hätte erscheinen sollen. Doch offensichtlich will das Dada nicht. Was natürlich dada ist.

Dennoch: Euer königliches Wirken ist unzweideutig von Dada geprägt.
Wer weiss ... möglicherweise in der Veredelung Unserer Schweizer Banknoten. Das Zürcher Kunsthaus hat kürzlich für 20'000 Franken je eine Hunderter- und eine Fünfzigernote erworben, der Kauf ist offiziell ausgewiesen in der Jahresrechnung, zusammen mit dem Erwerb von Zeichnungen Van Goghs oder Collagen von Dadas wie Arp, Huelsenbeck und Janco. Andrerseits haben Wir Herrn Notz, den Leiter des Cabaret Voltaire, zu überzeugen vermocht, dass sein Institut ab 2024 die Grabpflege des russischen Anarchisten Bakunin übernehmen wird, der ja in Bern begraben liegt, und der 2014, anlässlich seines 200. Geburtstags, offiziell vom Cabaret Voltaire zum 166. Dadaisten erkoren wurde. Bis dahin wird die Grabpflege von der Kaiserlichen Familie Unseres zuvor erwähnten Freundes und Kaisers a. D. Paul Gredinger berappt.

In anderen Monarchien folgt auf den einen König ein nächster. Wie ist das bei Euch? Steht ein Nachfolger bereit? Oder muss sich die Stadt auf ein längeres Interregnum einstellen?
Ein Thronfolger ist nicht in Sicht, nein. Unser hochgeschätzter Prinz Oky wird die Nachfolge nicht antreten. Zwar amtete er in gewissen ideologischen Fragen als Unser Korrektiv, in erster Linie nahm er jedoch repräsentative Pflichten wahr.

Da Ihr keinen Nachfolger stellen könnt, bestünde ja die Möglichkeit, die Amtsgeschäfte einem anderen Zürcher Miliz-Monarchen zu übergeben. Seht Ihr einen solchen?
Nein. Doch Wir nahmen Uns auch keine Zeit, danach Ausschau zu halten.

Nun, nach Niederlegung der Krone, seid Ihr wieder ein gewöhnlicher Zürcher Bürger. Damit dürfte auch die Anrede mit dem Pluralis Majestatis hinfällig werden.
Ja, dem ist so. Man kann mich also, wie schon bis anhin, auch fortan mit «Guten Tag, Herr Kraska» begrüssen.

Ein allerletztes Schlusswort als Majestät?
Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.04.2015, 15:56 Uhr

Lebenslauf des Königs

Peter (oder Pjotr) Johannes Kraska wurde am 22. Februar 1946 in Zürich geboren. Seine künstlerische Laufbahn begann er 1966 als Verfasser/Regisseur experimenteller Theater; das Stück «dks» inszenierte er mit Mitgliedern des Kammersprechchors Zürich in einem gänzlich verdunkelten Raum. 1968 gründete er das «Wath Tholl»-Theater, mit dem er an den legendären, von Dieter Meier (Yello) organisierten «Underground Explosion»-Anlässen in Zürich und München ein schreiendes Kampfballett umsetzte. In den 70er-Jahren wechselte Kraska das Genre – und veröffentlichte mit «Der Grosse Wurf. Ein Gedicht» sein unter anderem in der NZZ gefeiertes literarisches Debüt. Weitere Werke waren die Novelle «Der Tod in Neapel» (1977) und der Krimi «Die Hand im Klong – und Buddha lächelt ewig» (1982).

1980, im Umfeld der Zürcher Unruhen, gab er sich den Titel «Seine Majestät König Kraska, Herrscher des Zentrischen und A-Zentrischen Reichs». Für mediales Aufsehen sorgte Kraska in der Folge vorab als «Behördenschreck» und «notorischer Schwarzfahrer» (wobei er sich stets als Weissfahrer bezeichnete), in seiner Publikation «Offizielle Hofnachrichten der Krone» propagierte er den «Nulltarif», dokumentierte das Hickhack mit Ämtern und Gerichten und veröffentlichte Anleitungen fürs korrekte Entwerten (bez. «Aufwerten») von VBZ-Tickets. In der Ausstellung «Dada Global» im Zürcher Kunsthaus von 1994 durfte er mit anderen zeitgenössischen Vertretern des Dada eine Vitrine bespielen. 2014 erwarb das Kunsthaus je eine von Kraska veredelte 50er- (Titel: «Dada handliCH – kurz + gut») und 100er-Note («Kein Kraska – ein Giacometti»). Die aufs Dada-Jubiläum 2016 hin geplante Ausgabe der «Hofnachrichten», die als Maquette bereits besteht, wird nicht mehr erscheinen. (thw)

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