Der Medienhype im «Fall Carlos»

Die grössten Schweizer Medien haben über den «Fall Carlos» 1053-mal berichtet. Diese Dynamik angetrieben hat die «Haltung der Politik».

Politik als «Skandalisierungsbeschleuniger»: Carlos in der Sendung «Reporter» des Schweizer Fernsehens vom 25. August 2013.

Politik als «Skandalisierungsbeschleuniger»: Carlos in der Sendung «Reporter» des Schweizer Fernsehens vom 25. August 2013. Bild: Keystone

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Zürich – An einer Fachtagung zum schweizerischen Jugendstrafrecht hat Mario Schranz, Co-Leiter des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesell­schaft, Ergebnisse einer quanti­tativen und qualitativen Analyse der Medienberichterstattung zum «Fall ­Carlos» vorgestellt. Zwischen August 2013, dem Bekanntwerden des «Sondersettings» für den Jugendlichen, und Juni 2014, dem Ende des modifizierten Sonder­settings, erschienen 1053 Beiträge. Untersucht worden sind die 19 grössten Zeitungen der Schweiz, 8 Online-Newssites sowie 4 Radio/TV-Stationen.

Der Fall Carlos, so Schranz, trage «Züge eines Medienhypes». Dem «Thema­tisierungs­zwang» hätten sich auch «qualitätshohe Medientitel» nicht entziehen können. Auffallend sei bei ­allen Medientypen der ressourcen­intensive «relativ hohe Eigenleistungsgrad». Die Vielfalt sei allerdings eingeschränkt gewesen, weil Medien sich stark an den Schlagzeilen der anderen Medien orientiert hätten.

Der Wissenschaftler hielt in seinem Fazit aber auch fest, dass die Politik als «Skandalisierungsbeschleuniger» gewirkt habe. Die «populistische Haltung der Politik hat die Dynamik angetrieben und Anschlusskommunikation im Verlauf der Berichterstattung erst ge­schaffen. Es ging im Fall Carlos schon bald nicht mehr ausschliesslich um ­Carlos, sondern um die Politik und ­deren Verhalten und Verantwortung.»

Neidisch auf Schweizer System

An der von der Fachgruppe Reform im Strafwesen organisierten Tagung lobte der deutsche Jugendstrafrechtsexperte Bernd-Rüdeger Sonnen das Schweizer System im Umgang mit jugendlichen Straftätern. In Anlehnung an eine Formulierung des Schriftstellers Martin Walser sprach er von der Schweiz als ­einer «vorweggenommenen Utopie». Anhand zweier deutscher Studien aus den Jahren 2003 und 2011 konnte er nachweisen: Je härter die Sanktionen gegen­über jugendlichen Straftätern, ­desto höher ist die Rückfallrate.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2014, 08:38 Uhr

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