Der Mittelstand steht unter Druck

Unispital, Zoo und Fifa haben im flächenmässig grossen Kreis 7 Platz. Familientaugliche Wohnungen dagegen verschwinden zusehends.

Gesund und wissbegierig: Der Polyester-Zwingli vor dem Hauptgebäude der Universität Zürich. Foto: Sabina Bobst

Gesund und wissbegierig: Der Polyester-Zwingli vor dem Hauptgebäude der Universität Zürich. Foto: Sabina Bobst

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Hier ist der Mittelstand zu Hause – mancherorts der gehobene Mittelstand. Und der fürchtet, mit den steigenden Mietzinsen und Landpreisen bald nicht mehr mithalten zu können. Selbst am Zürichberg, vor allem aber im etwas weniger upper-klassigen Hottingen wünschen sich die Bewohner mehr sozialen Wohnungsbau. «Gerade Familien, für die das Quartier besonders attraktiv ist, geraten zunehmend unter Druck», sagt Julia Kuske vom Quartierverein.

Noch deutlicher wird Balz Bürgisser, Präsident des Quartiervereins Witikon: «Gesucht sind Genossenschaften, die in Witikon preisgünstige Wohnungen bauen.» Er beklagt auch den Abbau von Dienstleistungen: Sekundarschule, Polizeiposten, Bankfilialen, Restaurants. «So verkommt Witikon zu einem Schlafquartier.» Grafik vergrössern

Susi Lüssi, Co-Präsidentin des Hirslander Quartiervereins, ruft dazu auf, Altwohnungen zu erhalten, damit die Mieten nicht zu stark ansteigen. Herbert Frei, ein Hirslander «Urgestein», erhofft sich, dass die charakteristischen Häuser der Vorkriegszeit nicht «seelenloser Einheitsarchitektur» weichen. Denn noch, so sind sich alle einig, hat der Kreis 7 ein eigenes Gesicht.

Im Bus Nummer 31

Beim Kunsthaus fährt der 31er-Bus in den Zeltweg. Nun sind wir im Kreis 7. Die Strasse ist gesäumt von gepflegten Mehrfamilienhäusern. Im Haus Nummer 27 beschloss Gottfried Keller sein Leben. Der Zeltweg ist eng, eigentlich zu eng für einen Bus. Haltestelle Kreuzplatz. Die Route beschäftigte die Verkehrsplaner jahrelang – ihretwegen lupfte es manchen Quartierbewohnern den Hut. Man gewöhnt sich langsam an die neue Verkehrsführung, selbst die «Grünen» sprechen von einer Verbesserung. Im Quartier Hirslanden herrschen Gartenstadtsiedlungen vor, etwas Heimatstil, kein eigentliches Zentrum. Nächster Stopp Hegibachplatz, lange war das die Endstation der Linie. Dem Quartier Witikon fehlte damit die direkte Anbindung an die Stadt. Seit knapp zwei Jahren fährt nun aber der 31er weiter. Ein Bub steigt mit seinem Velo zu – von nun an geht es bergauf.

Die alte Kirche

Nach der Schlyfi, der engen Kurve der Witikonerstrasse, beginnt eine andere Welt. Man spürt: Witikon wurde spät, erst 1934, in die Stadt eingemeindet. Ein Dorf ist es aber nicht mehr, eher gehobene Agglo. Doch grüsst man nun beim Einsteigen in den Bus. Endstation: Kienastenwies. Im Bushäuschen schläft eine Obdachlose ausgestreckt auf der Bank. Zwei Frauen schauen kurz nach ihr.

Ein Wanderwegweiser am Strassenrand signalisiert: Ab jetzt wird es grün. Die Statistik zeigt: Der Kreis 7 weist die geringste Bevölkerungsdichte der Stadt auf. Ein Blick auf die Karte zeigt auch, weshalb. Er ist zweigeteilt: unten grau, oben grün. Die Siedlung ist konzentriert, mancherorts schon fast verdichtet. Das Grün ist der Wald am Oetlisberg, am Adlisberg, am oberen Zürichberg. Doch das Grau drückt bergauf, rundum sind neue Mehrfamilienhäuser entstanden.

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Auf einer Wiese liegen träge sieben Kühe in der Herbstsonne. Daneben ein Schild: «Hier entsteht eine attraktive Überbauung mit 1,5- bis 4,5-Zimmer-Wohnungen.» Doch ist hier noch ein bisschen Alt-Witikon übrig geblieben: Scheune, Schweizer Fahne, Obstgarten, plätschernde Brunnen, ein hölzernes Wagenrad lehnt an der Wand, ein Range Rover steht auf dem Parkplatz. Vor der Bilderbuchkirche auf der Anhöhe steht ein Mann mit Fernglas. Schön ist es hier. «Es war einst noch viel schöner», sagt er. Heini Graf, 73-jährig, ist in Witikon aufgewachsen. «Es wird alles überbaut», sagt er kopfschüttelnd. «Das ist in den letzten Jahren geradezu explodiert.» Er erinnert sich noch an eine Zeit, in der hier auf den Strassen mehr Pferdewagen als Autos unterwegs waren. Die Stadt krieche hoch. Das ist nicht mehr sein Witikon.

Doch der Ausblick ist umwerfend. Im Herbstlicht steigt der Albis plastisch hoch auf. Dahinter ragen dunkel der Pilatus und, bereits verschneit, Eiger, Mönch und Jungfrau hoch.

In der Dolderbahn

Der Kreis 7 ist nicht nur in Grau und Grün geteilt. Seine Quartiere werden auch von Durchgangsstrassen zerschnitten. Daran erkennt man die einstigen Strassendörfer bis heute. Witikon durch die Witikonerstrasse, Hottingen und Hirslanden durch die Asylstrasse, Fluntern durch die Zürichbergstrasse, auf der sich Heerscharen auf vier Rädern Richtung Zoo bewegen. Verkehr und Gestank. Auch der durch den Zuzug des Kinderspitals noch ausladender werdende Spital-Cluster auf dem Balgrist generiert Verkehr, der manchmal kaum mehr zu bewältigen ist. Das lupft manchem den Hut.

Die Dolderbahn führt über die Grau-grün-Grenze hinauf, je höher, desto luxuriöser werden die Villen. Wir sind in Fluntern am Zürichberg. Dolder Grand, Golfplatz, Fifa, Masoala-Halle. Hier schillert das Quartier. Doch sind das Aussenwelten, belebt wird es dadurch nicht.

Im Paradiesli

Die Hofstrasse führt zurück in die Stadt. Sie ist so steil, dass an einer Stelle ein Handlauf angebracht wurde. Und sie führt ins Paradies. Es ist klein, heisst daher auch «Paradiesli» und ist so versteckt, dass man es kaum findet. Das hat das Paradies wohl so an sich. Eine gemütliche Gaststube, ein überaus lauschiger Garten. Auf der Karte stehen Schübling und Quiche.

An den klapprigen Gartentischen sitzen ganz unterschiedliche Menschen. Drei Freundinnen schlürfen Eistee, eine ältere «Züriberg»-Frau mit Hut sitzt neben einem Studenten, der am Laptop arbeitet. Ein Mann, Hochdeutsch sprechend, und eine Frau planen eine Theateraufführung. Eine Mutter mit drei Kindern ist nur zum Plaudern mit der Wirtin Katja Graber hierhergekommen. Eine Quartierbeiz? «Auch», sagt Graber, «aber nicht nur.» ImParadiesli ist die soziale Durchmischung noch nicht in Gefahr.

Erstellt: 12.10.2019, 02:28 Uhr

Serie zum Zwingli-Jahr (Teil 7)

In diesen Wochen macht sich Zwingli in Form von speziell gestalteten Polyesterfiguren auf eine Tour durch Zürichs Stadt­kreise. Er will erfahren, weswegen es den Bewohnerinnen und Bewohnern dort den Hut lupft. Wir begleiten ihn dabei. Heute durchstreifen wir den Kreis 7. (net)

Infos: www.zwinglistadt.ch

Zwingli-Gsprööch

Am Dienstag, 22. Oktober, um 19 Uhr findet in der Aula der Universität Zürich das «Zwingli-Gsprööch» statt. Dabei geht es ums Thema Gesundheit in verschiedenen Facetten: Wie gesund war Zwingli? Wie gesund ist Zürich? Wie gesund ist die Gesundheitspolitik? Diskutieren werden u.a. der Theologe Peter Opitz und der Zürcher Stadtrat Andreas Hauri. Musikalische Umrahmung durch Hieronymus Schädler (Flöte). (net)

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