Der Möblierungszwang wirkt ungehemmt

Strassen und Plätze in Zürich sollen offen und möglichst unverstellt sein, so wollen es Stadtrat und Verwaltung. Dennoch kommen laufend neue Möbel hinzu.

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Zwölf Pflanzentöpfe und zwölf Bänke stehen neu auf dem Rennweg; 120'000 Franken sind diese Töpfe der Vereinigung Rennweg-Geschäfte wert. Weitere Bänke stellt die Stadt am Münzplatz auf und beim Herkulesbrunnen an der Kreuzung Oetenbachgasse/Rennweg. Das freut die weichen Knie der Fussgänger und bestätigt das urbane Gesetz: Wo Platz frei wird, kommt bald ein Möbel hin. Am Rennweg dauerte es immerhin vier Jahre zwischen dem Verschwinden der Parkplätze und der Ankunft der Bänke und Töpfe. Dieser Möblierungszwang ist so stark, dass er sogar jene befällt, die ständig vor ihm warnen: die Stadtverwaltung und im Speziellen das Tiefbauamt.

Die Leute mögens bunt

«Die Gestaltung der öffentlichen Stadt-räume wirkt wegen der übergrossen Vielfalt und Menge des städtischen Mobiliars und der Infrastruktur-Elemente vor allem im Strassenraum inkohärent und überladen.» Das steht im Strategiepapier der Stadt Zürich zur Gestaltung des öffentlichen Raums, veröffentlicht im Mai 2007. Doch die Klagen, die Stadt sei über- und verstellt, sind viel älter. Unvergessen Stadtrat Ruedi Aeschbachers (EVP) Versuch vor 15 Jahren, den Zeitungsboxen einen grauen Anstrich zu verpassen, damit sie weniger auffallen und den öffentlichen Raum optisch weniger belasten. Doch kriegte er umgehend den Volks- und Medienzorn zu spüren, für den bunt gleich schön und Grau gleich zwinglianisch ist.

Ähnlich erging es seiner Nachfolgerin an der Spitze des Tiefbauamtes, Kathrin Martelli (FDP). Sie zog sich den Spitznamen «Asphalt-Kathrin» zu, als bei der Neugestaltung des Paradeplatzes vier verdorrte Bäume entfernt und die rötlichen Bodenplatten durch grauen Belag ersetzt wurden. Ein Name, den die unerschrockene Martelli bestätigte, als auch die Renovation der Stadthausanlage geprägt war von Asphalt und entferntem Unterholz. Aber sogar Kathrin Martelli erlag dem Möblierungszwang, als sie bei der Neukonzeption der eigentlich karg angelegten General-Guisan-Quai-Anlage mittendrin einen rosaroten Kugelbrunnen guthiess – Kunst im öffentlichen Raum.

Auch Martellis Nachfolger, Martin Waser (SP), wollte anfangs dem öffentlichen Raum mehr Platz verschaffen, doch hatte er die Rechnung ohne die Wirte mit ihren Loungemöbeln gemacht. Das so genannte Loungeverbot in den Boulevardcafés wurde zum Stammtisch- und Medienknüller, provozierte politische Vorstösse der Bürgerlichen und endete mit einer neuen Ausgabe der Richtlinien für Boulevardcafés, die den Wirten weitgehend freie Hand lässt.

Unsere Gäste wollen es gemütlich haben, sagen die Wirte. Unsere Kunden wollen sich geborgen fühlen, ist das Gestaltungsmotto in der Ladenpassage des Bahnhofs Stadelhofen. Die wurde von Santiago Calatrava in raffinierter Betonarchitektur entworfen, wofür es prompt Designpreise hagelte. Doch Beton ist nicht gemütlich, weshalb sich die Ladenbetreiber bald ans Dekorieren machten mit Leuchtgirlanden, Tafeln, Auslagen und vielem Bunten mehr. Die SBB, die das karge, aber elegante Gewölbe in Auftrag gegeben hatten, schauten dem bunten Treiben tatenlos zu.

Tatenlos? Im Hauptbahnhof sind die SBB unermüdlich daran, ihre Haupthalle weiter aufzufüllen. Der riesige Raum ist eigentlich eine Sensation – so viel Leere mitten in der Stadt, mitten in der Hektik. Doch die Leere ist schwer zu ertragen, für die vom Leistungsauftrag gepiesackten SBB auch deshalb, weil mit ihr kein Geld zu machen ist. Und so dekorieren sie die Bahnhofhalle mit Werbung und Events, dass sich die Schienen biegen. Zusammen mit der Kunst in der Luft (Engel, Leuchtkörper) und den vielen Infotafeln und Monitoren ist die einst leer geräumte Bahnhofhalle heute schon wieder zur Hälfte gefüllt.

Josef Estermanns Fehler

Meisterin im Stadt-Dekorieren ist die City-Vereinigung. Alle paar Jahre füllt sie die Innenstadt mit Teddybären, Bänken, Kühen, Löwen oder Blumentöpfen (2009). Die Bahnhofstrasse sei schon schön genug, beschied der Stadtrat 1990 mit dem frisch gewählten Josef Estermann der Geschäftsvereinigung Bahnhofstrasse und verbot deren Wasserspiele. Doch das kam gar nicht gut an, verschlechterte das Verhältnis zwischen Stadt und Wirtschaft weiter, so dass Estermann später von einem politischen Fehler sprach. Seither kennt die Fantasie der City-Vereinigung keine Grenzen.

In drei oder vier Jahren, wenn das Parkhaus Opera gebaut ist, werden die Parkplätze auf dem Münsterhof aufgehoben. Die Stadt hat bereits angekündigt, dass sie die Fläche freihalten will, doch wird sie das kaum schaffen. Dem Möblierungszwang könnte begegnet werden mit einem Kunstwettbewerb. Wobei dann wohl das Projekt am meisten Chancen hätte, das in die Mitte des Münsterhofs Attrappen von Automobilen stellt, die genau das Ausmass der heutigen Parkplätze haben. Dann hätten die Gewerbler einen gefüllten Platz, und die Stadt käme zu ihrer geliebten Kunst im öffentlichen Raum. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2008, 23:03 Uhr

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