Der Monstermacher mag nicht mehr

Seine Alien-Figur machte H. R. Giger weltberühmt. 33 Jahre danach hat der Zürcher Künstler noch einmal bei einem Hollywoodprojekt mitgewirkt. Doch mit seiner Arbeit hat er weitgehend abgeschlossen.

Die Gage von Ridley Scotts Prometheus sei noch nicht auf seinem Konto eingegangen: H. R. Giger.

Die Gage von Ridley Scotts Prometheus sei noch nicht auf seinem Konto eingegangen: H. R. Giger. Bild: Keystone

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Eine ruhige Wohngegend am Rand von Oerlikon. Drei aneinandergebaute Einfamilienhäuser. Auf den ersten Blick deutet nichts darauf hin, dass hier seit mehr als 30 Jahren ein obsessiver Visionär wohnt. Einer, der hinter diesen Mauern Bilder voller albtraumhafter Welten aus Sex und Fäulnis, verführerischen Schönheiten und verformten Leibern ersonnen hat. Besuchern, die den Garten betreten, quillt erst einmal ein Dickicht aus Grün entgegen.

Hans Ruedi Giger, besser bekannt als H. R. Giger, weist den Weg durch den Wildwuchs. Schlohweisses Haar, schwarz gekleidet und barfuss. Seit über 30 Jahren lebt der 72-jährige Schweizer Surrealist von Weltruf, Schöpfer der echsenartigen, zähnefletschenden Alienfigur und Oscar-Preisträger in der Stadt Zürich. Vorbei gehts an efeuumrankten Schaufensterpuppen, einem aufgehängten Krokodil, roboterähnlichen Wesen mit Klauen statt Füssen. Giger deutet auf eine kleine, verlotterte Eisenbahn. Früher hat er damit Gäste durch den verwunschenen Dschungelgarten gefahren. «Eine Geisterbahn war immer schon mein Bubentraum.» Leider funktioniert das Wägelchen nicht mehr, und der Gartenboden sei für dieses Vergnügen zu instabil geworden.

Das All wird wieder gefährlich

Der Künstler nimmt Platz auf einem stuhlähnlichen Objekt. 33 Jahre nach seinem Debüt beim Science-Fiction-Schocker «Alien» ist H. R. Giger wieder in aller Munde: dank der Mitarbeit am 250 Millionen Franken teuren Hollywoodstreifen «Prometheus», für den er eines der Raumschiffe gestaltet hat. Der Film geht der Frage nach, ob die Menschheit von Ausserirdischen erschaffen wurde. Wurde sie? Giger blinzelt und lässt die Frage unbeantwortet.

Der wieder erwachte Rummel um seine Person ist Giger unangenehm: «Ich stehe nicht gern im Mittelpunkt.» Aber sie tut dennoch gut, die Aufmerksamkeit, die Einladung der Filmgesellschaft zur Weltpremiere des Films nach London, das Blitzlichtgewitter der Fotografen.

«Prometheus» kapiert kein Mensch

Trubel hatte Giger in letzter Zeit allerdings bereits genug: Nur zwei Tage vor der Premiere musste er mit stark geschwollenen Füssen in die Klinik Hirslanden einrücken. Diagnose: Herzprobleme. Die Ärzte setzten ihm einen Stent. «Verrückt. Tags darauf sass ich mit meiner Frau bereits im Flieger nach London.»

Der Film von Ridley Scott gefällt Giger. «Prometheus» sei voller «zünftiger» Spezialeffekte, sagt er. «Nur die Story ist quer, die kapiert kein Mensch.» Und die Gage ist auch noch nicht auf seinem Konto eingegangen. Prometheus aber mache die Tiefen des Weltalls wieder aufregend und gefährlich. Zu einem Ort, an dem einen niemand schreien hört. Wie damals, 1979, als H. R. Giger in Oerlikon zu nächtlicher Stunde das Monster Alien kreierte. Das war kein Ausserirdischer mit Glupschaugen und Jö-Effekt. Giger schuf ein glänzend schwarzes Wesen mit Säure im Blut, sichelförmigem Schädel, Machetenschwanz und blitzenden Chromstahlzähnen. «‹Alien› ist der einzige Film, mit dem ich hundertprozentig zufrieden bin», sagt Giger, der Apothekersohn aus Chur, der mit jenem Werk auf einen Schlag weltberühmt wurde.

Ruhm, kein Geld

Giger zog schon in jungen Jahren die Aufmerksamkeit auf sich. Als fünfjähriger Bub schleifte er einen Totenschädel an einer Schnur mitten durch Chur. Statt Schulaufgaben zu büffeln, zog es ihn ins Rätische Museum, wo ihn im Kellergewölbe die Mumie einer ägyptischen Prinzessin faszinierte. Während der Hochbauzeichnerlehre goss er im Keller seine bizarren Ideen in Polyester. «Das sei alles chranks Züüg, meinte damals mein Lehrmeister.» Tempi passati. Giger lacht. Das Kranke wurde Kult. Die internationale Kunstwelt riss sich um die perfekt komponierten Spritzpistolenbilder, die in ihrer Ästhetik Mensch und Maschine, Eros und Tod, vereinen.

Mit Alien kam zwar der Ruhm, aber nicht das grosse Geld. Kassiert haben andere. «Mein Design wurde übernommen und verändert. Das Filmbusiness ist ein Gangstergeschäft», sagt Giger, den es heute noch wurmt, dass das schweizerische Kunstestablishment damals auf Abstand ging. Kritiker spotteten über seine «triviale Dekorkunst». «Es hiess, ich hätte mich an Hollywood verkauft.»

Urnen, Lampen, Plattencover

Giger schuftete 16 Stunden am Tag im Atelier. Er vergrub sich regelrecht in seine Arbeit. «Ferien machte ich nie», sagt er. Nicht nur Zeichnungen, Gemälde und Grafiken entstanden. Auch Skulpturen, Plattencovers, Tische, Stühle, Motorräder, Spiegel, Lampen, Gitarren, Uhren, sogar Urnenmodelle und ein Mikrofonständer. 1992 legte er die Spritzpistole aus der Hand. «Ich hätte mich nur noch wiederholt.»

Heute, noch einmal 20 Jahre später, arbeitet Giger kaum mehr an neuen Werken. «Ich mag nicht mehr», sagt der Monstermacher. «Künstlerisch bin ich gesättigt.» Er sei ein alter Mann geworden, der die Ruhe schätze.

«Ich bin durchaus nicht weltfern»

Bei näherem Hinsehen fällt auf: Die Fensterläden hinter dem vielen Grün in Gigers Garten sind verriegelt. Sie sind es schon seit Jahren. Wenn der Mann arbeitet, dann in der Nacht. Tagsüber schläft er und ist prinzipiell erst am späteren Nachmittag ansprechbar. «Neumodischen Firlefanz» wie Internet, E-Mail und Facebook lehnt Giger ab. Er besitzt auch kein Handy. «Aber ich bin durchaus nicht weltfern», sagt er. Die meiste Zeit des Tages verbringe er in seinem Zimmer auf dem Bett.

In dieser abgeschirmten Klause, die kein Fremdling betreten darf, schaut H. R. Giger viel Fernsehen und DVDs, führt Tagebuch, liest Bücher und Zeitungen. Hier fantasiert und fabuliert er vor sich hin und zieht die Fäden seiner Geschäfte – mit tatkräftiger Unterstützung seiner zweiten Ehefrau Carmen. Die ehemalige Korrektorin, 24 Jahre jünger, war in den vergangenen Jahren seine grösste Inspiration. «Sie ist meine Muse. Ohne sie wäre ich in meinem Chaos verloren.»

Ohne Angst vor dem Tod

Gigers Frau schätzt an ihm seine Grossherzigkeit, die Lebenslust und dass er trotz seines Erfolgs immer bescheiden geblieben sei. Carmen Giger managt die Anfragen aus dem In- und Ausland, organisiert Ausstellungen und kümmert sich vor allen als Direktorin um das 1998 im freiburgischen Gruyères eröffnete «Museum HR Giger». Das altehrwürdige Schloss, in das Giger fast sein ganzes Vermögen gesteckt hat, beherbergt einen grossen Teil seines Gesamtwerks.

Vor dem Tod, zentrales Motiv seiner künstlerischen Arbeit, hat Giger keine Angst. «Aber ich bin jetzt in einem Alter, wo ich mich mit dem Thema näher beschäftige.» Im Gegensatz zu seiner Frau glaubt er nicht an eine Wiedergeburt. «Fertig ist fertig», sagt Giger. Kürzlich hat er sich bei der Sterbehilfeorganisation Exit angemeldet. «Ich will nicht leiden, wenn es mal so weit ist. Hoffentlich gehts schnell: bum, aus, vorbei.» Hat er sich einmal überlegt, wie alles ohne Alien gekommen wäre? Darüber denke er nicht nach, und Gigers sanfte Stimme wird noch eine Spur leiser: «Aber es gibt immer mehr Momente, da habe ich von diesem Monster genug.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2012, 09:03 Uhr

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