Der Mumienforscher auf dem Mörgeli-Posten

Frank Rühli hat Tutanchamun und Ötzi untersucht. Jetzt übernimmt der 43-Jährige die Leitung des Medizinhistorischen Museums. Wer ist der Mann, der einiges teilt mit Christoph Mörgeli – und doch so anders ist?

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Professor, Milizoffizier, FDP-Politiker – Frank Rühli stützt seine Karriere auf traditionelle Pfeiler. Darin ist der Leiter des neuen Instituts für Evolutionäre Medizin an der Universität Zürich und des Medizinhistorischen Museums seinem Quasivorgänger gar nicht so unähnlich: Christoph Mörgeli – Professor, Milizoffizier, SVP-Politiker. Gemeinsam ist den beiden auch die jugendliche Ausstrahlung; Rühli ist mit seinen 43 Jahren allerdings gut zehn Jahre jünger als der 53-jährige Mörgeli.

Doch darin erschöpfen sich die Parallelen. Mörgeli beschreibt sich selbst als «unbequem». Der kaum weniger wortgewandte Rühli hingegen pflegt eine umgängliche, oft auch ungezwungene Art: Besucher in seinen Forschungsräumen auf dem Irchel-Campus empfängt er in Jeans und Polohemd.

In der Lehre kann Mörgeli seinem Nachfolger nicht das Wasser reichen: Während der SVP-Professor jahrelang Vorlesungen anbot, zu denen kaum ein Hörer erschien, hat Rühli Hunderten von Studenten sein Wissen vermittelt. Und während zu Mörgelis wissenschaftlicher Qualifikation in letzter Zeit immer wieder Fragen laut wurden, ist Rühli in dieser Hinsicht über jeden Zweifel erhaben: Er ist ein renommierter Forscher, der die Universität Zürich auf seinem Spezialgebiet zu einem weltweit anerkannten Standort gemacht hat. Das würdigt die Universität, indem sie das bisherige Zentrum für Evolutionäre Medizin, das unter Rühlis Leitung 2010 gegründet wurde, zu einem vollwertigen Institut macht.

Hieroglyphen liegen ihm nicht

Bekannt wurde Rühli einer breiten Öffentlichkeit als Mumienforscher: Er war als geladener Experte daran beteiligt, die genaue Todesursache von Tutanchamun, der wohl bekanntesten Mumie der Welt, zu bestimmen (Antwort: Komplikationen nach einem Oberschenkelbruch). Auch die Eisleiche Ötzi hat Rühli erforscht, ebenso Mumien aus Peru, historische Leichen aus Europa und Salzmumien aus dem Iran. Er präsentierte neue Erkenntnisse über Schepenese, die bekannteste Mumie der Schweiz in St. Gallen, war beteiligt an Ausgrabungen in Ägypten und im Iran.

Die Faszination für Ägypten war der Auslöser für Rühlis wissenschaftliche Karriere. Zwar entschied er sich gegen ein Studium der Ägyptologie («Man muss Hieroglyphen lernen, das liegt mir nicht so») und wurde stattdessen Mediziner. «Aber die Verbindung zwischen Medizin und Ägypten, die Schnittmenge, das sind Mumien.» Er gründete, zusammen mit dem Zürcher Orthopäden Thomas Böni, das Schweizer Mumienprojekt an der Universitätsklinik Balgrist und beteiligte sich an Mumienprojekten in verschiedenen anderen Ländern.

Als Student war Rühli ein Exot

Aus der Mumienforschung entwickelte sich eine umfassende Beschäftigung mit der Erforschung alter Gewebe, bis hin zur Einrichtung eines eigenen Labors für die Analyse von DNA-Proben aus archäologischen Ausgrabungen, der sogenannten Ancient DNA oder A-DNA. Danach war es kein weiter Schritt mehr zum neuen Forschungsgebiet der Evolutionären Medizin.

Rühli erklärt seinen Erfolg auch mit seiner eigenen Hartnäckigkeit. Als Student sei er mit seiner Konzentration auf Mumien ein Exot gewesen, der nicht selten verspottet wurde. Leidenschaft für das Fach sei notwendig, sagte er in einem Interview mit dem Schweizer Fernsehen. «Aber nur die bringt einen auch nicht weiter. Sehr vereinfacht gesagt: Zum Schluss kommt oft der am weitesten, der am Abend eine Stunde länger bleibt als seine Konkurrenten.»

Kommunikationstalent und Hafenkrangegner

Vorangebracht hat den Forscher aber auch seine Kommunikationsfähigkeit. Er pflegt Kontakte zu den Medien, macht sich Gedanken, wie man mit einem Boulevardblatt im Gegensatz zu einer Fachzeitschrift spricht. Wichtig ist Kommunikation auch auf dem schwierigen Feld der Anwerbung von Forschungsmitteln, auf dem Rühli ebenso erfolgreich ist. Das freut eine Universitätsleitung, die immer zu wenig Geld hat für alle Wünsche ihrer Experten.

Dass Rühli nun die Verantwortung für das Medizinhistorische Institut übernimmt, passt in sein ohnehin schon historisch ausgerichtetes Forschungsgebiet. Er hat sogar einschlägige Erfahrung: Die 2011 am Irchel präsentierte Ausstellung «Mumien, Mensch, Medizin, Magie» fand unter seiner Regie statt – und war ein Erfolg.

Am wenigsten weit brachte der Professor es bisher als FDP-Politiker. Zwar ist er Präsident der FDP-Sektion im Zürcher Kreis 1, wo er wohnt. Aber 2011 trat der Brigadearzt im Rang eines Majors vergeblich für den Kantonsrat an. Und der Hafenkran am Limmatquai war ihm schon als Idee ein Dorn im Auge. Jetzt steht das Ding. Rühli wird es verkraften können.

Erstellt: 06.05.2014, 14:44 Uhr

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