Der Nielsen-Drill

Seitdem SP-Politikerin Claudia Nielsen das Gesundheits- und Umweltdepartement führt, häufen sich die Abgänge, das Betriebsklima ist gereizt. Deshalb war sie als Finanzvorsteherin unerwünscht.

Fordernde Chefin oder Kontrollfreak? Stadträtin Claudia Nielsen, auf einer Aufnahme von 2010.

Fordernde Chefin oder Kontrollfreak? Stadträtin Claudia Nielsen, auf einer Aufnahme von 2010. Bild: Gian Vaitl

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Im Reich von Stadträtin Claudia Nielsen (SP) regiert der Galgenhumor. «Wer macht diese Woche das Sekretariat?» ist einer der Witze, der im Gesundheits- und Umweltdepartement kursiert. Er spielt darauf an, dass die Chefin schon zehn Assistentinnen und «Vorzimmerdamen» beschäftigt hat, seit sie Mitte Mai 2010 ihr Amt antrat.

Nicht nur in den unteren Chargen ist Nielsens Personalverschleiss enorm. Das zeigen Zahlen, die das städtische Personalamt für den «Tages-Anzeiger» aufbereitet hat. Während die Fluktuationsrate in den acht anderen Departementen zwischen 9,3 (Polizei) und 22 Prozent (Finanzen) beträgt, gingen im Gesundheits- und Umweltdepartement in der laufenden Legislatur bereits 35,8 Prozent der Kaderleute von Bord. Innert knapp dreier Jahre verzeichnet das Departement 195 Abgänge. Nur 32 davon waren (Früh-)Pensionierungen.

Er blieb nur drei Monate

Ein Kommen und Gehen herrscht besonders im obersten Kader, das direkt mit der politischen Vorsteherin zu tun hat. Bei den Departementssekretären und Dienstchefs hatte Nielsen laut dem städtischen Human Resources Management bereits fünf Abgänge zu verkraften. Jene Chefbeamten, die innerhalb der Stadt einen neuen Job fanden, sind dabei nicht einmal mit eingerechnet. Die Wechsel blieben auch der Parlamentskommission nicht verborgen, die für das Departement mit seinen rund 7000 Mitarbeitenden zuständig ist: «Claudia Nielsen stellte uns einen Chefbeamten vor, und kurz darauf stand wieder ein anderer da», sagt eine Gemeinderätin.

Jüngstes Beispiel: Departementssekretär Reto Givel. Er hielt es gerade einmal drei Monate aus. Givel trat seine Kaderposition Anfang Januar 2013 an und übernahm den Bereich Gesundheit und Alter. Er kündigte Ende März noch während der Probezeit. Und ist seither auf Stellensuche. Gestern hat der Stadtrat seine Nachfolge geregelt: Nielsen befördert den Energiespezialisten Thomas Ziltener, der seit Juli 2012 als Stabschef wirkt, zum Departementssekretär. Damit sei die «Kontinuität in der Führung» gewährleistet, teilt die Stadt mit. Mit der Rochade einher geht eine neuerliche Reorganisation des Führungsstabs.

Weshalb es zu Givels schnellem Abgang kam, will er nicht sagen. Nahezu all jene Mitarbeitenden, die das Departement unter Nielsen wieder verlassen haben, geben sich wortkarg oder schweigen. Sie weisen darauf hin, an Vereinbarungen und Verträge gebunden zu sein. Ein Abweichen vom Kodex kommt für sie nicht infrage.

«Ein Wirbelwind»

Mitarbeitende, die derzeit noch im Gesundheits- und Umweltdepartement arbeiten, verhalten sich ähnlich. Das schlechte Arbeitsklima belastet sie Tag für Tag, wie von verschiedenster Seite zu vernehmen ist. In den Gängen und während der Pausen ist die angespannte Atmosphäre das Gesprächsthema Nummer eins. Doch kaum jemand traut sich, Informationen nach aussen zu tragen. Die Loyalität gegenüber der Stadt als Arbeitgeberin verbietet das. Darüber hinaus geht die Angst um, wegen einer pointierten Aussage bei der Vorgesetzten Repressalien in Kauf nehmen zu müssen oder gänzlich in Ungnade zu fallen. Und wer aktuell in einem Bewerbungsverfahren steckt, weil er so schnell als möglich den Arbeitsplatz wechseln will, mag die Chance auf eine neue Perspektive nicht aufs Spiel setzen.

Es seien der Führungsstil und der raue Umgangston von Claudia Nielsen, die das Betriebsklima vergifteten, berichten mehrere Insider übereinstimmend. Dabei zeichnen sie durchaus ein differenziertes Bild der SP-Stadträtin. Claudia Nielsen sei «blitzgescheit», «ein Wirbelwind», «absolut sattelfest in den Dossiers» und «lasse sich nicht austricksen». Auch der ehemalige Stadtarzt Albert Wettstein hat die Stadträtin in Gesprächen stets als «angenehm» erlebt, doch «hart in der Sache», was man ja, wie er sagt, von einer Politikerin erwarte: «Sie verlangt viel – von sich selber und von den anderen.»

Hüst und Hott

Doch Nielsens forsche und fordernde Art kann für ihre Untergebenen auch zur Belastung werden. Sie, die eigentlich für die politische und strategische Führung zuständig sein sollte, mische sich ständig in Detailfragen ein. Sie nörgle an allem herum, reorganisiere pausenlos, gebe kurzfristig Befehle heraus und widerrufe sie kurz darauf. Unter Nielsen zu arbeiten, das sei ein ständiges Hüst und Hott, sagt ein früherer Mitarbeiter. Und ein anderer: «Sie hat ein starkes Kontrollbedürfnis, konzentriert vieles bei sich. Ihr fehlt das Vertrauen in die Mitarbeiter, das spüren sie. Diese Kombination führt zu Verunsicherung und kann die Leute demotivieren.»

Besonders belastend ist Nielsens Führungsstil für jene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ihren Launen direkt ausgesetzt sind. Die Chefin führe sich auf wie eine «Drillinstruktorin» – und könne sehr verletzend sein, wenn sie mit ihrer «Zürischnurre» gestandene Leute wie Schulbuben zusammenstauche. So ist es vorgekommen, dass Angestellte nach einer Sitzung mit ihr in Tränen ausgebrochen sind.

«Darum ‹tätscht› es halt»

Claudia Nielsen, die selber ausgebildete Mediatorin ist, sagt, sie arbeite «selbstverständlich» an ihrem Führungsstil – in Form von Weiterbildungen, Austauschen mit der Partei und professionellen Sparringspartnerschaften wie Coaches. Zudem hätten, «wie bei Reorganisationen üblich und wichtig», Workshops stattgefunden, um die Organisation und Führung im Stab zu verbessern. «Einzelne Mitarbeitende haben in diesem Zusammenhang auch vom Angebot eines Gruppencoachings Gebrauch gemacht.» Mitarbeitende berichten, in den Personalentwicklungen sei es vor allem darum gegangen, wie sie besser mit der Chefin umgehen. Die Stadträtin bestreitet aber, dass es solche «Nielsen-Kurse» gegeben hat. «Natürlich fand keine solche Schulung statt.»

Was sagt ihre Partei zur Kritik an Claudia Nielsen? Die Co-Präsidentin der Stadtzürcher SP, Andrea Sprecher, will nichts schönreden, sagt aber, sie empfinde das nicht als Belastung. «Wir sind in dauerndem Austausch.» Andrea Sprecher erklärt sich das Verhalten Nielsens und die vielen Abgänge so: «Kritische und aufmüpfige Mitarbeitende sind ihr lieber als Kopfnicker.» Nielsen suche bewusst die Auseinandersetzung, um so zur bestmöglichen Lösung zu kommen. «Darum ‹tätscht› es halt manchmal.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2013, 07:22 Uhr

Nielsens Departement verzeichnete die meisten Abgänge. (Zum Vergrössern auf das Bild klicken) (Bild: TA-Grafik mt/Quelle: Human Resources Management der Stadt Zürich)

Das sagt die Stadträtin

Wie empfinden Sie das Arbeitsklima in Ihrem Departement seit Ihrem Amtsantritt im Frühjahr 2010?
Bewegt und anspruchsvoll. Es war und ist eine Zeit mit sehr hoher Arbeitslast und mit enormem Zeitdruck. Entsprechend den Herausforderungen, denen sich die Führungskräfte zu stellen haben. Ich denke da vor allem an die neue Spitalfinanzierung, an Tariffragen bei der Spitex und in den Alters- und Pflegezentren sowie an den Fluglärm.

Trotzdem: Zehn Assistentinnen und mehrere Kaderleute haben es bei Ihnen nicht lange ausgehalten.
In meinem direkten Umfeld, im Departementssekretariat, ist es besonders wichtig, dass Kompetenzen, Anforderungen und Persönlichkeiten gut passen, damit wir die hohe Kadenz einhalten können. Da suche ich, bis ich finde. Das mit dem Wechsel bei den Assistentinnen tönt zwar spektakulär, ist aber einfach erklärbar.

Wie denn?
Bei meinem Stellenantritt haben als Interimslösung zwei Personen die Organisation im Vorzimmer übernommen. Bei der Neubesetzung habe ich dann auf ein Modell gesetzt, das sich nicht bewährt hat und Übergangslösungen nach sich zog. Seit September 2012 habe ich eine höchst kompetente Assistentin.

So oder so: Hoch qualifizierte Leute sind Ihnen schon während der Probezeit davongelaufen.
Nimmt man die Probezeit ernst, macht es Sinn, das Arbeitsverhältnis zu beenden, wenn die Situation nicht stimmt. Bei unserem Druck ist es essenziell, dass es in der Führung «giiget». Dass solche Austritte mit Arbeitsorganisation und Inhalten ebenso wie mit den Vorgesetzten zusammenhängen, ist klar.

«Kopfnicker» hätten bei Ihnen keine Chance. Welches perfekte Profil einer Kaderperson schwebt Ihnen vor?
Perfektion ist verdächtig – das perfekte Profil gibt es bei Menschen nicht. Ich schätze bei meinen Mitarbeitenden Eigenständigkeit, Ehrlichkeit, Offenheit und Bereitschaft zum Ringen um optimale Lösungen. Auch vernetztes Denken und Humor sind mir wichtig.

Wie würden Sie selber Ihren Führungsstil beschreiben?
Ich will etwas bewegen – manchmal vielleicht zu viel und zu schnell. Und dafür braucht es starke Leistungen, zu denen ich die Leute anspornen will. Ich fordere Leistungen und anerkenne diese auch. Ich bin eine, die grundsätzlich vertraut. Ich nehme mir auch Zeit, meinen Mitarbeitenden meine Werte und Gedanken aufzuzeigen.

Und doch heisst es, Sie würden den Kaderleuten ständig dreinreden.
Ich greife dann ein, wenn etwas meiner Meinung nach nicht gut läuft. Und ich frage und hinterfrage viel, weil ich verstehen will, weshalb etwas so und nicht anders gelöst werden soll.

Wie sieht es in Ihrem Innern aus? Üben Sie sich in Selbstkritik?
Ich bin nicht immer zufrieden mit mir: Ich wünsche mir die Gelassenheit, stehen zu lassen und zu akzeptieren, was sich nicht ändern lässt. Und ich wünsche mir die Weisheit, das Machbare vom Unmöglichen zu unterscheiden. Ich bin nicht in jeder Hinsicht eine pflegeleichte Person, ich habe Ecken und Kanten. Manchmal läuft mein Mundwerk zu rasch, und manchmal meine ich, der Tag habe mehr als 24 Stunden. pak/sit)

Nielsen und das Finanzdepartement

Stadtrat wollte eine Integrationsfigur
Sie hat einen Doktortitel in Ökonomie und präsidierte die Alternative Bank Schweiz. Trotzdem ging Claudia Nielsen leer aus, als der Gesamtstadtrat vor zwei Wochen das Finanzressort in neue Hände legte. Zum Kassenwart verknurrt wurde der umgängliche Daniel Leupi (Grüne). Der bisherige Polizeivorsteher geniesse das Vertrauen der Kollegen und bringe als «integrative Person» die nötigen Voraussetzungen für das ­anspruchsvolle Querschnittsressort mit, begründete Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) die Rochade. Sie zeigte sich zuversichtlich, dass Leupi das Finanzdepartement «mit hoher Akzeptanz weiterentwickeln» könne.

Hohe Akzeptanz, integrative Fähigkeiten und das Vertrauen der Kollegen waren also die Attribute, die den Ausschlag gaben – für Leupi und gegen Nielsen. Denn laut mehreren linken Politikern hatte die 51-Jährige sehr wohl mit einem Wechsel zu den Finanzen geliebäugelt. Doch ihre Stadtratskollegen hätten sie schon vor der Konstituierung vom Plan abgebracht, die Nachfolge von Martin Vollenwyder (FDP) anzutreten. Nicht zuletzt, weil sich im Finanzdepartement massiver Widerstand gegen sie formiert haben soll.

Claudia Nielsen selbst dementiert offiziell die Wechselgerüchte. «Da liegen Sie falsch», sagt sie. Sie sei sehr zufrieden, in ihrem Departement bleiben zu dürfen. (pak/sit)

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