Der Opernsänger kann nicht mehr singen, also kocht er

Pyongchin Han sang im Chor des Zürcher Opernhauses, bis ein Kanonenschuss sein Gehör schwer beschädigte. Lange verzweifelte er fast an seinem Schicksal – bis er ein koreanisches Restaurant eröffnete.

Bestens gelaunt: Pyongchin Han in seinem Restaurant in Altstetten. Foto: Doris Fanconi

Bestens gelaunt: Pyongchin Han in seinem Restaurant in Altstetten. Foto: Doris Fanconi

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Manchmal singt der 44-jährige Pyongchin Han noch: für die Gäste in seinem Restaurant. Er tut es, obwohl er weiss, dass ihm sein Gehör dann mehr zu schaffen macht als sonst. «Ich vermisse meinen alten Beruf», sagt der ehemalige Opernsänger. Dann lächelt er: «Aber ich bin glücklich mit dem Restaurant.»

Vor zwei Jahren sah sein Leben noch ganz anders aus. Damals erfuhr Han, dass er nie mehr im Chor des Opernhauses Zürich würde singen können. Der Grund war ein Knalltrauma, das der Koreaner ausgerechnet während einer Probe auf der Opernhausbühne erlitten hatte, als ein Tontechniker einen Kanonenschuss eingespielt hatte. Han war am Boden zerstört, seine finanzielle Zukunft lag im Ungewissen, er fühlte sich vom Opernhaus allein gelassen.

Verzweifelt wandte er sich mit seiner Geschichte an den «Tages-Anzeiger». Klar war für Han damals nur eins: Selbst nach einer Umschulung würde er es auf dem Arbeitsmarkt schwer haben. Die Wende brachte ein Dokumentarfilm über die indische Restaurantkette King’s Kurry. Han sah wieder eine Zukunft. Ein Restaurant wollte er, ein japanisch-koreanisches, aber nicht so teuer und chic wie in Zürich üblich, sondern auf dem Niveau einer Pizzeria. So etwas gab es in Zürich nicht. Überhaupt ist die koreanische Küche hierzulande nur wenig bekannt, wie Han sagt: «Es scheint, als reisse sich die ganze Welt um koreanisches Essen, nur die Schweizer nicht.»

Rackern von 7 bis 24 Uhr

Han stürzte sich mit Verve in sein Projekt. Er reiste in die südkoreanische Hauptstadt Seoul und besuchte in einer Kochschule zwei Monate lang vier verschiedene Kurse pro Tag. Dann heuerte er in einem Restaurant an, welches dasselbe Konzept verfolgte, wie Han es sich für sein Zürcher Restaurant vorstellte. Dort rackerte er von morgens um sieben bis nach Mitternacht. «Es war sehr, sehr streng», erzählt er lachend, «aber ich wusste, das Restaurant ist meine einzige Chance.»

Han steckte das ganze Geld, das er nach dem Unfall als Entschädigung von der Versicherung erhalten hatte, in ein Lokal an der Badenerstrasse; ein Sängerkollege vom Opernhaus investierte ebenfalls Geld. Die Umschulung bezahlte die Gewerkschaft. Die IV, die eigentlich dafür zuständig wäre, teilte ihm mit, sie könne keine Ausbildungen im Ausland bezahlen.

Vom Erfolg überrumpelt

Schwer abzuschätzen war, ob er von seinem neuen Job würde leben können. Han stellte sich auf eine Durststrecke ein, wollte klein beginnen – und wurde vom Erfolg überrumpelt. Zu seinem Erstaunen war sein Lokal von Anfang an mittags proppenvoll, mittlerweile ist es auch am Abend gut besucht. Ebenso unerwartet erwiesen sich nicht Sushi oder Sashimi als Renner, sondern die würzigen koreanischen Gerichte.

Noch steckt das kleine Restaurant mit dem Namen Akaraka – zu Deutsch «Mit Musik und Freude werden wir eins» – in den Anfängen, die Menüauswahl ist klein. Aber das soll sich ändern. In den nächsten Tagen werden im Garten typisch koreanische Tischgrills in Betrieb genommen; nach und nach sollen weitere koreanische Gerichte ins Angebot aufgenommen werden. Und Han hat weitergehende Pläne: Er träumt von Franchiseunternehmen. Er strahlt. Sein Leben als Koch und Wirt gefällt ihm. Auch wenn es körperlich noch immer so streng ist, dass er seinen «Sängerbauch» verloren hat. «Kochen und Singen haben einiges gemeinsam», sinniert er. «Als Sänger bin ich glücklich, wenn mein Publikum zufrieden ist. Und als Koch bin ich glücklich, wenn es den Gästen schmeckt.»

Erstellt: 09.05.2011, 23:01 Uhr

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