Stadtratswahlen 2014

Der Parkplatz-Terminator

Markus Knauss von den Grünen ist die Leib gewordene Verkehrsberuhigungspolitik. Nach 16 Jahren im Parlament will er in der Exekutive effizienter wirken.

Der Stadtratskandidat Markus Knauss im Video: Drei Fragen, drei Antworten.
Video: Jan Derrer

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Wer fürchtet, Tempo 30 schade seinem Vergaser, gibt die Stimme besser einem anderen. Denn Markus Knauss liebt Tempo 30, er kann davon gar nicht genug kriegen. In allen Wohnquartieren müsste langsam gefahren werden, aber auch auf den meisten innerstädtischen Hauptstrassen. 30 Stundenkilometer auf breiten, schnurgeraden Fahrbahnen – für Bürgerliche eine Provokation, die Wiedergeburt von Vogt Gessler in Rot-Grün. Für Knauss eine Selbstverständlichkeit, weil tiefes Tempo weniger Lärm macht und mehr Sicherheit bringt und überdies von höchster Stelle legitimiert ist: Die Lärmschutzverordnung des Bundes verlangt bis 2018 die Sanierung aller übermässig belasteten Strassen in der Schweiz, wobei Massnahmen an der Quelle – sprich Verkehr – Vorrang haben. Im VCS-Magazin vom März dieses Jahres kritisiert Knauss, dass die «passiven» Behörden das Lärmproblem nicht lösen, wenn sie Lärmschutzfenster montieren lassen. «Temporeduktionen sind das Gebot der Stunde.»

Als Co-Geschäftsführer des VCS Zürich ist Markus Knauss professioneller Verkehrsberuhiger mit speziell scharfem Blick auf die Parkplatzgier von Einkaufszentren. Er kennt deshalb alle Gerichtsurteile bis hinauf nach Lausanne, die sein Wirken stützen, und er kennt die Gesetze und Verordnungen, weshalb er in Verkehrsdebatten ruhig bleibt, während sich die Befürworter der freien Fahrt ereifern. Es ist eine kalte Ruhe, denn Knauss zeigt kein Verständnis für den emotionalen Teil des Autofahrens.

Er sei kein Autohasser, betont er, aber das Auto sei ein ineffizientes, ökologisch und finanziell schlechtes Verkehrssystem; Verkehrsprobleme müssten rational gelöst werden. Den Vorwurf, seine Politik sei wirtschaftsfeindlich, hat er schon so oft gehört, dass die Antwort wie ab Anrufbeantworter kommt: Im Gegenteil, mit weniger Privatverkehr kämen die Gewerbler besser vorwärts. Nur glaubt ihm das kein Gewerbler.

20'000 Parkplätze weniger

Das Instrument, um den Privatverkehr an die Kandare zu nehmen, ist der Parkplatz, genauer der fehlende Parkplatz. Anders als die Sozialdemokraten haben die Grünen den historischen Parkplatzkompromiss in Zürich stets abgelehnt. Sie wollen die Zahl der Parkplätze nicht stabilisieren, sondern minimieren. Zum Beispiel um 20'000. Das verlangt Knauss mit einer Motion im Gemeinderat: Alle vor 1989 gebauten Parkplätze, die nach heutigem Recht unzulässig sind, sollen weg. 20'000 von rund 200'000 Privatparklätzen. Was der Hauseigentümerverband als «massivsten Eingriff seit dem Notrecht im Zweiten Weltkrieg» geisselte, ist für Knauss nur konsequente Umweltpolitik und Befolgung des Volkswillens, der mit der Städteinitiative einen grösseren Anteil von öffentlichem und Langsamverkehr verlangt.

Selbstverständlich möchte Knauss das Tiefbau- und Entsorgungsdepartement von seiner grünen Kollegin Ruth Genner übernehmen, wenn er am 9. Februar in den Stadtrat gewählt würde. Als langjähriges Mitglied der Verkehrskommission kennt er diesen Betrieb bestens; er ist der massgeschneiderte Kandidat für dieses rot-grüne Schlüsseldepartement. Und genau das lässt die Bürgerlichen schaudern. Schon jetzt macht er kein Hehl daraus, dass er sich – anders als Ruth Genner – nicht mit dem Kanton zusammen auf das Projekt Rosengarten eingelassen hätte. Es will zwar das Tram auf der Rosengartenstrasse, aber keinesfalls den Waidhaldetunnel.

Unterstützt von Pipilotti Rist

Knauss' Fachwissen wird auch vom Gegner nicht bestritten. FDP-Gemeinderat Marc Bourgeois, Mitglied der Verkehrskommission und Träger des Gütesiegels von ACS und City-Vereinigung, sagt: «Knauss juristische Trickkiste zur Verhinderung des Privatverkehrs ist weit grösser als bei Milizparlamentariern üblich. Dabei erkennt er im Autoverkehr allerdings nur einen Störfaktor und im Kanton nur einen Gegner. Für mich ist Markus Knauss ein ideologisch Getriebener, der keinerlei Kompromissbereitschaft erkennen lässt.»

Den auf bürgerlicher Seite oft geäusserten Vorwurf der Kompromisslosigkeit lässt Knauss nicht gelten und nennt als jüngstes Beispiel die Wohnüberbauung Manegg, wo es mit seiner Hilfe gelungen sei, 250 preisgünstige Wohnungen zu bauen und die Investoren trotzdem auf ihre Rechnung kommen. Bürgerliche Politiker sind seinem Unterstützungskomitee aber ferngeblieben, von einzelnen Köpfen aus der CVP, EVP und GLP abgesehen. Prominente Gunst geniesst Knauss in seinem Komitee von Alt-Stadtrat Ruedi «Schwellenruedi» Aeschbacher, Kantonsrätin Gabi Petri und der Künstlerin Pipilotti Rist.

Die Legende sagt, dass der Knabe Markus in Wattwil ständig die Kolonnen von Zürcher Autos vor der Nase hatte, die ins Toggenburg hoch wollten oder von dort zurückkehrten. Ist er der Rächer von Wattwil? Nein. Politisiert hat ihn der Verkehr in Zürich, und zwar mit Macht, als seine zwei Töchter auf die Welt kamen – diese Welt mit den zu schnellen Autos und ihren Vergasern.

Erstellt: 23.12.2013, 10:40 Uhr

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Markus Knauss möchte das Tiefbauamt von seiner grünen Parteikollegin Ruth Genner übernehmen. (Bild: Sabina Bobst/Reto Oeschger)

Von Wattwil nach Wiedikon

Markus Knauss, geboren 1961, ist in Wattwil im Toggenburg aufgewachsen und lebt seit 1984 in der Stadt Zürich, zuerst – sinnvollerweise – an der Knüslistrasse im Kreis 4. Er studierte Geschichte, Germanistik und Volkswirtschaft, was er mit dem Lizenziat abschloss. Seine Frau Gabi Petri und er wohnen in Wiedikon und haben zwei erwachsene Töchter. Zusammen führen sie auch die Geschäftsstelle des VCS Zürich mit je einer 60-Prozent-Anstellung. Seit 1998 sitzt Markus Knauss für die Grünen im Gemeinderat, wo er Mitglied der Verkehrskommission ist, die er schon zweimal präsidiert hat. Überdies ist er Mitglied der parlamentarischen Stadtentwicklungskommission. Vier Jahre lang leitete Knauss auch die grüne Gemeinderatsfraktion. Markus Knauss spielte viele Jahre Basketball, unter anderem in der Nationalliga B, und ist in seiner Freizeit heute, wenn nicht auf dem Velo, so in städtischen Cafés oder auf Wanderwegen im Gebirge anzutreffen. (jr)

«Liebet eure Feinde und lehret sie Velo fahren»

Herr Knauss, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie in der Stadt einen schwarzen Porsche Cayenne vor sich haben?
Hat der solche Angst vor dem Tram, dass er zwei Meter Abstand zum Gleis hält und mir keinen Platz lässt, um mit dem Velo rechts vorbeizufahren?

Und was löst ein gelber Lamborghini in Ihnen aus?
Ob da wohl unser Filippo drinsitzt? Aber eigentlich interessieren mich Automarken nicht. Das Auto ist für mich ein rationales Problem. Darum bin ich auch kein Autohasser.

Aber man muss doch seinen Feind kennen, wenn man siegen will.
Ich halte es eher mit Matthäus 5,44: Liebet eure Feinde und lehret sie Velo fahren.

Sie wollen den Privatverkehr einschränken unter anderem mit dem Argument, viele Autofahrten seien unnötig. Was sind denn für Sie unnötige Fahrten?
Alle in Gehdistanz, also die meisten. Aber ganz gewiss auch die mit dem gelben Lamborghini.

Erwarten Sie denn, dass man auch für den Opernbesuch den öffentlichen Verkehr benützt? Oder gar im langen Kleid das Velo nimmt?
Nein, für die Oper empfehle ich den gelben Lamborghini. Blöd ist nur, dass man bei diesem Modell mit einem langen Kleid gar nicht aussteigen kann. (jr)

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