Der Quartierkönig und die Orgel

Der ehemalige Kirchgemeindepräsident und Quartierkönig Helmuth Werner liess die Orgel der Johanneskirche für eine Million umbauen. Eine Schlussabrechnung fehlt bis heute.

Helmuth Werner noch vor seiner Verhaftung Mitte 2013.

Helmuth Werner noch vor seiner Verhaftung Mitte 2013. Bild: Fabio Derungs/SonntagsZeitung

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Die Johanneskirche im Industriequartier hat seit drei Jahren eine neue Orgel – , doch keine Schlussabrechnung. Das ist kein Zufall. Es liegt an Helmuth Werner, dem damaligen Präsidenten sowie den damaligen Mitgliedern der Kirchenpflege. Er ist seit Jahrzehnten der starke Mann im Kreis 5. Und einmal mehr scheiden sich an ihm die Geister. Aber der Reihe nach:

Kürzlich tagte die Kirchgemeinde. Die Anwesenden weigerten sich, der ehemaligen Kirchenpflege um Helmuth Werner Decharge zu erteilen. Damit stellten sie die Behörde ins Abseits. Der Grund dafür liegt bei der Orgel der Johanneskirche. Werner liess sie für fast eine Million Franken umbauen. Vor einem Jahr beauftragte die Kirchgemeinde die Rechnungsprüfungskommission (RPK), eine Schlussabrechnung für die Orgel vorzulegen. Die Schlussabrechnung fehlt bis heute.

Statt Sanierung Totalumbau der Orgel

Am Anfang der Orgelgeschichte steht das Testament des Metzgers Albert Angst. Als er 2007 starb, hinterliess er einen grossen Teil seines Vermögens verschiedenen Kirchgemeinden und der Heilsarmee. Er gab jedoch keinen Zweck an, wofür das Geld hätte verwendet werden sollen. Helmuth Werner entschied, das Geld für die Sanierung beziehungsweise einen Totalumbau der Orgel auszugeben. Er liess das Geld auf ein Privatkonto anstatt auf ein separates auf die Kirche lautendes Konto überweisen und legte sofort los. Laut dem Bericht der RPK kann aus heutiger Sicht aber nicht mehr festgestellt werden, in welchem Zustand die Orgel vor dem Umbau war.

Aufgrund der mangelhaften Dokumentation des Projekts konnte die RPK die Rechtmässigkeit und die Angemessenheit der Ausgaben nicht überprüfen. Wörtlich steht: «Es fehlen insbesondere Protokolle der Orgelbaukommission, die eingegangenen Offerten, Vergabeentscheid und Vertragsunterlagen.»

Werner drohte mit Klagen

«Werner scheint an der sorgfältigen Aufarbeitung dieser Geschichte nicht interessiert», sagt Manuel J. Amstutz, Mitglied der Kirchenpflege. Er verweigere jegliche Kooperation bezüglich der unvollständigen Dokumentation. Diese hätte helfen sollen, die Hintergründe einer Zahlung über 9800 Franken aufzuklären. Werner als damaliger Präsident der Kirchenpflege habe dieses Geld an seine eigene Firma Nortreu überweisen lassen als Wohnungsmiete für die Orgelarbeiter während sieben Monaten. Die Wohnung sei aber nur während fünf Monaten benutzt worden. Zudem sei im Werkvertrag keine Unterbringung der Orgelarbeiter vereinbart worden. Auf einen eingeschriebenen Brief im Februar dieses Jahres, bei dem Werner aufgefordert wurde, das Geld zurückzuerstatten, reagierte er in seiner gewohnten Art und drohte mit Klagen verschiedenster Art.

Dieses Verhaltensmuster hat Werner im Verlaufe seiner Amtszeit immer wieder erfolgreich eingesetzt. Im Sommer 2013 wurde es ihm zum Verhängnis. Der Kirchenrat hatte ihn wegen Mobbings und des Vorwurfs unkorrekter Geschäftsführung angezeigt. Werner wurde daraufhin in Untersuchungshaft gesetzt. Die Staatsanwaltschaft stellte das Strafverfahren gegen ihn jedoch ein.

An der Zukunft nicht an der Vergangenheit orientieren

Auch diesmal scheint Werner ungeschoren davonzukommen. Die RPK hat ihm und der Kirchenpflege zwar die Decharge verweigert, aber sie will einen Schlussstrich unter das Kapitel Werner ziehen. Deshalb schlug sie der Kirchgemeinde vor, «an die Zukunft der Kirche zu denken und den bereits heute sechsstelligen Rechtsaufwand, der während Werners Zeit entstanden ist, nicht weiter zu erhöhen». Zugleich lässt die neue Kirchenpflege offen, ob sie zu einem späteren Zeitpunkt versuchen wird, die 9800 Franken von Werner einzufordern. Weder Helmuth Werner noch sein Rechtsvertreter wollten zu den Vorwürfen Stellung nehmen.

Eines ist in dieser leidigen Geschichte unbestritten: Die Orgel mag nicht ordnungsgemäss abgerechnet worden sein – aber sie macht allen Freude.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.04.2015, 11:05 Uhr

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