Der Rauchschlauch

Das Triemlispital hat bald ein neues Bettenhaus – und bereits jetzt den spektakulärsten Kamin der Schweiz. Die aufwendige Gestaltung hat mehrere Gründe.

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Hinter dem Triemlispital steht eine 46 Meter hohe Konstruktion, die den Betrachter im Ungewissen lässt. Ist das eine überdimensionale Vase, ein Schlauch – oder schlicht ein immenses Rohr, das verformt wurde? «Eine offizielle Bezeichnung gibt es nicht», sagt Architekt Thomas Hasler von der Firma Aeschlimann Hasler Partner, die das neue Bettenhaus und den grossen Kamin dahinter entworfen hat. Die Form erinnere ihn an eine Rauchfahne, die vom Docht einer erloschenen Kerze aufsteige.

Weisser Rauch steigt denn auch aus dem Bauwerk auf, das eine der spektakulärsten Konstruktionen ihrer Art ist. Je nachdem, von wo der Betrachter den Kamin anschaut, entsteht der Eindruck, er sei an verschiedenen Stellen wuchtiger oder schmaler im Querschnitt. Doch das ist eine optische Täuschung. Die Hülle ist eine Ellipse, die sich 270 Grad um die vertikale Achse in den Himmel schraubt. Der Grundriss ist überall gleich dimensioniert.

Besuch aus Asien

Ein zweiter derart aufwendig gestalteter Kamin ist Hasler in der Schweiz oder dem nahen Ausland nicht bekannt. Bis heute bestehen alte Kamine üblicherweise aus Sichtsteinen, die moderneren aus Beton oder Stahl. Die Schale des Triemli-Kamins besteht aus 34'200 Schieferplatten. Sie sind an einen Stahlbau geschraubt, der die Fassade mit einem grossen Rohr verbindet. Darin sind wiederum acht kleinere Rohre montiert, die der komplexen Energieversorgung des Spitals dienen.

Die Heiz-, Kühl- und Notstromversorgung des Triemlis ist derart modern, dass sogar Fachleute aus Japan und China den Weg an den Fuss des Uetlibergs auf sich nahmen. Sie wollten die Anlage mit eigenen Augen sehen, wie Andreas Mart von der Firma RMB Engineering sagt, der Gesamtleiter für die Energieversorgung. Grund ist die hohe Nachhaltigkeit: Der Wärmebedarf wird zu 95 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen gedeckt. Ihm sei kein Spital bekannt, das diesen Wert erbringe, sagt Marti.

Sonden und Schnitzel

Diese Leistung erreichen die Ingenieure einerseits mit einer Erdspeicheranlage, die aus 100 Erdsonden besteht. Diese reichen bis in eine Tiefe von 220 Metern. Sie nutzen die Erdwärme als Energiequelle für die Wärmepumpen. Die Erdsonden kühlen im Sommer direkt das neue Bettenhaus. Die dadurch im Erdreich eingelagerte Wärme erhöht wiederum den Wirkungsgrad der Wärmepumpen im Winter. Für höhere Temperaturen sorgt eine Holzschnitzelanlage. Sie befindet sich im Hang unter dem grauen Kamin.

Eine moderne Heizung ist aber noch kein ausreichender Anlass, einen auffälligen Kamin zu konstruieren. Das Triemliquartier kam aus anderen Gründen zu diesem Bauwerk. Einerseits stand bereits in der Projektphase vor über zehn Jahren fest, dass es kein simpler Kamin sein soll, sondern ein Objekt, das städtebaulich eine Bereicherung darstellt. Er sollte nicht nur zum neuen Bettenhaus passen. Beim Entwurf dachten die Architekten auch an die markante Balkonfassade auf der anderen Strassenseite. Diese stammt von Patrick Gmür, der 2009 zum Stadtplaner Zürichs berufen wurde.

Beton zu schwer

Das Team der Architekten hatte zunächst verschiedene Ideen, wie man diesen Anforderungen gerecht wird. Unter anderem dachten sie an drei grosse, helle Betonkuben mit je einer Länge von etwa 15 Metern, die leicht verschoben aufgetürmt werden. Das wäre jedoch nicht nur teuer, sondern auch viel zu schwer geworden. Denn der Kamin steht über der bestehenden Gas- und Ölheizung. «Da die Fundamente nicht tief in den Boden reichen, musste aus statischen Gründen eine leichtere Konstruktion gewählt werden», sagt Marti.

Das Stahlfachwerk hinter der Schale erfüllt die Kriterien. Es ist ähnlich aufgebaut wie ein Baukran. Damit wurde der Kamin nicht nur leichter, sondern kommt auch günstiger zu stehen als der Entwurf aus Beton – trotz der aufwendigen Montage der Schieferplatten von Hand. Der Bau dauerte insgesamt acht Monate. Wie viel der Kamin als Einzelposten kostet, ist beim verantwortlichen Amt für Hochbau nicht zu erfahren. Fest steht derzeit nur der gesamte Aufwand für die Energie- und Medienversorgung: voraussichtlich 115 Millionen Franken.

«Für die Hülle aus geschuppten grauen Schieferplatten haben wir uns entschieden, weil ein heller Kamin wie ein Fremdkörper im Spitalareal gewirkt hätte», sagt Hasler. Die Hülle erinnert entfernt an die Haut eines Reptils. Da der Schiefer spiegelt, ändert er je nach Lichteinfall seine Farbe von Silber bis Anthrazit. Wenn es regnet, wird er dunkel und matt.

Deprimierende Assoziationen vermeiden

Ein weiterer Grund für die aufwendige Gestaltung des Kamins war die Überlegung, negative Assoziationen zu vermeiden. Beim Blick aus dem Spitalzimmer sollen Patienten keinen tristen Schlot sehen, bei dem sie an die Vergänglichkeit des Lebens oder gar an ein Krematorium denken.

Bleibt die Frage, weshalb der Kamin nicht einfach innerhalb eines bestehenden Gebäudes hinaufgezogen wurde wie sonst üblich. Grund ist die bestehende Heizzentrale. Man wollte sie nicht verschieben, sondern ausbauen. Die Anlage steht neben einem der drei alten Personalhäuser. In einem davon befinden sich die alten Kamine. Diese Häuser werden jedoch voraussichtlich in den nächsten zehn Jahren abgerissen. Um den Betrieb der Kaminanlage sicherzustellen, wurde daher der separate Bau beschlossen.

Dieselmotoren und Mauersegler

Unter dem Kamin ist das Heizkraftwerk massiv ausgebaut worden. Im mehrstöckigen Raum ist es sehr warm. Die Kessel, Pumpen und Filter zischen, stampfen und surren. Das System ist so ausgelegt, dass bei einem Defekt eine zweite Heizung einspringt – oder bei einem Stromausfall ein Notstromaggregat Energie liefert. Davon gibt es gleich zwei. Sie werden von Dieselmotoren angetrieben. Und für die Produktion der Kälte wird eine autonome Ammoniak-Kältezentrale eingesetzt. Sollten die Holzschnitzelheizungen in Extremsituationen nicht ausreichen, ist zusätzlich eine Ölheizung eingebaut.

Für all diese Installationen gibt es die insgesamt acht separaten Kaminrohre hinter der Schieferhülle. Jene der Dieselmotoren müssen sich durch die entstehende Hitze um über einen halben Meter ausdehnen können.

Neben der Fülle an moderner Technik haben die Konstrukteure auch an etwas ganz anderes gedacht: Wer den Kamin von aussen sehr genau betrachtet, sieht weit oben, auf über 40 Metern über dem Boden, kleine Öffnungen in der Hülle. Sie sollen Mauersegler anlocken, um dort zu nisten.

Erstellt: 17.03.2015, 12:48 Uhr

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Alle Energie aus Zürich

Im Heizkraftwerk unter dem Triemli-Kamin werden innerhalb von sechs sehr kalten Tagen bis zu 60 Bäume verfeuert. Alles Holz wird in Form von Schnitzeln angeliefert und stammt aus den Wäldern der Stadt Zürich. Das garantiert kurze Transportwege und hilft zusätzlich, das 2000-Watt-Ziel Zürichs zu erreichen. An Spitzentagen rechnet Gesamtleiter Andreas Marti mit ein bis zwei Lastwagen täglich, die das Brennmaterial anliefern. In der Regel reichten jedoch ein bis zwei Lieferungen in der Woche aus.

Die Verbrennungsabgase der Heizkessel werden durch mehrere Filtersysteme geleitet. Darin bleiben 99,5 Prozent der Feinstaubpartikel hängen. Sichtbar aus dem Kamin tritt nur noch beinahe reiner Wasserdampf aus.

Die Heizung mittels einer Feuerung ist deshalb nötig, weil Erdwärme allein nicht ausreicht. Grund sind die Anforderungen an höhere Temperaturen eines Spitals. Es benötigt nicht nur Wasser zum Duschen, Abwaschen und Heizen. Für die Sterilisation der medizinischen Geräte und Operationswerkzeuge wird 140 Grad heisser Wasserdampf eingesetzt. Um diese Hitze zu erreichen, erwärmt das Schnitzelkraftwerk in einem geschlossenen Kreislauf Wasser auf 160 Grad.

Die Leitungen führen von der Heizzentrale in unterirdischen Kanälen bis zu den Operationsabteilungen. Dort wird der Dampf für den Sterilisationsprozess produziert.

Durch die CO2-neutrale Holzschnitzelheizung wird der Ausstoss dieses Gases um 4000 Tonnen pro Jahr reduziert. Ursprünglich wollte die Stadt viel mehr Energie aus dem Boden gewinnen. Die in der Nähe des Spitals durchgeführte Tiefenbohrung zur Nutzung von Geothermie brachte jedoch nicht die benötigte Leistung. Aus dem über 2700 Meter tiefen Loch wird Energie für die Genossenschaft Sonnengarten gewonnen. (ep)

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