Der Schatten-Stadtpräsident

Das Comeback: Der ehemalige Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber kehrt auf die Bühne der Politik zurück.

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Acht Stadträte haben derzeit anderes zu tun, als in Zürich zu regieren. Andres Türler, der oberste Trämler, ist der einzige Magistrat, der im Büro den Tagesgeschäften nachgeht. Türler ist damit Stadtpräsident ad interim. Den Thron wird der Freisinnige verlassen, sobald Corine Mauch aus den Ferien zurückgekehrt ist. Traurig wird Türler über seine Rückkehr ins zweite Glied wohl nicht sein.

Ein anderer steht dafür umso lieber im Rampenlicht: Elmar Ledergerber, Alt-Stapi und heute Präsident von Zürich Tourismus. Ein Jahr nach seinem Rücktritt drängt der Sozialdemokrat via Medien energisch auf die Bühne der Stadtpolitik. Im März brach Ledergerber eine Lanze für das schwimmende Restaurant Pier 7, das die Stadt abbrechen will: «Zürich muss seinem Bijoux am Wasser Sorge tragen.» Dann kanzelte er den Zürcher Gemeinderat als «geschwätzig und schwerfällig» ab. Selbstbewusst reagierte Ledergerber, als Fifa-Präsident Sepp Blatter die Stadt Zürich in Südafrika als todlangweilig titulierte: «Ich bin sicher, Blatter wird das korrigieren.»

Überall präsent

Ledergerber lancierte jüngst auch die Idee, weniger Taxis durch Zürich fahren zu lassen, dafür im blau-weissen Einheitsgewand: «Das wäre super!» Vor zwei Wochen mahnte er, es sei sekundär, wo das neue Kongresszentrum zu stehen komme: «Wichtig ist, dass es vorwärtsgeht.» Am letzten Sonntag schliesslich forderte er, in Zürich seien in zehn Jahren 10'000 neue genossenschaftliche und städtische Wohnungen zu bauen. So liesse sich in Zürich der Anteil gemeinnütziger Wohnungen von heute 25 auf gegen 30 Prozent steigern – eine Forderung, die im Sinn der SP ist, dem heutigen Stadtrat aber zu weit geht.

Was Ledergerber in die Debatte wirft, hat noch immer Gewicht. Die Taxi-Idee etwa wurde sofort zum Stadtgespräch. Zürich zu gestalten und weiterzubringen – dieser Wille ist ungebrochen. Ebenso die Lust am medialen Auftritt. Ledergerber spricht dabei mit der Kraft und Narrenfreiheit eines Fürsten, der sich vor dem Stimmvolk nicht mehr verantworten muss. In Stil und Ton erinnert er an den – im letzten Herbst verstorbenen – Thurgauer FDP-Politiker Ernst Mühlemann. Dieser machte nach seinem Rücktritt aus dem Nationalrat 1999 als profunder Kenner der Schweizer Aussenpolitik von sich reden; nicht zufällig erhielt er den Übernamen «Schatten-Aussenminister».

Ledergerber beginnt, eine ähnliche Rolle auszufüllen – auch wenn er beteuert, seinen Rücktritt «nie bedauert» zu haben: Er schlüpft mehr und mehr in die Rolle eines Schatten-Stadtpräsidenten. So würde er sich öffentlich nie nennen. Dies gebietet ihm sein Anstand – und die Einsicht, dass er seiner Nachfolgerin und Parteikollegin damit einen Bärendienst erweisen würde: Corine Mauch hat das erste Amtsjahr mit zwiespältiger Bilanz hinter sich gebracht. Ihre Gegner werfen ihr vor, Zürich bloss zu verwalten statt zu gestalten. Wenn ihr nun mit Ledergerber ein politischer Hüne vor der Sonne steht, leidet Mauchs Reputation zusätzlich. Das ist Gift für die Stadtpräsidentin – und die SP, die schon genug damit zu tun hat, aus ihrem Tief herauszufinden.

Kandidatur für den Ständerat?

Auch Ledergerber selber geht mit seinem forschen Kurs ein Risiko ein. Seine Parlamentsschelte beispielsweise hat im Gemeinderat für Irritation und da und dort für leisen Ärger gesorgt. Richtig zornig gemacht hat Ledergerber einen Teil der Taxi-Chauffeure. Deren Vorwurf: Als Stadtpräsident habe er kein Gehör gehabt für jene Forderung, die er nun selber erhebe: die Zahl der Fahrzeuge zu limitieren. Ein Ex-Stapi, der sein Amt nicht loslassen kann, macht sich schnell Feinde. Ledergerber weiss darum. Kümmern wird es ihn wohl nicht. Unbeirrt geht er seinen Weg – womöglich führt er ihn zu einer Kandidatur für den Ständerat im Herbst 2011. Verwundern würde ein solcher Schritt kaum. Ledergerber ist ein Animal politique, Zürichs unzähmbarer Löwe.

Mehr Nachrichten und Hintergründe aus der Stadt Zürich gibt es täglich auf den Regionalseiten im zweiten Bund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an stadt@tages-anzeiger.ch

Erstellt: 30.04.2010, 09:44 Uhr

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Nach dem Auszug aus dem Stadthaus ist Ledergerber wieder da. (Thomas Burla)

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