Der Schrecken der Linken

Filippo Leutenegger zeigt sich mit bald 64 Jahren auf allen Bühnen, punktet bei der Velo-Lobby – und wird Corine Mauch durch seine ungewöhnliche Art gefährlich.

Ein FDPler, der Fahrrad fährt? Filippo Leutenegger zeigt sich gern bodenständig. Foto: Raisa Durandi

Ein FDPler, der Fahrrad fährt? Filippo Leutenegger zeigt sich gern bodenständig. Foto: Raisa Durandi

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Filippo Leutenegger hat etwas erreicht, das nur wenigen Politikern gelingt. Er gewinnt in Lagern, die früher nie für ihn gestimmt haben – besonders im links-grünen Zürich nicht. «Aus dem rechten Flügel der FDP» stamme er und sei ­«besser in der SVP» aufgehoben, schrieben Kommentatoren einst. Trotzdem schaffte er Anfang 2014 den Sprung vom Nationalrat in den Zürcher Stadtrat mit über 7000 Stimmen Vorsprung auf den Grünen Markus Knauss locker. Die einhellige Meinung damals: Er wurde gewählt, weil er national bekannt ist.

Die Zürcher wollten also zwei FDPler statt zweier Grüner im Stadthaus, und Leuteneggers Gegner realisierten, dass sie ein Problem haben: Er ist dauernd auf Sendung. Er sucht die Nähe zu den Medien und allen anderen, die ihm nützlich sind. Leutenegger sammelt als Müllmann Abfall und reisst vor Kameras schädliche Pflanzen aus. Geht es um den täglichen Stress auf der Strasse, macht sich Leutenegger nicht nur fürs Auto stark, wie es Links-Grün am liebsten hätte. Er setzt sich aufs E-Bike und ruft auf Podien, im «TalkTäglich» oder nach dem Ja zur 120-Millionen-Veloförderung dazu auf, beim Verkehr Kompromisse zu schliessen.

Niederlage umgewandelt

Beim Strippenziehen ist er so erfolgreich, dass beispielsweise Dave Durner, der Geschäftsführer von Pro Velo Kanton Zürich, zugeben muss, lieber mit dem FDPler an einem Tisch zu sitzen als mit dessen Vorgängerin Ruth Genner. Ausgerechnet die Grüne scheiterte zu oft am Thema Velo. Leutenegger hingegen liebt das politische Geschäft.

Probleme scheinen ihn nicht abzuschrecken, sondern geradezu anzuziehen. Er weiss: Gibts Streit, rotten sich die Leute zusammen, die Medien richten die Scheinwerfer darauf – ein Ring entsteht. In diesen steigt der Sohn eines Botschafters, ohne zu zögern. Statt Schläge auszuteilen, pendelt er hin und her, hört sich alle Seiten an und vertieft sich wo nötig in ein Thema. Dann holt er aus und schlägt etwas vor, das keine Seite richtig schlecht finden kann, also niemanden auf die Bretter schickt. Damit treibt er seine Gegner die Wände hoch, weil er oft nach Punkten siegt.

Sogar aus einer vermeintlichen Niederlage schlägt er Kapital. Exemplarisch dafür ist der Fall Stampfenbachstrasse. Dort will Leutenegger neu einen 60 Zentimeter breiten Velostreifen aufmalen. Links-grün entgegnet, ein Streifen müsse breiter sein als ein Lenker, und zudem brauchten Velos auf beiden Seiten Platz. Der Gemeinderat lehnte Leuteneggers Plan knapp ab.

Das Nein ärgert ihn nur kurz. Fortan hält er der links-grünen Seite bei jeder Debatte über das marode Velonetz genüsslich unter die Nase, dass sie Velo-streifenverhinderer seien. So punktete er bei urbanen Wählern, ohne dabei die bürgerlichen Autofreunde zu enttäuschen, denn Veloförderung heisst für ihn nicht, Parkplätze abzubauen.

«Ich bin der Filippo»

Er geht auch häufiger hinaus zu den Leuten, als er müsste. Haben beispielsweise Schrebergärtner oder Biker Streit mit der Stadtverwaltung, setzt er sich in deren Vereinsversammlungen, sagt auch mal «Ich bin der Filippo, wir sind ja unter uns», und lässt dann die Aufregung über sich ergehen. Vor aufgebrachten Quartierbewohnern könne man schon mal untergehen, sagt Leutenegger. Doch das passiert ihm kaum.

Er weiss: Steigt ein Stadtrat von seinem Amtsstuhl und begegnet den Leuten auf Augenhöhe, dann wird das geschätzt. Er könnte auch einen Abteilungsleiter losschicken, wenn sich die Bewohner der Grünau über die noch immer fehlende Lärmschutzwand beklagen. Leutenegger aber geht selber hin, sagt Sätze wie: «Das ist nicht gut, wir müssen über eine Zwischenlösung reden.» Danach fühlen sich alle besser.

Es gibt Stimmen aus der Stadtregierung, die kritisieren, Leutenegger mache aus der Politik einen Event.

Wieso dieser Einsatz? Leutenegger öffnet die Hände wie jemand, der einen herabfallenden Ball auffangen will, und sagt, er wolle wissen, wie die Leute ticken. Und: Bei Problemen sei der Chef vor Ort gefragt, man müsse sich zeigen. In seinem Fall heisst das auch, nebenbei im Gottlieb-Duttweiler-Institut zu moderieren, ein Gespräch zwischen den Zürcher Ständeräten zu leiten, Radio 24 in Gerolds Garten zu besuchen oder seine «Tagblatt»-Kolumne direkt an eine Bäckerin zu richten, die den Strassenbau für den Niedergang ihres Geschäfts in Seebach verantwortlich macht.

Mit seiner jovialen und offensiven Art macht er sich zwar nicht automatisch beliebter. Aber der Eindruck bleibt, dass da ein Stadtrat immerhin «etwas mache». Was das konkret bedeutet, sei oft nicht ganz klar, werfen ihm Gegner vor. Man erhalte den Eindruck, ihm sei die mediale Inszenierung wichtiger als das konkrete Realisieren, sagt etwa Markus Knauss. Solche Äusserungen lassen den Stadtrat im Stuhl nach vorn schnellen. Das könne er absolut nicht nachvollziehen, schliesslich kommuniziere er immer offen und suche nach einer pragmatischen Lösung.

Schön geredet, wenig erreicht?

Gabriela Rothenfluh, SP-Co-Präsidentin, kritisiert Leutenegger scharf: Ausser schön zu reden, habe er nicht viel erreicht. Im Tiefbaudepartement sei die Stimmung schlecht, und im Gemeinderat seien seine Geschäfte häufig umstritten. Dazu sagt Leutenegger, Rot-Grün streiche ihm aus ideologischen Gründen immer wieder Projekte aus dem Budget. Stimmungsschwankungen im Tiefbauamt erklärt er mit seinem klaren Führungsstil, der für einige Leute eine Umstellung sei. Und Vorwürfe, er würde sich zu sehr in die Arbeit seiner Kaderleute einmischen, lässt er nicht gelten. Wer führt, müsse ab und zu auch eingreifen, falls es nötig wird.

Aber wieso füllt er mit bald 64 Jahren seine Agenda mit Terminen in Quartieren und mit Moderationen? Weil er das gern mache, sagt er und lächelt bis zu den Ohren. Fakt ist: Wäre da nicht Corine Mauch, würde er die gesamte SP-Garde im Stadtrat medial überflügeln. Wer kann sich schon daran erinnern, wann Odermatt, Golta oder Nielsen letztmals öffentlich etwas sagten?

Das weckt Argwohn. Es gibt Stimmen aus der Stadtregierung, die kritisieren, Leutenegger mache aus der Politik einen Event, statt einfach seine Arbeit zu tun. Der Gedanke liege nahe: Er will Stadtpräsident werden.

Sein Ego hat ihn weit gebracht, ausserhalb des Bundeshauses ist er wohl der bekannteste Zürcher Politiker nach Christoph Blocher.

Seine Gegner sagen zwar, in zwei Jahren werde Leutenegger 66 Jahre alt, und Zürich sei eine SP-Hochburg. Trete Mauch an, werde sie wiedergewählt, denn sie habe sich keinen Skandal geleistet, sei souverän und längst keine «Graue Mauch» mehr. Aber erstens ist Leuteneggers Alter kein Argument. Er sieht nicht nur deutlich jünger aus. Der FDPler wird seine Gegner auch in zwei Jahren noch listig anschauen und gewieft debattieren. Zweitens hat er einen Trumpf im Ärmel: Er muss nicht. Aber wenn er will, dann könnte er für Mauch gefährlich werden.

Diese Freiheit hat er sich über Jahrzehnte erarbeitet. Auf seinem Weg vom WOZ-Mitbegründer, Banker, «Arena»-Erfinder und Chefredaktor des Schweizer Fernsehens über seinen Job als Jean-Frey-Sanierer, Hausmagazin- und Kinderkrippen-Gründer und schliesslich Nationalrat hat er sich nebenbei ein Immobilien-Portfolio aufgebaut. Er ist finanziell unabhängig und nicht auf die 240'000 Franken Lohn als Stadtrat angewiesen. Das wurde gemunkelt, als er mit 62 Jahren kandidierte. Doch allein mit seinen Dutzenden Mietwohnungen in Zürich hätte er sich zur Ruhe setzen können.

Zudem würde er mit einer lockeren Angriffigkeit in den Wahlkampf ziehen. Sein Ego hat ihn weit gebracht, ausserhalb des Bundeshauses ist er wohl der bekannteste Zürcher Politiker nach Christoph Blocher. Die FDP stünde bedingungslos hinter ihm. Und Leutenegger weiss: Wenn es nicht klappt mit dem Stadtpräsidium, dann bestimmt nochmals mit dem Sitz im Stadtrat. Mit Freude wird er dann noch freier seine Seilschaften ziehen.

SP: Ohne Mauch wirds schwierig

Ob das 2018 auch fürs Präsidium reicht, hängt vor allem auch von Mauch ab. SP-Co-Präsidentin Rothenfluh geht davon aus, dass sie noch mal als Stadtpräsidentin antreten und auch gewinnen wird. Und wenn nicht, dann habe die SP keine Angst, das Stadtpräsidium zu verlieren. Man habe genug fähige Leute. Ein langjähriger Gemeinderat aus dem linken Lager widerspricht: Für Mauch werde es kein Sonntagsspaziergang, und ohne sie werde es für die SP sehr schwierig. Mauch selber sagt, sie habe grosse Freude am Amt. Über eine Kandidatur zu reden, sei aber viel zu früh.

Leutenegger hat nun noch gut ein­einhalb Jahre Zeit, sich als Liberaler zu positionieren, weg vom rechten ­FDP-Flügel und näher bei der Mitte, bei den Velofahrern und Autobahn­anwohnern. Auf solche Überlegungen reagiert Leuten­egger bemüht gelassen. Er streitet ab, eine entsprechende Agenda zu haben. Eine Kandidatur als Stadtpräsident hänge auch von der Partei ab. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Heute sage er nicht Ja oder Nein. Er lehnt sich zurück und sagt dann den Satz, der Politikern im Vorwärtsgang eigen ist: «Die Wählerinnen und Wähler entscheiden.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2016, 22:35 Uhr

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