Der Stachel im Körper, der bleibt

Vor zehn Jahren hat sich Mirjam das Leben genommen. Ihre Eltern Petra und Bruno Zürcher haben es nach langer Zeit geschafft, wieder ins Leben zurückzukehren.

Petra und Bruno Zürcher kamen sich durch den Tod ihrer Tochter wieder näher. Auch, weil sie sich gegenseitig nie Vorwürfe gemacht haben. Foto: Sophie Stieger

Petra und Bruno Zürcher kamen sich durch den Tod ihrer Tochter wieder näher. Auch, weil sie sich gegenseitig nie Vorwürfe gemacht haben. Foto: Sophie Stieger

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Es war ein Abend nach einer langen, aufreibenden Zeit, und es hätte für Petra und Bruno Zürcher Gründe gegeben, beim Ertönen der Polizeisirene zu erschrecken. Doch an jenem Abend des 9. Dezember dachten sie nicht an ­etwas Schlimmes. Sie sassen vor dem Fernseher, als es eine halbe Stunde vor Mitternacht an ihrer Haustür klingelte. Da standen zwei Polizisten. Petra Zürcher wusste sofort, was geschehen war. «Sie hat es getan! Sie hat es getan!», schrie sie. Und ihre Schreie nahmen kein Ende. Keine 300 Meter von ihrem Zuhause entfernt hatte sich ihre Tochter Mirjam vor einen Zug gestellt.

Zehn Jahre sind seither vergangen. Petra Zürcher erinnert sich nur noch an die verzweifelten Schreie, kaum mehr an ihre Worte in jener Nacht. «Was man da fühlt, ist schlimmer als jede Vorstellung.» Ihre Tochter hatte kurz vor dem 19. Geburtstag ihrem Leben ein Ende gesetzt. Die Angst davor hatte die Familie Zürcher schon länger gequält. Schon ein Jahr zuvor hatte Mirjam Tabletten genommen. Doch immer lebte die Familie in der Hoffnung, Mirjam würde es nicht wieder tun.

Sie wollte immer perfekt sein

Jetzt sitzen Petra und Bruno Zürcher am Tisch und versuchen, das zu erklären, was immer noch schwer zu verstehen ist: Warum hat sie es getan? Und wie wird man als Eltern damit fertig? Mirjam sei wohl an sich selbst gescheitert, an ihren hohen Ansprüchen. Sie konnte keine Fehler zulassen. «Wir konnten ihr nicht zeigen, schau, Fehler sind normal», sagen sie. Mirjam wollte perfekt sein. Sie verbrauchte unheimlich viel Kraft damit, diesen Anschein zu wahren. «Es schien mir immer, als ob Mirjam eine Maske tragen würde, hinter die sie niemanden blicken liess», beschreibt ihre jüngere Schwester Dominique sie in einem kurzen Film, den sie Jahre nach Mirjams Tod gedreht hat: «Mirjam wollte ihren Weg immer alleine gehen – lieber mit dem Kopf durch die Wand, als Schwäche zeigen.»

Dann ging sie. Ohne Vorwarnung, ohne Verabschiedung. Radikal. Mitten auf den Geleisen soll sie gestanden haben. Ein Trauma für den Lokführer. Gerne hätten Petra und Bruno Zürcher mit dem Lokführer gesprochen. Ihm gesagt, dass er sich keine Vorwürfe machen solle. Dass es ihnen wahnsinnig leidtue, was ihm ihre Tochter angetan hatte. Doch zum Schutz des Lokführers gab es keinen Kontakt.

Alles, was der Familie blieb, war Mirjams Handtasche, welche die Polizisten in dieser verhängnisvollen Dezembernacht auf den Tisch gelegt hatten. Und ein Bauchnabelpiercing. «In diesem Moment wusste ich», sagt Petra Zürcher, «da ist nichts mehr.» Wie gerne hätte die Mutter ihr Kind noch ein letztes Mal in die Arme genommen, es an sich gedrückt. Doch zum Drücken war nichts mehr da. Zusammen mit zwei Freunden von Mirjam begleitete die Familie den Sarg zum Kremationsofen. Als sie beim Heimfahren Rauch aus dem Kamin aufsteigen sahen, sagte Dominique: «Das ist der Rauch von Mirjam.» Das sei absurd und zugleich tröstlich gewesen, erinnert sich die Mutter.

War Mirjam spontan aus dem Leben gegangen? War es ein Akt der Verzweiflung? Oder war es ein Hinweis, dass ihr Kalender nur bis zu jenem 9. Dezember beschrieben war und an diesem Tag nur ein einziger Eintrag stand, ein kleiner Bleistiftstrich wie ein Haken, der etwas Erledigtes bezeichnen sollte? Petra und Bruno Zürcher mögen nicht spekulieren. «Bei Mirjam war es kein Freitod, es war ein Tod aus Verzweiflung, ungeplant», sagen sie nur. «Sie konnte einfach nicht anders, sie hatte keine Kraft mehr.»

Man versuchte zu rekonstruieren, was am Tag der Tragödie geschehen war. Ob man etwas hätte ahnen müssen, ob es Zeichen gab. Es gab keine. Mirjam war wie jeden Morgen spät dran auf dem Weg zum Jelmoli in Zürich, wo sie eine Verkaufslehre angefangen hatte. «Das letzte Geräusch, ihr Haareföhnen am Morgen, hat sich eingebrannt», sagt Schwester Dominique. Kein Frühstück. «Tschüss», und weg war sie. Irgendwann am Nachmittag musste etwas passiert sein, das Mirjam – wie so oft – das Gefühl gab, versagt zu haben, nicht zu genügen. «Irgendwo im Verlaufe des Tages kippte der Schalter», sagt Petra Zürcher.

Ihre Bulimie habe sie durch einen Klinikaufenthalt nach dem ersten Suizidversuch in den Griff bekommen. Ihren seelischen Problemen aber, verbunden mit einem geringen Selbstwertgefühl, sei sie nicht gewachsen gewesen. Am Abend nahm sie einen Zug früher als sonst, stieg aus, ging den Geleisen entlang und wartete auf den nächsten Zug, mit dem sie üblicherweise heimfuhr. Mirjam starb am 9. Dezember 2004, um 20.40 Uhr.

Fragen, die nicht weiterführen

Petra und Bruno Zürcher waren in jener Unglücksnacht dankbar dafür, dass die Polizisten sie rund um die Uhr betreuten. «Wir fühlten uns aufgehoben, konnten über praktische Dinge reden. Darüber, was zu tun ist», sagt Bruno Zürcher. Er war froh, den Schmerz mit Kopfarbeit bekämpfen zu können. Seine Frau hat diese Gabe nicht. Ihre Schmerzen blieben im Bauch stecken, für lange Zeit. «Ich funktionierte einfach nur noch, wie eine Maschine», sagt sie, «alles links und rechts war ausgeblendet.»

Das Schlimmste waren die vielen Fragen. Fragen, die einen nicht weiterbringen, die man sich aber trotzdem stellt, weil man nicht anders kann. Petra Zürcher zerlegte Mirjams Leben in kleine Puzzleteile, «wie eine Verrückte brütete ich monatelang darüber, was ich hätte sehen müssen und nicht sah». Was man hätte tun können, hätte man nur etwas bemerkt. Die letzten Tage, Wochen, Jahre analysierte sie. «Am Schluss sind es ganz viele Steinchen, die den unüberwindbaren Berg höher machten», sagen die Eltern. Familie, Schule, das Umfeld. Wer war Mirjam? Und wie konnte es so weit kommen? Diese Fragen beherrschten das Leben der Eltern jahrelang.

Lehrabbruch, Auszeit, Neustart

Mirjam kam am 1. Januar 1986 zur Welt. Schon in der Primarschule gab es schwierige Phasen. Sie eckte an, weil sie niemanden an sich heranliess. Angriffe erzeugten bei ihr noch mehr Abkehr. «In ihre feine Seele ging alles fadengerade hinein», sagt Petra Zürcher. Nach der Sek A fand sie mit Ach und Krach eine KV-Lehrstelle im Zürcher Seefeld. Ein Vierteljahr später war diese Stelle gefährdet. Die schulischen Leistungen genügten nicht. Mirjam gab auf und nahm, unterstützt durch die Eltern, ein Jahr Auszeit.

Dann ein Erfolgserlebnis: Mirjam bekam eine Lehrstelle als Detailhandelsfachfrau bei Jelmoli in Zürich, sie stach 500 Bewerberinnen aus. Ihre Eltern waren stolz auf die 17-Jährige. Kurz nach Lehrbeginn zog sie zu Hause aus. Mit drei Jungs in eine WG. Endlich schien es aufwärtszugehen. Doch es kam anders.

Im Dezember riefen ihre WG-Partner an. Mirjam hatte Tabletten geschluckt. Das war knapp vor ihrem 18. Geburtstag. Sie kam für einige Wochen in eine geschlossene Klinik, später in eine offene Psychotherapiestation, in der sie auch wegen ihrer Essstörungen behandelt wurde. Erst im Sommer konnte sie die Lehre fortsetzen, musste aber das erste Lehrjahr wiederholen.

«Sie entglitt uns gänzlich»

Mirjam zog abermals aus dem Elternhaus aus und wohnte kurze Zeit in Winterthur bei einer Kollegin. Sie suchte nach Liebe, ist dabei aber an die falschen Typen geraten. «Sie wurde ausgenutzt, wahrscheinlich auch sexuell», vermuten die Eltern. Sie nahm keine Medikamente mehr, liess die Therapie sausen. Die Familie war machtlos, denn mittlerweile war ihre Tochter volljährig geworden. Sie kam nach Hause zurück, doch «sie entglitt uns gänzlich», sagen die Eltern. «Wir konnten sie nicht mehr halten.»

Die psychische Belastung wuchs von Tag zu Tag. Die Atmosphäre war explosiv, die Beziehung der Eltern litt unter den Problemen mit der Tochter. Der Vater hatte keine Nerven mehr, die Mutter litt an einer Erschöpfungsdepression. «Wir waren der Situation ohnmächtig ausgeliefert», sagen sie. Von Scheidung war die Rede. Drei Tage vor ihrem Tod stellte Mirjam der Mutter die Frage: «Wieso soll ich auf dieser Welt bleiben?»

«Am Schluss hatte ich keine Kraft mehr, Mirjam das Positive dieser Welt zu zeigen.» Ein paar Tage vor Mirjams Tod fuhren Vater und Tochter nach Venedig. Auf dem Töff. Bruno Zürcher hatte sich Hoffnungen gemacht, einen neuen Versuch gewagt, Mirjam aus dem tiefen Loch zu ziehen. «Doch sie liess fast die ganze Zeit die Kopfhörer in den Ohren – unerreichbar für mich.»

Durch den Tod ihrer Tochter kamen sich Petra und Bruno Zürcher wieder näher. Auch, weil sie sich nie gegenseitig Vorwürfe gemacht haben. Ein Schlüsselmoment für Petra Zürcher war der Satz ihres Mannes: «Wir haben doch bei Problemen immer so entschieden, wie wir es beide im jeweiligen Moment für richtig hielten und wozu wir fähig waren.» Diese Worte gaben ihr die Kraft, sich langsam von den Selbstvorwürfen zu lösen.

«Ist man oben, fällt man runter»

Zu Mirjam hat Petra Zürcher mit der Zeit einen anderen Zugang gefunden, auf einer geistigen Ebene. «Mirjam ist immer bei mir», sagt sie. Wenn jemand fragt, wie viele Kinder sie habe, dann sage sie jeweils «zwei Töchter» – eine Lebende und eine Verstorbene. Eine Eingebung gab ihr «unheimlich viel Trost». Sie sah, wie Mirjams Seele kurz vor dem Aufprall in einem lichten Nebel entschwand. Als ob ihr jemand den letzten Schmerz hätte ersparen wollen. Halt gibt den Eltern auch die Gewissheit, dass Mirjam mit ihrem Suizid eines sicher nicht wollte: «Dass wir bis ans Ende unserer Tage um sie trauern.»

Für Bruno und Petra Zürcher gab es nur einen Weg, wieder ins Leben zurückzufinden: das Geschehene akzeptieren und versuchen, es anzunehmen. «Ein unendlich schwieriger Prozess – eine Sisyphus-Aufgabe», sagt Petra Zürcher. Man laufe immer wieder in die gleichen Fragen, Vorwürfe und in die gleiche Wut hinein, «und wenn man endlich oben ist, fällt man wieder runter». Es ging nicht ohne Medikamente. Die Eltern brauchten Hilfe, «den grossen Berg in winzig kleinen Schritten doch noch zu bewältigen».

Noch heute, ein Jahrzehnt später, sieht Petra Zürcher ihre Tochter jedes Mal an der Unglücksstelle stehen, wenn sie mit dem Zug vorbeifährt. Doch Mirjams Tod ist für die Familie Zürcher nicht mehr der einzige Lebensinhalt. Mit den Geschehnissen des 9. Dezember 2004 werden sie aber für immer leben müssen. «Es ist wie ein Stachel im Körper. Am Anfang spürt man ihn stark», zitiert Petra Zürcher den Schriftsteller Martin Suter, «und irgendwann hat man gelernt, mit den Schmerzen umzugehen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.12.2014, 23:10 Uhr

Selbsthilfe
Verein Regenbogen

Der Verein Regenbogen ist eine Vereinigung von Eltern, die um ein verstorbenes Kind trauern, egal, welchen Alters und was die Todesursache war. Betroffene Eltern, die in ihrer Trauerarbeit bereits ein Stück weiter­gekommen sind, leiten die regelmässigen Treffen. Selbsthilfegruppen gibt es in verschiedenen Regionen der ganzen Schweiz.

www.verein-regenbogen.ch

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