Der Star ist der Park

Vier Taschen, ein Ball. Das sind die Hilfsmittel, welche die Feierabendkicker benötigen, die sich an der Zürcher Gemütlichkeits-Liga «Fussball im Park» beteiligen. Erfunden habens zwei Berner.

Einer der schönsten Fussballplätze Zürichs: Der Belvoirpark. Ohne Flutlicht zwar, aber auch ohne Stützen.

Einer der schönsten Fussballplätze Zürichs: Der Belvoirpark. Ohne Flutlicht zwar, aber auch ohne Stützen. Bild: Nicola Pitaro

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Auch wenn die Werbung tagtäglich das Gegenteil behauptet, so wissen wir insgeheim alle: Die grössten Momente im Leben gibts umsonst. Mitternächtliches Schwimmen im Sommersee? Dösen im Kornfeld? Ein Schäferstündchen auf der Magerwiese? Das Betrachten eines Alpenpanoramas? Nacktwandern im Appenzellerland? Nichts davon kostet einen müden Rappen.

Doch es kommt noch besser, mindestens für harte Kerle mit weichem Kern: Diese können jetzt nämlich auch ihren Lieblingssport betreiben, ohne dass sie einen Vereinsbeitrag leisten, teure Nockenschuhe posten oder wenigstens fürs Waschen der Leibchen bezahlen müssten. Möglich wird diese Traumsituation durch «Fussball im Park». Hinter dem poetischen Namen verbirgt sich eine Liga für Feierabendtschütteler, die weder um Meriten noch Pokale kämpfen, die sich nicht in die Knochen treten, sich nicht beschimpfen, nicht bespucken – und die auch dann noch strahlen, wenn sie mit 2:13 eins auf den Deckel bekommen.

In Jeans auf Torjagd

Unterstrichen wird das Credo der Lockerheit auch durch die Hilfsmittel, die fürs «Fussball im Park»-Mätschli benötigt werden. Es sind vier Taschen (oder Leibchen, Pullis usw.), mit welchen die Tore markiert werden – plus ein Ball. That’s it. Fussballschuhe sind in der Gemütlichkeits-Liga ebenso verpönt wie designte Einheitstenüs. Was grad noch durchgeht, ist, wenn die Spieler eines Teams in Shirts auflaufen, die mehr oder weniger in derselben Farbe leuchten. Ob aber jemand in Buntfalten, in Jeans (das kommt tatsächlich vor) oder in Turnhosen auf den Platz geht, ob er in Sneakers, Adiletten oder gar barfuss dem Ball nachjagt, ist völlig egal.

Das klingt nicht nur auf dem Papier deutlich «alternativer» als die offizielle Zürcher Alternativ-Liga, es wird in der Praxis auch entsprechend umgesetzt. Schiris und Linienrichter gibt es keine; wenn es mal eine strittige Situation gibt – was sehr selten passiert, wird diese ausdiskutiert. Und doch kommt auch «Fussball im Park» nicht gänzlich ohne Regeln aus. Dabei entscheidet stets das Heimteam über die Grösse der Tore (weil es keinen fixen Goalie gibt, sind es meist etwa zwei Meter), die Anzahl der Akteure (die hängt von der Grösse des Feldes ab; maximal spielen sechs gegen sechs) und die Dauer des Matches (mehr als eine Stunde wird selten gekickt).

So viel zum sportlichen Rahmen. Wobei, nein, halt. Was noch fehlt, sind die «Stars», die zum Fussball gehören wie der Sonnenschirm zum Badestrand. Weil bei diesem Freizeitvergnügen aber alles ein wenig aus dem Rahmen fällt, wird sich niemand wundern, wenn diese Starrolle nicht etwa diesem oder jenem Spieler, sondern den bespielten Kulissen zugehalten wird. Subjektiv wie objektiv betrachtet, besteht nämlich kein Zweifel, dass es auf Stadtgebiet keine originelleren und schöneren «Stadien» gibt als die mit satten (okay, teilweise auch holprigen) Wiesen und stämmigen Bäumen versehenen öffentlichen Parkanlagen. Und weil die Naturpracht geschont und erhalten werden soll, haben die Teams vereinbart, auf Fussballschuhe zu verzichten.

Bratwürste für die Sieger

Vereinbart wurde ebenfalls, dass jedes Team – in der ersten Saison im Jahr 2008 waren es sechs, in der aktuellen Spielzeit sind es zehn – den jeweiligen «Homeground» im Klubnamen transportieren muss. Entsprechend heissen die Mannschaften also Real Rieterpark, Wadenschindler (Schindlerpark) oder Kasernenknast (Kasernenwiese). Der simple Spielmodus sieht vor, dass alle Equipen zweimal gegeneinander antreten; einmal zu Hause, einmal auswärts. Gespielt wird bei jeder Witterung von April bis September; als Abschluss gibts dann das End of Season Barbecue, bei dem auch der «Meister» gekürt wird – wobei die Siegerprämie darin besteht, dass die Champions die Würste nicht selber mitbringen müssen.

Viel Spass und eine vernünftige Portion Bewegung in freier Natur, das sind die wichtigsten Grundsätze der «Fussball im Park»-Philosophie. Entstanden ist sie in den Köpfen von Laurent Müller und Olivio Donati, zwei früheren Berner Mittelschulkollegen, die sich in Zürich zufällig wieder über den Weg gelaufen sind – und die erst so spät in diesem Artikel auftauchen, weil sie ausdrücklich gewünscht haben, dass nicht sie, sondern das Projekt im Zentrum stehen soll. Müller, ein ehemaliger Eishockeyprofi (unter anderem bei den ZSC Lions und beim SC Bern), der jetzt als Consultant arbeitet, betreut auch die Homepage. Donati, Assistenzarzt im Uni-Spital, unterstützt ihn dabei.

Gerade bei der Website ortet das Duo noch Steigerungspotenzial, es denkt an unkonventionelle Spielerporträts, an kleine Matchberichte, an lustige Blogbeiträge. Wichtiger aber sei, dass die Fairness, die Mischung der Akteure und das Bekenntnis, an Spieltagen wirklich aufzukreuzen, beibehalten werde, findet Müller. «Akademiker spielen bei uns gegen Büetzer, Deutsche gegen Schweizer und Italiener, ehemalige Riesentalente, gegen ehrliche Kämpfer. . . , und alle wissen, dass es um den Plausch und nicht um den Sieg geht. Solange dieser Geist herrscht, werden wir „Fussball im Park“ weiterführen.»

Deshalb, fügt Donati an, wolle man die Liga auch nicht künstlich aufblasen. «Man kann sich melden, als Team oder auch als Einzelspieler, es gibt jede Saison wieder Mutationen. Aber viel mehr Mannschaften, das wird nicht gehen, auch weil es ja gar nicht mehr unzählige freie Parks oder Wiesen hat.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.06.2010, 23:35 Uhr

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