Der Tourist soll bezahlen

Der Fraumünster-Fünfliber funktioniert. Muss er sich auch anderswo durchsetzen?

Weniger davon: Wer ins Fraumünster will, muss einen Fünfliber bezahlen. Das wirkt sich auf die Besucherzahl aus. Foto: Archivbild

Weniger davon: Wer ins Fraumünster will, muss einen Fünfliber bezahlen. Das wirkt sich auf die Besucherzahl aus. Foto: Archivbild

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Der Eisregen ist eine Zumutung, Vater und Sohn suchen Unterstand, Kirchenasyl. Leider, sagt die Frau hinter der ersten Tür, «müssen Sie bezahlen». Stimmt, da war doch etwas – das Zürcher Fraumünster kostet nun Eintritt, die vielen Chagall-Touristen sind schuld.

Fünf Franken? Nicht mit uns. Brüskiert verlassen wir das Gotteshaus. Im Weggehen aber lesen wir auf dem Herzlich-Willkommen-Schild: Freier Eintritt für Kirchgänger und Personen, die «zur stillen Andacht» kommen. Also sofort umgedreht. Wir sind in der Tat zwecks stiller Andacht hier. «Dann ist es gratis», sagt die Frau ohne jede Regung. Und es war dann wirklich still und andächtig, Junior hat den gemalten Sternenhimmel und die langen Buntfenster bestaunt, den Pfarrer hätte es gefreut.

Ein schönes Arrangement. Einheimische Kirchgänger sagen die geheime Losung (oder lassen sich eine Stammgastkarte ausstellen, das geht auch) und dürfen gratis in ihre Kirche. Alle Zugereisten müssen zahlen. Warum nicht? Touristen nutzen eine Kirche doch eher wie ein Fotosujet oder ein Museum denn als Ort der Spiritualität. Auch in der Sagrada Familia, der Notre-Dame-Kathedrale oder in der Sixtinischen Kapelle ist Eintritt zu entrichten.

Touristen sind schlecht für die Umwelt, übernutzen schöne Orte, gehören bestraft. Bleibt doch daheim.

Im Fraumünster gilt die Billettpflicht seit 2016. Und anders als der kurzlebige Schiffsfünfliber bewährt sie sich. Statt um eine Mehrung der Einnahmen ging es der Kirchenpflege aber auch realistischer um die Verringerung der Kundschaft – also um genau das, was auf dem Zürichsee in der kurzen Bezahlphase ungewollt geschehen ist. Es waren früher einfach immer zu viele Besucher im Fraumünster, bis zu 2000 pro Tag. Sie standen im Weg. Tourguides erzählten Blödsinn von Picasso-Fenstern, Besucher glotzten, knipsten, gingen wieder, 2-Minuten-Tourismus, been there, done that, unerfreulich.

Dank der Bezahlschranke hat sich die Besucherzahl offenbar innert weniger Monate halbiert. Eintritt zahlen? Lieber weiter auf den Uetliberg. Wer trotzdem ein Kirchenticket löst, erhält das stärkere sakrale Erlebnis dafür: mehr Ruhe zum Sehen und Staunen. Zudem sind im Eintrittsgeld ein Audioguide und eine Broschüre inbegriffen, man bekommt etwas fürs Geld.

Sicher, manche gläubige Touristen und Pilger bringen mehr Gottesfurcht mit als der Standardzürcher Schlechtwetter-Vater. Ist es fair, dass sie bezahlen müssen, nur weil sie das Kennwort von der Andacht nicht kennen? Aber das sind Details. Alle, die den Tourismus sowieso verabscheuen, wenn er zu ihnen nach Hause kommt, müssen den Abschreckfünfliber lieben. Touristen sind schlecht für die Umwelt, übernutzen schöne Orte, gehören bestraft. Bleibt doch daheim.

Beim Fünfliber für den Eintritt ins Fraumünster scheint es nicht um die Herkunft, sondern um das echte Interesse der Besucher zu gehen.

Die Idee könnte sich durchsetzen. Etwa in den Zürcher See- und Hallenbädern. Sollten sie nicht ebenfalls für Stadtzürcher gratis sein, für Touristen und vielleicht sogar für Pendler aus Zug, Luzern und Schwyz teurer werden, sagen wir 14 statt 7 Franken? Manche Landgemeinden handhaben das ja heute schon so: Steuerzahler gratis, Auswärtige zahlen. Dasselbe könnte man mit öffentlichen WCs machen, vielleicht mit Trinkwasserbrunnen – ein «Züri-Key» öffnet Ortsansässigen den Hahnen und die Tür. Und dieser Wegelagerer-Aussichtsturm auf dem Uetliberg, der muss unbedingt für Zürcher gratis werden, alles andere ist Diebstahl, man fühlt sich wie ein Tourist auf dem eigenen Berg.

Richtig sympathisch aber sind solche Apartheidsfantasien nicht. Man sollte die Menschen nicht ständig in Eigene und Fremde einteilen. Städte sind grossherzig und wollen auch Auswärtigen ein Daheim sein. Vielleicht ist der Fraumünster-Fünfliber deshalb so sympathisch: Es scheint ihm nicht um die Herkunft zu gehen, sondern um das echte Interesse der Besucher. Abwarten, ob sich das Kennwort bald in Reiseführern und auf Tripadvisor herumspricht. I am here for the Andacht, swear to God.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.01.2019, 09:36 Uhr

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