Der Umzug der Orthodoxen

Wie die Street-Parade ist auch ihr Zürcher Gegenpol «Antiparade» in die Jahre gekommen. Seit sie legal ist, hat sie ein Problem.

Die Antiparade: Sie versteht sich als Alternative zum Menschenzoo.

Oscar Lebeck

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Es ist ein wackeres Häuflein Unentwegter, das sich am Samstagnachmittag beim Bahnhof Wiedikon trifft. Aussenstehende könnten die vielen schwarz gekleideten Männer glatt mit dem Schwarzen Block verwechseln. Doch keiner ist gekommen, um Steine zu werfen. Antiparade nennt sich die Veranstaltung, hinter der ein gleichnamiger Verein steht und die sich als Alternative zum «Menschenzoo am Seebecken» anpreist. Trotz des Protestcharakters ist die Stimmung nicht angespannt. Die Leute wirken eher gelangweilt und kommen aus Gewohnheit. Unter die rund 150 Personen mischen sich ein paar Frauen, die man auch in Zürcher Szenebars antreffen könnte.

«Das Gewissen des Mainstreams»

«Wir sind das Gewissen des Mainstreams», sagt Patrick Muggli, Erfinder und Organisator der Antiparade. Kaum hat er den Satz ausgesprochen, muss er ein bisschen lachen. Seit 1996 protestiert der 39-Jährige gegen die Street-Parade, indem er sich weigert, ihre Wurzeln aufzugeben. Also hat er eine Gegenveranstaltung ins Leben gerufen, die ohne Sponsoren und Toitoi-WCs auskommt. Gegen 16 Uhr bewegen sich vier Mobiles in Richtung Helvetiaplatz, eskortiert von der Polizei, die den Verkehr regelt. An der Spitze des Trosses fahren drei auf ihren Velos, von denen einer Stunden und Herzblut aufgewendet hatte, um auf einem kleinen Anhänger ein Soundsystem zu installieren. Der Rapper Sean Byron ist einer der wenigen Euphorisierten. «Zürich besteht nicht aus einem Einheitsbrei. Die Stadt ist bunter, und das sieht man hier», sagt er. Doch die Bunten wirken heute etwas schlapp. Nur wenige tanzen, die meisten laufen einfach mit.

Früher lieferte sich die Antiparade ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. Getreu dem Motto «Keine Party ist illegal» besetzten die Aktivisten einen Raum und feierten abseits der Street-Parade ihr Fest. Hunderte nahmen daran teil, und zu Beginn der Nullerjahre kamen einmal 1500. «Die Leute krochen aus ihren Kellern und machten Musik – ob das den anderen Leuten gefiel oder nicht», sagt Muggli. Das sei auch der ursprüngliche Grundgedanke der Street-Parade gewesen. Doch weil das der Polizei nicht gefiel, wurde es für die Antiparade eng. Die Ordnungshüter verhafteten 2003 eine Person, transportierten die Musikinstallation ab und schickten eine happige Busse hinterher. «Dabei hatte sich nie jemand wegen des Lärms beschwert», sagt Muggli. Vor fünf Jahren kapitulierte die Antiparade und holt seither Bewilligungen ein: Offiziell ist sie eine Demonstration.

Jede Szene tanzt für sich

Bereits nach 15 Minuten kommt der Umzug am Helvetiaplatz an. Die vier Mobiles parkieren in Abständen von 20 Metern, und dann dürfen die Leute bis 20 Uhr tanzen. So lange gilt die Bewilligung. Mit leicht melancholischem Blick verfolgt Patrick Muggli das Treiben. «Unsere einzige Botschaft ist: Wir sind da, und wir machen Lärm. Aber das ist keine Aussage.» Jede Szene tanzt für sich: Die linken Skins bewegen sich zu harter Gabber-Musik, die Punks zu Industrial und die Undefinierbaren zu Minimal und Drum ’n’ Bass. Es gibt praktisch keine Durchmischung, ausser beim Gang zum WC. Was sie vereint: Alle entsorgen ihre Bierflaschen und Becher in mitgebrachten Abfallsäcken. Nach 20 Uhr ist der Helvetiaplatz sauber wie immer. Nur Zigarettenkippen erinnern daran, dass da etwas war.

Patrick Muggli sagt, dass auch er in die Jahre komme. Punkto Sound sei er nicht mehr auf dem neusten Stand. Und an eine Party zu gehen nach dem Aufräumen, das mag er nicht. Er zieht dem einen gemütlichen Abend daheim vor.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.08.2010, 21:44 Uhr

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