Der Vater aller Barbershops

Hier war die Rasur mehr als nur Bartpflege: Im Salon des kürzlich verstorbenen Robert Rosenberger weht noch der Geist der 1930er-Jahre.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Barbier schäumt die Seife auf, trägt sie mit dem Dachshaarpinsel auf, setzt die scharfe Klinge vorsichtig auf die Haut und rückt den Stoppeln mit ruhiger Hand zu Leibe. Das ist mehr als nur Bartpflege. Für Robert Rosenbergers Kunden war das ein Ritual, für das sie sich Zeit genommen haben. Seit 1960 waren Frisieren und Rasieren für Rosenberger Beruf und Berufung. Mitte Februar ist er 82-jährig in seinem Salon zwischen Central und Stampfenbachplatz gestorben.

Hier ist die Zeit scheinbar stehen geblieben. Das Interieur stammt aus den 1930er-Jahren: dunkle Holzschränke, alte Friseurstühle aus Metall und Leder und grosse, weisse Lavabos. Vieles hat Patina angesetzt, nur vereinzelt wurde zurückhaltend geflickt und angepasst. Trotzdem wirken die Möbel und Instrumente gepflegt. «Es kamen regelmässig Passanten ins Lokal und wollten fotografieren», erzählt Christian Rosenberger, der Sohn des verstorbenen Coiffeurs.

Haare statt Sträucher schneiden

Das Display des Anrufbeantworters, den er nach dem Tod seines Vaters eingerichtet hat, zeigt 30 neue Nachrichten an. Wir hören eine ab; ein Kunde kondoliert und erzählt, dass er sich über 50 Jahre lang von Robert die Haare habe schneiden lassen. «Mein Vater war ein ruhiger, bescheidener Mann, konnte gut zuhören – und bei vielen Themen mitreden.» Der Salon sei für viele eine Oase der Ruhe gewesen. «Hier konnte man sich zurücklehnen, entspannen und die hektische Welt da draussen für kurze Zeit vergessen.» Dazu trug wohl auch die dezente Musik von Mozart bis Sinatra bei.

Seinen einzigen Abstecher in eine andere Berufsgattung hat Rosenberger nach seiner Lehre als Gärtner gemacht. Doch das sei von kurzer Dauer gewesen, erzählt seine Witwe Liz: «Ich schneide doch lieber Haare als Sträucher», habe er damals zu ihr gesagt. Vor der Übernahme des Salons im Jahr 1980 hatte der Zürcher während zwölf Jahren sein Geschäft an der Gräbligasse mitten im Niederdorf. «Damals hat das Dörfli noch gelebt», erinnert sich Liz Rosenberger. Ihr Mann habe hier auch den einen oder anderen Nachtschwärmer mit einer Rasur inklusive beruhigender Kompresse wiederbelebt. Dass er auch bei heutigen Partygängern gut ankam, zeigt eine andere Anekdote: Eine Gruppe deutscher Männer sei jedes Jahr in den Salon gekommen, um ihre Frisuren für die Street-Parade frisch zu machen. Christian Rosenberger möchte solche Geschichten sammeln und daraus ein Gedenkbuch über seinen Vater zusammenstellen.

Coiffeur Robert bot seit vielen Jahren auch Utensilien und Fachwissen für die Nassrasur zu Hause an. Damit hat er den Nerv der Zeit getroffen: Barbershops sind im Trend. Gut möglich, dass das bei der Suche nach einer Nachfolge hilft. Der Herrensalon soll wenn möglich im bisherigen Stil weitergeführt werden. Mit einem jungen Coiffeur sei man bereits im Gespräch. Er arbeitete bisher in einem Zürcher Barbershop. Christian Rosenberger meint: «Das wäre ganz im Sinne meines Vaters gewesen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2017, 08:52 Uhr

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Eingewickelt in Bananenblätter: Ein «Schlammmensch» nimmt auf den Philippinen am Taong Putik Festival teil. (24. Juni 2019)
(Bild: Ezra Acayan) Mehr...