Stadtratswahlen 2014

Der Versetzte

Seine Stadtratskollegen zwangen Daniel Leupi ins Amt des Finanzvorstands. Obwohl er als Polizeivorsteher vieles richtig machte. Das ärgert ihn bis heute.

Nimmt Stellung zu drei Fragen: Der amtierende Stadtrat Daniel Leupi. (Video: Jan Derrer)

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Autonome verprügelten Hans Fehr, Occupy-Bewegte besetzten den Lindenhof, Jugendliche randalierten am Bellevue. Als Polizeivorsteher steuerte Daniel Leupi unbeschadet durch alle Krisen und die folgenden SVP-Attacken.

Nur einen Angriff wusste er nicht abzuwehren: den aus den eigenen Reihen. Im Mai 2013 kürten seine Stadtratskollegen Leupi zum Finanzvorstand. Gegen dessen Willen. Als studierter Betriebswirt eigne er sich am besten für das Amt, lautete die Begründung. Die SP, die im Stadtrat vier Sitze kontrolliert, habe sich aus dem schwierigen Finanzdepartement raushalten wollen, sagen Kritiker.

Bis heute merkt man Leupi den Ärger über die Versetzung an. Aufgaben gehe er langfristig an. Er plane weit voraus, arbeite sich sorgfältig in Dossiers ein. «Anfang 2013 hatte ich beim Polizeidepartement alles so aufgegleist, wie ich es wollte. Dann zu gehen, war hart.»

Dazu kommt, dass die Stadtratskollegen Leupi sein Lieblingsthema entrissen. Das Velo. Der 48-Jährige hat sich als Zweiradlobbyist in der Lokalpolitik etabliert, das Thema liege ihm bis heute emotional am nächsten. Im Polizeidepartement konnte er den Ausbau des Velowegnetzes persönlich vorantreiben. Bei den Finanzen ist sein Einfluss auf die Gestaltung der Zürcher Strassen stark geschrumpft.

Manche munkeln, Leupi solle sich freuen, die Polizei losgeworden zu sein. So bleibe die Chili’s-Korruptions-Affäre nicht an ihm hängen. «Ach was», sagt Leupi. «Mit dem Stab hätte ich das ohne grössere Schwierigkeiten geregelt.»

Während Leupis Zeit als Polizeivorsteher wurde sein Departement von keinem grösseren Skandal durchgeschüttelt. «Ich hatte auch Glück. An der Front sind keine tragischen Fehler geschehen», sagt Leupi. Viele Probleme habe er aber aktiv ausgeschaltet. Die Unruhen am 1. Mai zum Beispiel, die habe er mit einem Grossaufgebot «eingedampft». «Der Tag ist sicherheitstechnisch saniert.» Sogar Bürgerliche lobten ihn dafür. Einzig die AL protestierte wegen zu vieler Wegweisungen.

Pragmatische Lösungen gesucht

Schon zwei Wochen nach Amtsantritt bewies Leupi seinen Macherwillen. Im Juni 2010 kippte er das Freiluft-Fernsehverbot während der Fussball-Weltmeisterschaften. Und sicherte sich damit als «Pragmatiker» überparteilichen Applaus. Später entschärfte er Esther Maurers (SP) umstrittene neue Polizeiverordnung, die so im Gemeinderat eine Mehrheit von SP bis SVP fand. Den Polizistenstreik löste er mithilfe des externen Vermittlers Peter Arbenz.

Oft versuchte Leupi, neue Lösungen zu pfaden. Man kann den Strichplatz und die Sonderbewilligungen für Freiluftpartys als «amtlichen Nonsens» belächeln. Doch mit beiden Massnahmen hat Leupi seine Ziele erreicht: Am Sihlquai stehen keine Prostituierten mehr. Und mit Ausnahme des Binz-Umzugs gab es keine weiteren Jugendkrawalle.

Wie Daniel Leupi arbeitet, zeigt folgende Episode. Im Sommer 2012 häuften sich Klagen, die Polizei weise im Kreis 4 willkürlich Prostituierte weg. Medienanfragen blockte die Polizei ab, behielt alle Zahlen für sich. Bis Daniel Leupi letzten März an einer Medienkonferenz Fehler eingestand. Und zugleich Verbesserungen vorstellte. Wieder erntete er Lob von allen Seiten.

So optimistisch Leupi zurückblickt: Auch er litt unter dem Druck, dem Polizeivorsteher ausgesetzt sind. Im Stadtparlament trat er oft autoritär auf. Er redete laut, wies Gemeinderäte zurecht. In seiner Partei galt Leupi früher als «Händeler», als einer, der sich manchmal stark verbog, um einen Kompromiss zu bekommen. Leupi selber spricht von «Abholen». Vor wichtigen Entscheidungen spreche er mit allen Beteiligten. Das weiche Widerstände auf. Als jüngstes Beispiel nennt er den Kredit für die Sanierung des Kongresshauses, der einstimmig durchs Parlament rutschte.

Zum «Abholen» gehört auch eine starke Präsenz. Im Gegensatz zu anderen Stadträten sei er für die Mitglieder der Polizeikommission stets erreichbar gewesen, sagen diese. Auch bei den Grünen zeige er sich oft. Nie vermittelte Leupi den Eindruck eines von der Partei entfremdeten Stadtrats.

Neustart mit hohen Schulden

Im Finanzdepartement fühlt sich Leupi bis heute nicht hundertprozentig sicher. «Die Aufgabe ist sehr komplex. Ich surfe noch nicht immer zuoberst auf der Welle.» Das mache ihn «kribbelig». Als Perfektionist versuche er, alles in den Griff zu bekommen. Leupi musste den neuen Job nach Jahren finanziellen Wohlergehens antreten. Nun warten Defizite von Hunderten Millionen Franken. Er muss Sparprogramme durchsetzen, vielleicht eine Steuererhöhung fordern. Dass er deswegen bald in ein anderes Departement wechselt, glaubt keiner seiner früheren Gemeinderatskollegen. Wenn Leupi eine Aufgabe annehme, dann ziehe er sie auch durch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2014, 09:55 Uhr

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Daniel Leupi gilt als «Händeler»: Er selber spricht lieber von «Abholen». (Bild: Sabina Bobst und Reto Oeschger)



Politisiert durch die Atomkraft

Daniel Leupi, 1965 geboren, wuchs in Rotkreuz und Luzern auf. Als Gymnasiast enga­gierte er sich gegen den Bau neuer Atomkraftwerke. Später studierte er Wirtschafts­wissenschaften in Bern, engagierte sich beim Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) und beim Verein Pro Velo. 1995 zog er nach Zürich, wo er seit langem in Wollishofen wohnt. Bis zu seiner Wahl in den Stadtrat im März 2010 war Leupi Mitinhaber des Velobüros Olten und Geschäftsführer von Slow-up, einer Gesellschaft, die «autofreie Erlebnistage» organisiert. 2002 wurde er als Grüner im damaligen Wahlkreis 2 in den Gemeinderat gewählt; vier Jahre später übernahm er das Fraktionspräsidium der Grünen. Seine Vorstösse betrafen vor allem Verkehrsfragen. Leupi hat auch das Ja der Stadtzürcher zum Atomausstieg und zur 2000-Watt-Gesellschaft miteingefädelt. Im Jahr 2010 wurde er in den Stadtrat gewählt und übernahm vorerst das Polizei­departement. Daniel Leupi ist verheiratet und hat zwei Kinder. (bat)

«Am 1. Mai eine Velotour»

Herr Leupi, was machen Sie am nächsten 1. Mai?
Wahrscheinlich werde ich mit meiner Frau eine Velotour unternehmen. An den 1.-Mai-Umzügen habe ich nie mitgemacht. Ich stamme aus einem anderen politischen Milieu. Ich war selbstständig erwerbend. Aber natürlich sind mir ­sozialpolitische Anliegen wichtig.

Wo sind Sie mächtiger: als Polizei- oder als Finanzchef?Das kann man nicht sagen. Die Sicherheitspolitik und das Auftreten der Polizei haben einen grossen Einfluss auf das Stadtklima. Auch mein neues Departement mit Finanzen, Personal und Liegenschaften betrifft zentrale Bereiche.

Wann wird man als Velofahrer ohne Hindernisse durch Zürich kommen?
Bald. Der Masterplan Velo ist gut gestartet. Und in der Verwaltung ist das Umdenken spürbar. Einige Kreuzungen wie das Bellevue bleiben ein Murks.

Als Gemeinderat forderten Sie vor zehn Jahren mit einer breiten Mehrheit eine autofreie Langstrasse. Seither hat sich nichts verändert. Was ist schiefgelaufen?
Die Verzögerung ernüchtert mich. Als ich Stadtrat wurde, hoffte ich, die Veloverbindung durch die Langstrasse spätestens 2013 zu eröffnen. Der Haupt­fehler war, dass meine Vorgänger den Ausbau der Ausweichstrassen nicht früh genug geplant haben.

Wie hat das Amt als StadtratIhre Sicht auf Zürich verändert?
Ich weiss mehr, trage mehr Verantwortung. Aber meine Grundhaltungen sind die gleichen geblieben.

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