Der Waschbär entdeckt die Stadt Zürich

Auch bei uns gibt es Anzeichen, dass sich die Allesfresser vermehren.

In der Schweiz gibt es ihn schon seit den Sechzigerjahren: Der Waschbär, hier bei seiner jüngsten Sichtung im Seefeld.
Video: Leserreporter/«20 Minuten»

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Es ist Abend und schon dunkel, als unweit des Zürcher Opernhauses ein Waschbär hinter den Gartenstühlen eines Restaurants hervorkommt, über die steinernen Eingangsstufen läuft und sich dann auf dem Trottoir stadtauswärts davonmacht. Eine Gruppe Passanten schaut ihm staunend nach. Einer hat den Waschbären gefilmt und das ­Video an «20 Minuten» geschickt.

Solche Sichtungen sind sehr selten. Doch in letzter Zeit gibt es Anzeichen einer Häufung. «Immer wieder melden uns die Jäger, dass sie Waschbären im Wald oder in siedlungsnahen Gebieten gesehen haben», sagt Jürg Zinggeler von der kantonalen Fischerei- und Jagdverwaltung. «Und wir müssen davon ausgehen, dass es auch in der Stadt mehr davon hat.» Die Sichtung im Seefeld liegt eine gute Woche zurück. Vor etwa einem Monat wurde ein zweiter Waschbär in Zürich von einem Wildhüter erlegt.

Das sei richtig gewesen, sagt Zinggeler. «Der Waschbär ist ein Neozoon, also zugewandert, und der Bund schreibt vor, Neozoen zu bekämpfen.» Als einheimisch gelten nur Tiere, die schon vor den Zeiten Christoph Kolumbus’ in der Schweiz gelebt haben. Alle anderen sind gebietsfremde Arten – laut dem Bundesamt für Umwelt gibt es davon über 800 in der Schweiz.

Grosse Schäden in Häusern

Der Waschbär kam Mitte der Sechzigerjahre. Das erste dokumentierte Tier schwamm über den Rhein und erkundete den Aargau. In Deutschland gab es damals bereits eine grosse Population. Pelzhändler hatten den Waschbären in den Zwanzigerjahren von Nordamerika nach Deutschland gebracht, wo er danach auf Farmen gezüchtet wurde. 1934 erfolgte mit Bewilligung der Behörden die erste Freisetzung in die Natur, am Edersee in Nordhessen.

Das natürliche Habitat des Waschbären ist der Wald, wo er gern auf Bäume klettert. Doch geht er überallhin, wo er Nahrung findet. Und er frisst alles: Gemüse, Gras, Früchte, Nüsse, Insekten, Mäuse, kleine Vögel – was sich gerade anbietet. In Deutschland lebt er inzwischen in vielen Städten. Er besteigt Häuser, deckt Dächer ab und reisst Dämmungen heraus. Gern richtet er seine Kinderstube in Dachstöcken ein, was für die Hausbesitzer ausgesprochen ärgerlich ist. Die Jungtiere machen nicht nur Lärm, sondern können in kurzer Zeit grosse Zerstörungen anrichten.

Waschbären können Türen entriegeln und sogar Reissverschlüsse öffnen.

Der Waschbär ist sehr geschickt. «Jeder Affe ist schwerbehindert dagegen», sagte ein Experte der Zeitung «Die Welt». Die Waschbären brauchten nicht mal eine Dachrinne, um auf die Häuser zu kommen. «Sie hangeln sich der Hausecke entlang nach oben.» Einer wurde sogar beobachtet, wie er einen Ziegel anhob, in den Dachraum schlüpfte und anschliessend den Ziegel hinter sich zuzog. Bekannt ist auch, dass Waschbären Türen entriegeln und sogar Reissverschlüsse öffnen können.

Die deutsche Population ist inzwischen auf rund eine Million gewachsen – obwohl jährlich hunderttausend Waschbären geschossen werden. Auch in Japan breiten sie sich aus. Jüngst ­berichtete eine japanische Tageszeitung, die Population sei regelrecht explodiert. Die Tiere ­richteten nicht nur in Landwirtschaftskulturen immer mehr Schäden an, sondern auch in den traditionellen Holzhäusern, Tempeln und Schreinen.

Ein klassischer Opportunist

Davon ist die Schweiz weit entfernt. Obwohl die Waschbären hier ebenfalls seit Jahrzehnten anzutreffen sind, haben sie sich bisher nicht stark vermehrt. Wieso, ist unklar. Jürg Zinggeler vermutet, dass man das Tier in Deutschland am Anfang lange zu wenig intensiv verfolgt hatte und es sich in einem Masse verbreiten konnte, das später nicht mehr zu stoppen war.

Der Waschbär vermehrt sich ähnlich wie der Dachs. Er paart sich im Februar und manchmal ein zweites Mal im Mai. Nach einer Tragzeit von 65 Tagen kommen bis zu fünf Junge zur Welt. In der Regel lebt der Waschbär als Einzelgänger. Das Tier ist recht tolerant, was das Klima anbelangt, es kann in feuchten wie trockenen und in warmen wie kalten Gegenden leben.


Fotos: Tierische Einwanderer in der Schweiz


Was passiert, wenn sich der Waschbär nun auch in der Schweiz breitmachen würde? Erste Anzeichen einer Vermehrung gibt es, wie die Zürcher Fischerei- und Jagdverwaltung feststellt. «Dann könnte es sein», sagt Zinggeler, «dass sie zu Konkurrenten von Dachsen, Füchsen und Mardern werden und diese in ihren Habitaten konkurrenzieren.» Und die Vögel, die heute schon unter den vielen Katzen leiden, hätten einen weiteren Feind.

Anderer Meinung ist Frank-Uwe Michler, ein deutscher Biologe, der sich seit Jahren mit Waschbären beschäftigt. Bislang gebe es keine Anzeichen, dass der Waschbär das Ökosystem stark beeinträchtige. Als klassischer Opportunist richte sich das Tier dort ein, wo es ergiebige Futterquellen gebe.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.11.2018, 19:50 Uhr

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Das natürliche Habitat des Waschbären ist der Wald, wo er gern auf Bäume klettert. Foto: Harris Hui (Getty)

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