Der Würger vom Sihlquai wird nicht verwahrt

Ein 60-jähriger Türke, der zwei Sexarbeiterinnen vergewaltigte, wurde vom Bezirksgericht Uster zu einer Freiheitsstrafe von sechs ein viertel Jahren verurteilt.

Das psychiatrische Gutachten war «nicht klar genug»: Das Bezirksgericht Uster hat sich gegen die Verwahrung des Sexualstraftäters ausgesprochen. Foto: Patrick B. Kraemer / Keystone.

Das psychiatrische Gutachten war «nicht klar genug»: Das Bezirksgericht Uster hat sich gegen die Verwahrung des Sexualstraftäters ausgesprochen. Foto: Patrick B. Kraemer / Keystone.

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Unmittelbar nach der Urteils­eröffnung kündigte Staatsanwalt Daniel Kloiber an, er werde das Urteil ans Obergericht weiterziehen. Kloiber kann nicht nachvollziehen, weshalb das Gericht zwei praktisch identische Vergewaltigungen rechtlich unterschiedlich beurteilte und in einem dritten Vorfall zu ­einem Freispruch kam. Ebenso wenig leuchtet dem Staatsanwalt die Begründung ein, weshalb die Richter auf eine Verwahrung des wegen versuchter Vergewaltigung bereits vorbestraften Mannes verzichteten.

Der 60-Jährige hatte Mitte Oktober 2012 eine 51-jährige ungarische Sexarbeiterin am Sihlquai eingeladen und war mit ihr auf den Parkplatz einer Sport­anlage in Wangen-Brüttisellen gefahren. Dort verlangte er plötzlich abmachungswidrig Sex ohne Kondom, legte sich mit seinem ganzen Gewicht auf die Frau, fügte ihr dadurch eine Rippenprellung zu und würgte sie, während er sie vergewaltigte. Und als wäre das Ganze nicht demütigend genug, verlangte er die ursprünglich bezahlten 100 Franken zurück. Als die Frau sein Ansinnen nicht sofort verstand, würgte er sie erneut und holte sich das Geld mit Gewalt.

Freispruch in einem dritten Fall

Drei Wochen später kopierte der Mann sein Vorgehen. Doch dieses Mal wehrte sich die 38-jährige ungarische Prostituierte auf dem Parkplatz der Sportanlage. Mit Ohrfeigen und Würgen versuchte er zwar, die Frau gefügig zu machen. Aufgrund ihrer Gegenwehr und weil ihr Handy läutete, liess er aber schliesslich von ihr ab.

Im Gegensatz zum Staatsanwalt sah das Bezirksgericht Uster einen dritten Vorfall kurze Zeit später als nicht erwiesen an. Auch in diesem Fall war der Täter mit einer 18-jährigen ungarischen Sexarbeiterin auf den besagten Sport­anlage-Parkplatz gefahren. Während sich die Frau ihres Oberteils entledigte, drückte ihr der Täter die eine Hand auf den Brustkorb und würgte sie mit der anderen Hand am Hals. Dabei verlangte er den Freierlohn zurück und nahm ihn sich selber mit Gewalt. Die Frau, begründete das Gericht den Freispruch, habe den Mann bei der Gegenüberstellung nicht identifizieren können.

«Begriffsstutzige Charakterart»

Der Türke selber, dem die ganze ­Verhandlung übersetzt werden musste, obwohl er seit 35 Jahren in der Schweiz lebt, hatte alle Tatvorwürfe grund­sätzlich bestritten. Mit einer der Frauen habe er zwar einmal sexuell verkehrt. Das sei aber ein Jahr früher gewesen. Die anderen beiden Frauen habe er noch nie gesehen. Er könne sich auch nicht er­klären, weshalb er von den Frauen belastet werde. Vor allem bestritt er, im Jahr 2012 überhaupt am Sihlquai gewesen zu sein.

Das war eine mehr als kühne Behauptung. Denn der Mann war in jenem Jahr in der Umgebung des Sihlquais nicht nur zweimal von der Polizei einer Personenkontrolle unterzogen worden. Auch ein Kollege, der ihn jeweils begleitete, hatte bei der Staatsanwaltschaft ganz andere Aussagen gemacht. Dieser Kollege, der gegenüber der Ehefrau des Türken als Alibi herhalten musste, war selber in die Mühlen der Justiz geraten, weil er vom 60-Jährigen als möglicher Täter belastet worden war. Kein Wunder, kam das ­Gericht zum Schluss, die Glaubwürdigkeit des Beschuldigten sei «in keiner Weise gegeben». Der Mann, von «begriffsstutziger Charakterart» habe «auf Schritt und Tritt neue Widersprüche und Aussagen» produziert.

Unterschiedliche Beurteilung

Obwohl die vollendete und die versuchte Vergewaltigung fast identisch abliefen, beurteilte das Bezirksgericht die Delikte unterschiedlich. Beide Frauen hatten aufgrund des heftigen Würgens einen unfreiwilligen Urinabgang, was zusammen mit dem Druck auf den Brustkorb zu einer unmittelbaren Lebensgefahr führte. Im ersten Fall war offenbar unklar, wann die Frau den Urinabgang hatte, sodass das Gericht von einer «normalen» Vergewaltigung ausging.

Im zweiten Fall ging es, wie vom Staatsanwalt beantragt, von einer qualifizierten Vergewaltigung aus. Das bedeutet, der Täter handelte grausam, weil er dem Opfer mehr Leid zufügte, als notwendig gewesen wäre, um es zum Widerstand unfähig zu machen. Für eine Verwahrung war dem Gericht das psychiatrische Gutachten «nicht klar genug».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2014, 19:43 Uhr

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