Der Zürcher Trend, den noch keiner kennt

Bäume sind für Städter ein eher abstraktes Konzept. Dabei hilft die Kenntnis populärer Arten beim Smalltalk – und sogar bei der Orientierung.

Im Winter sind sie schwierig zu erkennen: Blick in die Krone zweier Spitzahorne, in den letzten Jahren die meist gepflanzten Bäume in Zürich. Foto: Sabina Bobst

Im Winter sind sie schwierig zu erkennen: Blick in die Krone zweier Spitzahorne, in den letzten Jahren die meist gepflanzten Bäume in Zürich. Foto: Sabina Bobst

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Stadtbild, Nr. 016 – Stadtzürcher reden gerne über Bäume, ohne gross Ahnung zu haben, wovon sie da reden. Sie hängen an Bäumen wie an einem abstrakten Konzept. Das äussert sich im populären Gewäsch vom «Grünraum», dem es ziemlich wurst scheint, ob da eine Erle oder eine Esche steht. Hauptsache, es wird fleissig Chlorophyll produziert – als Antidepressivum gegen den grauen Alltag.

Der Stadtbaum ist für den Städter einfach dieses undankbare Ding, das seinen dürren Hals aus einem Loch im Boden zwängt, um dann angesichts dessen, was es da draussen zu sehen gibt, rasch und entschieden einzugehen. Die dysfunktionale Beziehung zu den Bäumen besteht darin, sie tagsüber zu ignorieren und nachts anzupinkeln, sich dann aber laut zu beklagen, wenn sie diese Art von Liebesbeweis nicht länger hinnehmen. Der Tubel, der sich das jeweils anhören muss, ist der Mann mit der Kettensäge, der dem Leiden des Stadtbaums routiniert ein Ende setzt.

Wir kennen nicht mal die Super-Bäume

Zur Ehrenrettung ignoranter Städter könnte man jetzt behaupten, es sei ziemlich anspruchsvoll, Stadtbäume näher kennen zu lernen. Denn dass sie Wurzeln schlagen, ist bestenfalls ein Gerücht. Von den über 50000 Bäumen, die mit Pflanzdatum im städtischen Kataster erfasst sind, ist die Hälfte nicht mal 26-jährig. Das ist ein Zustand wie im Grossraumbüro, wo pausenlos Nachwuchs auftaucht und wieder verschwindet, bevor man sich die Namen merken konnte.

Entlarvend ist aber, dass wir noch nicht mal jene Bäume kennen, die seit der Zeit unserer Urahnen das Stadtbild prägen. Nicht den 470 Jahre alten Bergahorn am unteren Rand von Witikon, nicht den 355-jährigen Japanischen Ahorn im Friedhof Sihlfeld, nicht die 240-jährige Platane auf dem Platzspitz.

Der alte Bergahorn von Witikon. Bild. Sabina Bobst

Die Zürcher unterschätzen offensichtlich die Bedeutung baumkundlichen Wissens fürs urbane Leben. Darum etwas Nachhilfe.

Lektion 1: Wer dazugehören will, muss einen Trendbaum von einer peinlichen Tanne unterscheiden können. Die Highwaist-Jeans unter den Bäumen im öffentlichen Raum ist definitiv der Spitzahorn – nichts hat die Stadtverwaltung in den letzten 20 Jahren öfter pflanzen lassen.

Diese Mode ist übrigens so bizarr wie so viele, weil der arme Spitzahorn den Klimawandel nicht wirklich erträgt, aber wir stehen halt auf Drama. Üben Sie, dieses Insiderwissen wie ein echter Szeni möglichst beiläufig ins Gespräch einzuflechten: «Hey, wir sind gerade am See unter einem Baum am Chillen, Spitzahorn natürlich, voll fresh. Man muss sie geniessen, solange sie noch stehen, gell?» Achtung, verwechseln Sie ihn nie mit einem Feldahorn, der ist eher so ein Züriberg-Ding.

Hoch im Kurs ist auch die Sandbirke – Allergiker sind unendlich dankbar. Wie gesagt: Wir mögen Drama! Aber nicht zu viel: Out ist deshalb die Eibe, die in den Siebzigern der letzte Schrei war. Sie wurde trotz ihrer saugiftigen Nadeln gerne in Familienquartieren gepflanzt. Wir überlassen die tiefenpsychologische Analyse anderen. Der totale It-Baum ist übrigens die Zierkirsche, die in der Hitparade gegenüber früher zugelegt hat wie kein anderer Baum. Weil sie sich darauf spezialisiert hat, einfach nur dazustehen und gut auszusehen, wenn es darauf ankommt – mehr Züri geht kaum.

Lektion 2: Baumkenntnis hilft bei der Orientierung. Wer im Suff gegen einen Stamm im Camouflage-Look stösst, weiss: Platane, ich könnte in der City sein. Rutscht man auf den Früchten einer Vogelkirsche aus, ist man zu 40 Prozent Wahrscheinlichkeit im Kreis 4. Wer über die Wurzeln einer Pyramidenpappel stolpert, hat sich wohl nach Oerlikon verlaufen.

Der Kreis-4-Baum: die Vogel-Kirsche. Bild: Sabina Bobst

Macht man aber Bekanntschaft mit dem harten Stamm eines Apfelbaums der Sorte «Lord Grosvenor», «Lord Lambourne» oder «Prinz Albrecht von Preussen», gibt es nur eins: Höflich grüssen und den speziellen Moment geniessen – diese Bäume gibt es in Zürich auf öffentlichem Grund genau je ein einziges Mal.


Die Kolumne «Stadtbild» widmet sich all den vielen Dingen, die es sich in Zürich im öffentlichen Raum gemütlich gemacht haben und die unser Bild dieser Stadt prägen – im Guten wie im Schlechten. Sie erscheint immer Mitte der Woche.

Erstellt: 30.01.2020, 13:45 Uhr

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