Der Züri-Leu verlässt heute den Käfig

Die monumentale Löwenskulptur im Hafen Enge war in einem jämmerlichen Zustand. Nun wurde aus der räudigen Katze wieder der König der Tiere.

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Gut, dass der Züri-Leu auf der Mole im Hafen Enge nicht brüllen konnte. Ihm wäre dabei die Schnauze abgefallen. Und genau unter dem mächtigen Löwenkopf steht eine Sitzbank, auf der Schülerinnen mittags picknicken und Liebespärchen den Sonnenuntergang anschmachten. Doch nun sind Picknickerinnen und Liebespärchen sicher vor dem Züri-Leu. Der gewaltige Wächter über das untere Seebecken ist instand gestellt und wird heute Montag aus dem Käfig entlassen, in dem er während der letzten zwei Monate eingesperrt war.

Restaurator Tobias Hotz hat bestimmt den schönsten Arbeitsplatz der Stadt – wenn die Luft wie an diesem Morgen frühherbstlich lau ist, der Wind sanft säuselt und die Berge zum Greifen nah scheinen. Er steht auf dem Sockel hoch über der Mole, tätschelt dem Löwen die Mähne und sagt: «Wir zwei haben es hier oben aber auch schon anders erlebt.» Vor einer Woche zum Beispiel, als Sturmwarnung war, der Regen um sie herumpeitschte und der Wind heulte. «Diese Skulptur ist stark der Witterung ausgesetzt, kein Wunder also, dass sie in einem schlechten Zustand war.»

Diagnose: Er bröckelt überall

Als Hotz vor eineinhalb Jahren erstmals zu dem auf einem vier Meter hohen Postament thronenden Betonlöwen hochstieg, weil er bröckelte, erschrak er. Der Zustand der 1894 von Urs Eggenschwyler geschaffenen Skulptur war bedenklich. «Mancherorts konnte ich faustgrosse Stücke einfach wegheben», sagt der ausgebildete Diplomrestaurator und Steinbildhauermeister aus Weinfelden. Und eben: Die Schnauze war rissig und kurz davor, in die Tiefe zu donnern. Auch der Schwanz des Löwen war lose.

Das Tiefbauamt verschrieb dem Züri-Leu eine Kur. Deshalb kam er Anfang August in den Käfig. Ein Gerüst wurde hochgezogen. Was die Restaurierungsarbeiten zusätzlich anspruchsvoll machte, war die besondere Lage des Monuments. Es ist auf drei Seiten von Wasser umgeben, und Tobias Hotz bekam von der Seepolizei die Auflage, dass nichts, aber auch gar nichts ins Wasser gelangen dürfe.

Während solche Skulpturen üblicherweise mit Hochdruck gereinigt werden, musste er hier mit kleinen Druckflaschen hantieren und wie der Zahnarzt, wenn er eine Amalgam-Füllung entfernt, sofort absaugen. Erst rasierten Hotz und seine zwei Mitarbeiter dem Löwen das Fell aus grünem Moos, dann klopften sie ihn ab, perkussionierten ihn, wie es in der Fachsprache heisst. So lässt sich erahnen, wie es unter der Haut, dem Deckmörtel, aussieht. Auch «geröntgt» wurde der Löwe, um den Zustand des Skeletts zu ergründen. Ein Fachmann tastete ihn mit einem Metalldetektor ab. Der Befund war überraschend und erstaunlich: Der Löwe wurde gänzlich ohne Armierungseisen gefertigt. Er ist durch und durch aus Beton.

Besonders schlimm muss den Züri-Leu der Rücken gezwickt haben. Dort stiess das Restaurierungsteam auf Insektengänge und Eiablagen. Auffällig war auch, dass der Löwe mehrheitlich horizontal in regelmässigen Abständen zerrissen war. Hotz erklärt sich das mit dem Herstellungsprozess: Zementstein, wie Beton damals genannt wurde, war zu Eggenschwylers Zeiten neu aufgekommen und wurde noch nicht gegossen. Der Bildhauer stampfte den zähen, erdfeuchten Steinbrei schichtweise in die Gipsform.

Medizin: 3½ Liter Kunstharz

Was Hotz neben den massiven Schäden auch entdeckte: «Der Löwe ist unglaublich detailliert ausgestaltet. Er ist von hoher Qualität.» Tatsächlich sind aus der Nähe sogar die Struktur der Wirbelsäule erkennbar, die Ansätze der Schnauzhaare, die Fellfalten an den Hinterbeinen. Ausdruck und Stellung sind majestätisch und natürlich zugleich. «Man sieht, dass Eggenschwyler genau wusste, wie ein Löwe aussieht», sagt Hotz.

Hotz ist spezialisiert auf die Restaurierung von Steinskulpturen und Unikaten. Er hat in 80 Meter Höhe auf dem Berner Münster gearbeitet und ein Betonkunstwerk von Hans Arp in Basel restauriert. Hotz hat das grosse Wandmosaik am Trinkbrunnen in Ennetbaden umplatziert und Granwehrs verschmierten Axiomaten an der Schiffländte Wollishofen gereinigt. Dieses breite Wissen kam ihm beim Züri-Leu zugute.

Zum Kitten der Risse verwendete er nicht wie ursprünglich geplant und üblich Mikrozement, sondern ein Kunstharz, das besser verklebt. «Weil der Löwe nicht armiert ist, müssen wir ihm auf andere Art Halt geben.» 3½ Liter Kunstharz wurden ihm mit Spritzen und Kanülen einverleibt. Und mit gegen 250 Kilogramm Mörtel wurden die Schäden behoben. Manche Teile, etwa die Schwanzquaste, musste er gänzlich neu formen.

War der Löwe ursprünglich weiss?

Ein Rätsel gaben weisse Farbreste an witterungsgeschützten Stellen auf. War der Löwe ursprünglich weiss bemalt? Vielleicht, um Marmor zu imitieren? Diese Frage diskutierte Hotz mit den zuständigen Stellen bei der Denkmalpflege. Doch dann entdeckte er in einer Dokumentation, dass der Löwe 1971 und 1992 schon einmal restauriert worden war, weil ihm der Schwanz abgefallen war. 1992 hat man ihn mit einer weissen Schlämme überzogen. Ursprünglich aber war er naturbelassen.

Nach eingehender Diskussion entschieden sich die Fachleute, den Löwen wiederum mit einer Schlämme zu überziehen. Sie schützt den porösen Stein und verhindert, dass er sich mit Wasser vollsaugt. Die jetzige Schlämme aber hat den natürlichen Farbton. Grau, grau wie Beton.

Die Kur des Züri-Leu kostet 90'000 Franken. Die Massnahmen sind nicht kassenpflichtig, aber augenfällig: Wenn heute der Züri-Leu aus dem Käfig gelassen wird, bewacht nicht mehr eine räudige Grosskatze die Stadt, sondern der König der Tiere. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.09.2013, 09:57 Uhr

Urs Eggenschwyler
Der Löwenmacher von Zürich

Der Züri-Leu im Hafen Enge ist ein Werk des aus Solothurn stammenden Bildhauers Urs Eggenschwyler (1849–1923). Der exzentrische Künstler war ein Stadtoriginal und ging als Löwenmacher von Zürich in die Kunstgeschichte ein. So schuf er 1887 im Auftrag des Stadtingenieurs Arnold Bürkli zwei monumentale Gipslöwen für die neu aufgeschüttete Quaianlage am heutigen Bürkliplatz. Sie wurden zwei Jahre später entfernt und gelten heute als verschollen.

Den Züri-Leu schuf er 1894 für die Gewerbeausstellung auf der Sechseläutenwiese. Er wurde 1895 in den Hafen Enge verlegt. Dort thront das gut dreieinhalb Meter hohe Raubtier majestätisch auf einem vier Meter hohen Postament und schaut über das Seebecken auf Zürich.

Auch über das obere Seebecken bei Feldbach wacht ein Eggenschwyler-Löwe: Er wurde für die Landesausstellung 1883 gefertigt und dürfte die älteste Betonskulptur der Schweiz sein. Der Löwe liegt im Park einer privaten Villa auf einem fast zugewachsenen Pavillon. Auch die Bronzelöwen auf der Stauffacherbrücke stammen von Eggenschwyler.

Mehr Aufsehen als mit seinen Werken erregte der bärtige Künstler allerdings mit seiner Menagerie auf dem Milchbuck, in der er Löwen, Leoparden, Bären und Wölfe hielt. Seine zahme Löwin Grete führte er jeweils im Niederdorf spazieren. (net)

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