«Der Zürichberg ist voll die Pampa»

Eine Jugendliche bringt auf den Punkt, was viele über ihren Wohnort denken. Tatsächlich gibt es im Nobelquartier immer weniger Treffpunkte, Läden und Restaurants.

Man lebt hier gern diskret: Das Villenquartier am Zürichberg, gekrönt vom Nobelhotel Dolder Grand. Foto: Alessandro Della Bella

Man lebt hier gern diskret: Das Villenquartier am Zürichberg, gekrönt vom Nobelhotel Dolder Grand. Foto: Alessandro Della Bella

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Der Zürichberg schläft. Vor allem am Wochenende. Am Samstag um 13 Uhr schliesst die Metzgerei Reif an der Zürichbergstrasse am Fusse des Zürichbergs. Seit die gegenüberliegende Apotheke dichtgemacht hat, bleiben die Passanten aus. Das benachbarte Restaurant Oberhof, das an Werktagen rappelvoll ist, macht am Freitagabend zu. Ohne die Kunden der Universität und des Uni-Spitals läuft im Oberhof nichts. Auch das Restaurant Sento vis-à-vis und der Vorderberg bei der Kirche Fluntern bleiben am Wochenende geschlossen.

«Das Quartier ist auf dem besten Weg, zur Wohnwüste zu verkommen», sagt Walter Reif, der an der Hofstrasse aufgewachsen ist. Er ist 50 Jahre alt und seit 30 Jahren im Geschäft. «Als ich ein Bub war, gab es an jeder Ecke eine Beiz und in unmittelbarer Nähe unserer Metzgerei waren zwei Bäcker, ein Blumenladen, eine Mercerie, eine Papeterie ein Schuhmacher, ein Milchladen und ein Kiosk.»

Was fehlt in Fluntern?

Martin Kreutzberg ist im Vorstand des Quartiervereins und Redaktor der Quartierzeitung «Fluntern». Für jede Ausgabe porträtiert er Leute aus dem Quartier und fragt sie jeweils: «Was fehlt in Fluntern?» Die Antwort ist stets dieselbe: «Eine Beiz, in der man nach der Arbeit gemütlich ein Bier trinken kann.» Das Restaurant Vorderberg erfülle dieses Bedürfnis nur bedingt. «Es ist keine In-Kneipe und auch kein Lokal, das man für ein schnelles Bier aufsucht.»

Die Lage ist auch denkbar unwirtlich. Die Tramhaltestelle bei der Kirche Fluntern ist eine Insel inmitten brausenden Verkehrs: Am Vorderberg treffen acht Strassen aufeinander und 54 Verkehrsschilder leiten Fussgänger und Autofahrer dazu an, ihn sicher zu passieren. Kreutzberg hat sich eingehend mit der Geschichte des Unorts beschäftigt und konstatiert: «Seit 50 Jahren ist der Vorderberg eine Fehlkonstruktion, so lange fehlt Fluntern sein natürliches Zentrum.» In anderen Schweizer Städten gebe es an ähnlichen Orten Begegnungszonen, wo dank Tempo 20 viel begangene Stadtplätze entstünden – eine Anregung, die der Quartierverein dem Stadtrat bei dessen Besuch vor kurzem ans Herz legte.

«Der Vorderberg – ein Scheusal»

Stefan Rotzler ist als Landschaftsarchitekt darauf spezialisiert, Räume zu gestalten, in denen sich die Menschen wohlfühlen. Bei «Flunterns Herz», dem Vorderberg, ist auch er ratlos. «Der Vorderberg ist ein Scheusal und kaum zu retten.» In Studien hat er sich intensiv mit dem Villenquartier beschäftigt und ist zum Schluss gekommen: «Der Zürichberg ist super privatisiert, die Lust auf Gemeinschaft im Quartier hält sich in Grenzen.» Auch wenn Anwohner über fehlende Quartierbeizen und -läden jammerten, heisse das nicht, dass sie diese auch nutzen würden.

Rotzler hat in Gockhausen, «der Fortsetzung des Zürichbergs», die Probe aufs Exempel gemacht. Mit anderen Anwohnern hat er eine Weile einen Quartier­laden genossenschaftlich betrieben. Das gemeinschaftliche Gefühl indes ist ausgeblieben. «Die Leute kamen einmal im Monat, oder abends um fünf vor halb sieben, und waren verärgert, wenn sie keinen Pata-Negra-Schinken vorfanden oder die Salatauswahl zu bescheiden ausfiel.» Bald schon gab man das Projekt auf.

Andrea Zimmermann hat von 2001 bis 2006 im Vorderberg gewirtet und ist wegen Unstimmigkeiten mit den damaligen Vermietern weitergezogen. Der Vorderberg, ein altes Haus mit viel Vergangenheit, habe eine schlechte Energie gehabt. Zimmermann habe ihn gar einmal ausräuchern lassen. Heute führt sie das Hofwiesen in Oerlikon und das Monte Primero am Fusse des Zürichbergs. «Müsste ich nur von den Anwohnern ­leben, gäbe es mich wohl schon längst nicht mehr», sagt sie. Als hätte jemand die Trottoirs hochgeklappt – so leer fühle sich das Villenquartier am Wochenende an. Viele verbrächten die Freizeit wohl in der City, verreisten in die Berge oder seien unterwegs auf einem Städtetrip. «Wer am Zürichberg wohnt, sucht die Ruhe zu Hause. Für das pulsierende Leben fährt er in ein anderes Quartier.»

Die Zwillinge Ronald und Peter Neufeld haben den Vorderberg 2010 übernommen. Ihre Firma Neufeld Immobilien ist auf den Kauf und die Bewirtschaftung von Gastrobetrieben in Wohnliegenschaften spezialisiert. Sie besitzt unter anderem das Hotel Hirschen im Niederdorf, das Restaurant Josef an der Gasometerstrasse, den Biergarten an der Hohlstrasse. In Fluntern gehört ihr neben dem Vorderberg auch das OK Italia nahe der Kirche Fluntern. Ronald Neufeld wollte den Vorderberg explizit stärker als Quartierbeiz positionieren. Er selbst findet, das sei gelungen.

«Früher war der Wirt mit allen zerstritten, heute ist er zufrieden.» Im grossen Saal würden die Hort-Schüler bewirtet und so kämen auch die Eltern in den Vorderberg.» Die Ausgangslage des Vorderbergs sei nicht einfach: Die ungünstige Lage inmitten der Verkehrsinsel und die mangelnden Parkplätze in unmittelbarer Nähe hielten viele von einem Besuch ab. Auch er würde Fluntern mehr Quartierbeizen wünschen, hält dies aber für wenig realistisch. «Die Mieten sind einfach zu hoch und die Anwohner zieht es in der Freizeit in andere Quartiere.»

Die Jungen zieht es in die City

Eine 14-jährige Quartierbewohnerin drückt dies so aus: «Der Zürichberg ist voll die Pampa. Hier läuft nichts. Meine Freundinnen treffe ich im Starbucks in der Stadt.» Ihre Mutter isst manchmal eine Pizza beim Quartieritaliener, dem OK Italia, aber auch sie zieht es anderswohin. «Ich mags, wenn was läuft.» Die Nachbarin aus der Villa wünscht sich keine Quartierbeiz: «Warum soll ich in einer Beiz essen, wenn es doch in meinem Garten viel schöner ist?» Sei sie zu faul zum Kochen, liege der Griff in die Kühltruhe näher. Wenn Ausgang angesagt ist, dann geht sie in die Kreise 4 und 5. «Da sind die spannenden Lokale.»

Ihr Mann ist auf dem Zürichberg aufgewachsen und sagt: «Mein Fixpunkt war nie im Quartier, meine Stammbeiz war das Odeon.» Die meisten Anwohner seien Doppelverdiener und versorgten sich auf dem Heimweg. «Der Ruf nach mehr Quartierläden und -beizen ist reine Nostalgie. Ich glaube nicht, dass die Anwohner sie auch nutzen würden.»

Die Wirtin des Oberhofs, Elena Zbinden, pflichtet ihm bei. Sie mag nicht mehr hören, dass sich die Anwohner mehr Quartierbeizen wünschen. «Sie essen nicht bei uns, sondern in der Stadt. Warum sonst bleiben die wenigen Quartierbeizen am Wochenende zu?»

Doppelt so viel Umsatz wie der Vorgänger

Dominik Hungerbühler hat mit seinem Quartierladen andere Erfahrungen gemacht. Mitte Februar hat er das leer stehende Lokal an der Voltastrasse übernommen und dort eine weitere Filiale des in Wipkingen erfolgreichen Bio-Ladens «L’Ultimo Bacio» eingerichtet. Anwohner haben ihn angefragt und bei der Lancierung organisatorisch und emotional unterstützt. Er habe keine Konkurrenz- oder Risiko-Analyse vorgenommen: «Ich gehe da eher intuitiv vor.» Das breite Angebot an biologischen Esswaren, Broten und Naturkosmetika von mehr als 80 Lieferanten kommt gut an: In den ersten Wochen hat er bereits doppelt so viel Umsatz gemacht als sein Vorgänger.

In Fluntern setze er viel mehr Gemüse ab als in Wipkingen und an manchen Tagen verkaufe er die halbe Käse-Vitrine. Jede Woche erhält Hungerbühler Anfragen für Caterings für 30 bis 300 Gäste. «Das ist die beste Werbung für uns.» Neu gehört ein Bistro mit 12 Plätzen zum Laden. Die Anwohner freuten sich sehr darüber. «Die Nachfrage scheint gross.»

Walter Altherr lebt seit den 1970er-Jahren in Fluntern und präsidierte den Quartierverein. Die wenigen Beizen und die teils schlechte Versorgungslage sind in seinen Augen ein zentrales Problem des Quartiers. «Hier lebt heute jeder für sich.» Oberhalb der Kirche Fluntern höre der Kontakt mit anderen am Gartentor auf. In all den Jahren, die er sich fürs Quartier engagiert hat, sei er nur selten zu jemandem nach Hause eingeladen worden. Unter den Zuzügern seien in den letzten Jahren viele finanzstarke Berufstätige, die bloss einige Jahre hier wohnten, nicht aber auch hier lebten. «Sie bleiben unter ihresgleichen.»

Erstellt: 14.06.2014, 07:41 Uhr

Mehr Kinder am Zürichberg

Fluntern ist kein überaltertes Quartier mehr.

Geografisch umfasst der Zürichberg die Quartiere Fluntern und Oberstrass. Umgangssprachlich wird er mit dem Villenquartier zwischen der Platte und dem Zoo gleichgesetzt. Für viele Anwohner zieht die Bergstrasse innerhalb dieses Gebiets eine magische Grenze: Sie rechnen bloss die Häuser oberhalb der Bergstrasse dem wahren Zürichberg zu.

Ein Blick in die Statistik zeigt, dass Fluntern kein überaltertes Quartier mehr ist. Seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl der unter 10-Jährigen von 476 auf 806 fast verdoppelt. Bei Statistik Stadt Zürich spricht man von einer planerisch relevanten Entwicklung, die schwer zu ergründen sei. «Es ziehen wieder mehr Familien mit Kindern nach Fluntern.» Jeder zehnte Fluntemer ist heute unter 10-jährig. Nur in Affoltern, Friesenberg, Hirzenbach, Saatlen und Enge ist diese Altersgruppe ebenso gut vertreten.

Anna Schindler, die Direktorin der Stadtentwicklung Zürich, ist mit ihrer Familie von Fluntern nach Witikon gezogen, wo sich bereits ein Generationenwechsel vollzogen habe. In Fluntern sei er ebenfalls im Gange, wenn auch langsam. Im Villenquartier lebten viele private Wohneigentümer, Wechsel erfolgten mehrheitlich über die Erbfolge. Auch die ABZ-Siedlung an der Toblerstrasse, die durch Neubauten ersetzt wird, werde mehr junge Familien ins Quartier ziehen. «Sie bringen neuen Schwung.» Ob dieser zu mehr Quartierläden und -beizen führt, sei schwer vorauszusagen. «Eine natürliche Erneuerung wünscht man sich, aber sie lässt sich nicht herbeizwingen.»
(Monica Müller)

Zürichberg: Restaurants und Läden. Zum Vergrössern auf Grafik klicken.

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