Der älteste Wald der Welt

Forscher haben in einer Baugrube im Binzquartier 14'000 Jahre alte Baumstrünke gefunden. Sie stammen vom ersten Wald, der nach der letzten Eiszeit in Zürich wuchs.

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Daniel Nievergelt hält gewohnheitsmässig in jeder grösseren Baustelle unterhalb des Uetlibergs Ausschau nach Holzstrünken. Der Jahrringforscher hofft, auf urzeitliches Holz zu stossen. Vor einem Monat entdeckte er auf dem Arbeitsweg von der Uetilbergbahn aus eine riesige Baugrube im Binzquartier, wo die Swiss Life einen Bürokomplex baut. Er kontaktierte sofort den zuständigen Polier und stieg in die Grube hinab. Heute ist klar: Er begab sich damit auf eine Zeitreise. In vier bis sechs Meter Tiefe entdeckte er zahlreiche Strünke samt Wurzelwerk. Die meisten standen aufrecht, mit den Wurzeln nach unten, als ob sie jederzeit wieder ausschlagen könnten.

Daniel Nievergelt arbeitet an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf. Er wusste von seinem 2012 verstorbenen Kollegen Klaus Felix Kaiser, dass es in dem Lehmkegel unterhalb des Uetlibergs uralte Bäume gibt. Kaiser war ein international ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der späteiszeitlichen Jahrringforschung (Dendrochronologie) und hatte bereits beim Bau des Uetlibergtunnels, aber auch im Dättnauer Tal bei Winterthur und im Auenlehm der Reppisch Holz gefunden, das an die 12'000 Jahre alt war.

Drei Holzproben aus der Lehmschicht in der Binz wurden durch Lukas Wacker an der ETH Zürich mithilfe der C14-Radiokohlenstoff-Methode datiert. Diese Technik ermöglicht es, festzustellen, wann ein Organismus abgestorben ist und folglich keinen Kohlenstoff mehr einlagert. Mitte April kam dann die sensationelle Nachricht: Das Holz ist fast 14'000 Jahre alt. «Das sind die ersten nachgewiesenen Bäume, die nach der letzten Eiszeit aus dem Mittelmeerraum wieder bei uns eingewandert sind», begeistert sich Nievergelt. «Solche Funde sind weltweit einzigartig.»

Baggerführer helfen Forschern

Polier Beat Gentsch, der auf der Binz-Baustelle das Sagen hat, war vorerst schon etwas erstaunt, dass sich jemand für diese Wurzelstöcke interessiert, die den Bauarbeitern beim Aushub nur in die Quere kamen. 300, vielleicht 400 Jahre alt sei das Holz, dachte er bei sich. Doch wenn es die Arbeiten nicht verzögere, werde man die Strünke stapeln und Nievergelt könne sie mitnehmen, versprach er. Seit er weiss, wie alt das Holz wirklich ist, hat er selbst Freude, wenn im Aushub wieder ein solcher Baum zum Vorschein kommt. Und die Baggerführer klauben sie mit ihren mächtigen Schaufeln geradezu liebevoll aus dem Lehm und legen sie für die Forscher fein säuberlich zur Seite.

Noch immer steigt Daniel Nievergelt regelmässig in die Baugrube. Die Strünke werden mithilfe eines GPS-Gerätes gemessen und vor Ort gesägt. «Mir scheint, der Bestand nimmt allmählich ab», sagt er. Der nacheiszeitliche Kiefernwald in der Binz ist wohl demnächst gerodet. Die Holzscheiben sowie die übrig gebliebenen Strünke werden an die WSL transportiert und dort inventarisiert.

Wohl der älteste Wald der Welt

Der Berg knorriger Baumstrünke, der seit einigen Tagen auf dem Gelände der WSL lagert, ist möglicherweise der älteste Wald der Welt. Rund 150 Stämme konnten die Forscher mittlerweile sicherstellen. Fast ausnahmslos Kiefern; ein kleines Stück Holz fällt aus der Reihe, es könnte sich um die Überreste einer Birke handeln. Die meisten Kiefernstämme haben einen Durchmesser von mehr als 30 Zentimetern, weisen einige Hundert Jahrringe auf und sind durch seitlich auslaufende, kräftige Wurzeln gekennzeichnet. Manche Stämme haben Spuren von Steinschlag und Feuer. Die Bäume waren an die 30 Meter hoch, als sie einsedimentiert wurden.

Und so könnte es sich damals abgespielt haben: Kurz nach der letzten Eiszeit wuchs ein Kiefernwald unter widrigsten Umweltbedingungen, wie wir sie heute nur noch in wenigen Hochgebirgen oder in den nördlichen Breiten finden. Von dem vom Gletscher befreiten kahlen Uetliberg rieselte unentwegt Schlamm ins Tal und deckte den Wald allmählich zu. Die Stämme brachen und vermoderten, doch das Wurzelwerk mit Stammstumpf wurde in der Lehmschicht luftdicht abgeschlossen und überdauerte gänzlich unbeschadet bis heute.

Ulf Büntgen, ebenfalls Jahrringforscher an der WSL, unterstreicht die Relevanz dieses ausserordentlichen Fundes: «Die Strünke werden in der Fachwelt international für grosses Aufsehen sorgen und die Datengrundlage für zahlreiche interdisziplinäre Forschungsprojekte liefern.» Zwar gebe es bereits einzelne ähnlich alte Holzfunde, doch nirgends lägen sie in einer so grossen Menge und so gut erhalten vor wie in der Binz.

Wohin mit dem urzeitlichen Wald?

Tatsächlich macht nicht nur das Alter des Holzes, sondern auch die Menge diesen Fund sensationell. Denn je mehr Material man hat, desto verlässlicher sind die Aussagen, die man damit machen kann. Und desto grösser die Chance, zu einer der vielen Fragen, die in dem Gebiet noch offen sind, Antworten zu finden. So ist es möglich, dass nun der Jahrringkalender um ein grosses Stück weiter zurückgeführt werden kann – um mehr als 2000 Jahre.

In der letzten Woche haben die WSL-Forscher mit Latexhandschuhen und Mundschutz dünne Holzscheiben für DNA-Proben präpariert. In Europa können nur wenige Labors diese bestimmen. Die Wissenschaftler versprechen sich Informationen über die Herkunft dieses ältesten nacheiszeitlichen Pionierwaldes. Aktuell beschäftigt sie allerdings eher Profaneres: die Platzfrage. Wohin mit dem urzeitlichen Wald? Und wie soll das uralte Holz am besten aufbewahrt und konserviert werden, damit möglichst keine Informationen verloren gehen, die vielleicht erst spätere Generationen von Forschern aus den Funden herauskitzeln können?

Was das alte Holz erzählt

Was können uns die Holzstrünke erzählen, wenn sie ausgewertet sind? Der Paläoklimatologe Ulf Büntgen setzt zu einer längeren Aufzählung an und gerät dabei ins Schwärmen: Es geht um Klimaveränderungen, um Waldbrände, grosse Erdbeben und Vulkanausbrüche. Um die Herkunft und die Entwicklung des europäischen Waldes nach der Würmeiszeit, die Synchronisierung verschiedener Jahrringchronologien und die Verknüpfung unterschiedlicher Archive, die wiederum genauere Datierungen unzähliger Fundstücke erlaubt.

Gleichzeitig warnt Büntgen vor vorschnellen Schlüssen. Beispielsweise bei der Interpretation der Jahrringe. «Wir wissen nicht, wie die Bäume unter den damaligen Bedingungen auf Temperatur und Feuchtigkeit reagierten.» Dazu seien am ehesten Vergleiche mit Bäumen aus subpolaren Regionen hinzuzuziehen.

Die Unsicherheiten laden Laien geradezu ein, frei von der Leber weg zu fabulieren. Das filzige Material an einem der Baumstrünke: Es stammt bestimmt von einem Rentier, das an diesem Stamm den Bast seines Geweihes abgestreift hat – kurz bevor es der jungsteinzeitliche Jäger mit Pfeil und Bogen hinstreckte, mit seinem Silexmesser zerlegte und auf dem mit Zunder entfachten Feuer röstete. Das Fleisch passte wunderbar zu den Preiselbeeren, die Frauen und Kinder gesammelt hatten. Sofern es denn solche vor 14'000 Jahren gab. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.05.2013, 07:28 Uhr

Der Wald auf der Zeitachse

Zum Vergrössern auf das Bild klicken. (Bild: TA-Grafik/Quelle: Büntgen WSL)

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