Die Gefahren des Internets

Der beschmutzte Name wird nie mehr sauber

Das Internet vergisst nicht. Seine Aussagen werden A. M. deshalb noch lange verfolgen.

Twitterte 62 Buchstaben, die ihm teuer zu stehen kommen: A. M. am Dienstag im Restaurant Elefant.

Twitterte 62 Buchstaben, die ihm teuer zu stehen kommen: A. M. am Dienstag im Restaurant Elefant.

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Hätte A. M. einen Ausländer verprügelt, würde das kaum jemand mitkriegen. Gerichtsberichterstatter nennen keine Namen, die Vorstrafe würde nach einigen Jahren gelöscht. M. könnte wieder von vorne anfangen. In Wahrheit hat M. keinem Menschen Gewalt angetan. Trotzdem übersteigt seine öffentliche Schande jene von fast jeder Straftat.

Mit seinem rassistischen Herumpöbeln auf Twitter hat sich M. zwar selber der Öffentlichkeit ausgesetzt. Doch wie schnell sich seine Ausfälligkeiten verbreiteten und der «Shittornado» auf ihn niederprasselte, hat auch Experten überrascht. Auf Twitter vermehrte sich der Kristallnacht-Vergleich 40'000-mal, alle grossen Schweizer Medien und selbst «Spiegel online» berichteten darüber. Weil M. weder Blog noch frühere Twitter-Einträge löschte, gelangten weitere unflätige Aussagen an die breite Öffentlichkeit.

Das Resultat ist eine Reputations-Katastrophe. Wer heute den Namen A. M. googelt, stösst auf massenhaft Titel wie «Amok-» oder «Kristallnacht-Twitterer». Noch vor vier Tagen war M. ein Niemand, heute kennt man ihn mit Foto über die Landesgrenzen hinaus – als rassistischen Polterer. «A. M. hat Ruf-Selbstmord begangen», sagt Moritz Zumbühl, Mitinhaber der Zürcher Online-Kommunikations-Agentur Feinheit.

Wie weit oben auf der Suchmaschine?

M.s zerstörter Ruf wird sich kaum je ganz wiederherstellen lassen. Während im Strafrecht eine lebenslängliche Freiheitsstrafe bereits nach 15 Jahren enden kann, vergisst das Internet nichts und niemals. Die meisten Onlinemedien speichern ihre Artikel über mehrere Jahrzehnte. Das Löschen eines Textes durchzusetzen, funktioniert nur in Ausnahmefällen. Und selbst Seiten, die von Servern genommen werden, verschwinden nicht aus dem Netz. Die Organisation Archive.org speichert fast alle historischen Websites.

«Dazu kommt das Gedächtnis der kollektiven Intelligenz», sagt Moritz Zumbühl. «Früher mussten sich ein paar Journalisten an die problematische Vergangenheit von öffentlichen Figuren erinnern. Künftig werden dies 1000-mal mehr Twitterer und Blogger sein.» Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas vergessen gehe, verringere sich dadurch natürlich gewaltig.

Werden neue Bekanntschaften oder Personalverantwortliche in einigen Jahren nach A. M. googeln, verweist die Suchmaschine mit Sicherheit auf den Kristallnacht-Tweet. Die Frage ist nur, wie weit oben er erscheint. Gemäss dem Social-Media-Experten Thomas Hutter könnte M. dafür sorgen, dass der Fall in den Antworten weit nach hinten rutschte. «Dazu müsste er positive Mediengeschichten über sich erschaffen. Wofür er einen gewieften PR-Berater bräuchte.» M. könnte zudem mehrere Social-Media-Profile erstellen, da Google diese wie Medienberichte weit oben anzeigt.

Eine weitere Methode, um Meldungen nach hinten zu drängen, nennt Moritz Zumbühl. Man müsse einen anerkannten Blog verfassen, der möglichst oft von anderen Nutzern verlinkt wird. Auch diese Beiträge tauchen bei einer Google-Suche weit oben auf. Einen teureren Weg, den beschmutzten Namen zu säubern, wählte BP nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Das Unternehmen kaufte positive Anzeigen, die Google zuoberst auflistete, wenn nach gewissen Begriffen gesucht wurde. «Das kann sich eine Einzelperson aber kaum leisten», sagt Thomas Hutter.

Hass-Tweets auch in Solothurn

Mit der gestrigen Entschuldigung habe M. einen ersten, richtigen Schritt getan, sagt Moritz Zumbühl. M.s Bussgang hat sich weit im Internet verbreitet. «Vielleicht denken einige, dass die Sache somit wieder in Ordnung sei. Doch die Onlinecommunity wird nichts vergessen.» Hilfreich wäre auch ein möglicher Freispruch, den die Medien breit abdeckten, sagt Thomas Hutter.

Erstellt: 28.06.2012, 07:39 Uhr

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