Der bisher beste Vorschlag

Zürich braucht eine richtige Fussballarena. Das Hardturm-Projekt passt zum Geist der Stadt: Es steht für Durchmischung und Erneuerung.

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Wäre Zürichs Weg zu einem neuen Stadion ein Fussballspiel – es wäre ein zerfahrenes und unübersichtliches Spiel, das sich längst in der Verlängerung befindet. Seit Anbeginn konstant ist lediglich der Wunsch der beiden Stadtclubs: FCZ und GC möchten ein neues Stadion mit frenetischen Fans in steilen Rängen. Alles andere – das Geld und wer es aufbringt, die Stadiongrösse und das Drumherum – ist Gegenstand eines langjährigen Politgezerres.

So stimmen die Zürcherinnen und Zürcher am 25. November bereits zum dritten Mal innert 15 Jahren darüber ab, ob die Stadt ein richtiges Fussballstadion erhalten soll – eine Arena also, in der das Publikum nahe am Spielfeld sitzt. «Ensemble» heisst dieses dritte Projekt für die Hardturm-Brache sinnigerweise. Es ist der bisher beste Vorschlag.

Die Stadt zog aus der knappen Abfuhr von 2013 die Konsequenzen und zahlt diesmal nichts an Bau und Betrieb des Stadions. Dafür kommt sie den Investoren bei den Baurechtsverträgen entgegen: Damit die Privaten das neue Stadion realisieren können, unterstützt sie das Projekt mit einem reduzierten Baurechtszins. Zürich verzichtet so auf rund 1,7 Millionen Franken jedes Jahr.

Der Geist der ­Erneuerung tut Zürich gut – es gibt keinen Grund, ihn zu ersticken.

Gratis wird also auch das geplante Stadion mit seinen 18'000 Plätzen für die Bevölkerung nicht. Da haben die Gegner der SP recht. Der aktuelle Vorschlag ist aber der bestmögliche Kompromiss zwischen öffentlichen und privaten Interessen. Er verknüpft den Wunsch nach einem Fussballstadion geschickt mit dem Bedarf nach mehr Wohnraum in einer wachsenden Stadt: Teil des neuen Hardturm-Projekts sind zwei private Wohntürme und eine genossenschaftliche Wohnsiedlung. Insgesamt sollen auf dem Areal gegen 750 Wohnungen entstehen.

Anfänglich erhielten die Pläne deswegen auch von linker Seite Applaus. Inzwischen hat der Wind aber gedreht. Die Sozialdemokraten bekämpfen das Projekt gegen ihre eigenen Stadträte, weil auf städtisches Land keine «renditeorientierten Luxuswohnungen» gehören würden. Widerstand und Rhetorik irritieren aus mehreren Gründen: Erstens war von Projektbeginn weg klar, dass die Investoren das Stadion aus der Rendite der beiden Hochhäuser finanzieren wollen. Zweitens darf man sich mit Fug und Recht fragen, ob bei Durchschnittsmieten von 3200 Franken pro Monat für eine Viereinhalbzimmerwohnung bereits der Luxusapartment-Stempel angebracht ist.

Schliesslich drittens: So positiv der gemeinnützige Wohnungsbau ist, so ungut ist die links-grüne Fixierung auf diesen Wohnbautyp. Zürich lebt von der Durchmischung – davon, dass private Luxuswohnungen neben Genossenschafts­wohnungen stehen. Es gibt hier keine Superreichen-Ghettos. Selbst im Seefeld oder am ­Zürichberg stehen gemeinnützige Wohnungen. So unerwünscht wie eine Luxusmonokultur ist aber auch eine Genossenschaftsmonokultur. Und so gilt für das Hardturm-Areal: Solange die Durchmischung stimmt und der Markt spielt, die «Luxus-Objekte» also Abnehmer finden, so lange ist gegen den Mix aus Stadion, privaten und gemeinnützigen Wohnungen nichts einzuwenden.


Der Hardturm: Die Geschichte des Stadions in Bildern


Dass auf dem Hardturm auch in die Höhe gebaut wird und die beiden 137-Meter-Wohntürme den Prime Tower nochmals um elf Meter übertreffen werden, liegt in der Natur einer dichter werdenden Stadt. Rekurse wird es gegen ein Projekt solcher Dimensionen sowieso geben; auch das via Volksinitiative lancierte Alternativprojekt der SP ist vor Rechtsstreitigkeiten nicht gefeit.

Das erste Hardturm-Projekt «Pentagon» brachten nach gewonnener Abstimmung die Anwohner zu Fall. Aus den Fehlern von damals haben die Planer gelernt: Der neue Hardturm ist kein monumentaler Prunkbau, sondern ein gewöhnliches Stadion, das den Fussball ins Zentrum rückt. Eine neue Heimstätte für den Spitzenfussball hätte zudem den Nebeneffekt, dass Raum für den Breitensport frei würde – Raum, den dieser dringend benötigt.

Ein anderes Problem dagegen besteht nach wie vor, und es ist unverständlich, dass die Stadtclubs und insbesondere der FCZ hier keine grösseren ­Anstrengungen unternehmen: Das Hooligan-Problem ist in Zürich nach wie vor ungelöst. Es ist zwingend, dass die Clubs alles unternehmen, um dieses Problem in den Griff zu bekommen.

Zürich hat sich in den letzten Jahren erneuert. Die Erneuerung war zum Teil dem Wachstum geschuldet – es brauchte neue Schulhäuser und andere Infrastrukturbauten. Darüber hinaus hat sich aber auch ein Geist der Erneuerung in der Stadt ausgebreitet. Mit der Kunsthaus-Erweiterung und der Kongresshaus-Sanierung fanden zwei Grossprojekte Mehrheiten, die das Gesicht der Stadt prägen und ein urban-kulturelles Bewusstsein zum Ausdruck bringen. Der Geist der Erneuerung tut Zürich gut – es gibt keinen Grund, ihn zu ersticken. Zürich verdient ein Ja am 25. November.

Der Stadienvergleich:

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2018, 22:23 Uhr

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