Stadtratswahlen 2014

Der einsame Rufer

FDP-Politiker Filippo Leutenegger hat sich vom angriffigen «Arena»-Dompteur zum handzahmen Herausforderer der Zürcher SP-Stadtpräsidentin Corine Mauch gewandelt.

«Wo werden Sie den Sparhebel ansetzen?»: Drei Fragen an Filippo Leutenegger.
Video: Jan Derrer

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Auf seiner Website präsentiert sich Filippo Leutenegger als Mann für alle Fälle: staatsmännisch im dunkelblauen Anzug mit weissem Hemd und Krawatte; sozial im grauen Veston und grauen Strickpullover; sportlich im offenen, schwarzen Hemd. Auch an den öffentlichen Auftritten vermittelt Leutenegger das Bild eines Politikers, der sich wie ein Chamäleon der jeweiligen Situation anpasst. Besonders deutlich zeigte sich das im TV-Duell auf TeleZüri mit Corine Mauch. Dort fand ein eigentlicher Rollentausch statt. Die amtierende SP-Stadtpräsidentin gab sich angriffig und forsch, der Herausforderer konziliant und väterlich, jovial und sorgenvoll.

Was in der Fernsehsendung funktioniert, klappt in der politischen Realität nur bedingt. In der FDP hat Leutenegger einen schweren Stand. Der ehemalige freisinnige Stadtpräsident Thomas Wagner sitzt im Unterstützungskomitee für Mauch und bezeichnet Leutenegger als «Opportunisten». Der amtierende FDP-Stadtrat Andres Türler geht auf Distanz, und auch andere FDP-Grössen lassen offen, ob sie Leutenegger wählen oder nicht. Einige seiner Parteifreunde lassen ihn im Stich. Seine Gegner nehmen ihn nicht wirklich ernst. «Leutenegger kommt acht Jahre zu spät», sagt der Stadtzürcher SP-Doyen Koni Loepfe.

So leicht lässt sich jedoch Filippo, wie er sich volksnah auf den Plakaten nennt, nicht unterkriegen. «Ich habe als Unternehmer und Politiker einiges zu bieten.» Dazu kommt noch ein Hauch von Glamour aus alten «Arena»-Zeiten. Unter Leutenegger hatte die TV-Politsendung ihre besten Zeiten, und sie hat ihm den Status nationaler Prominenz verliehen. Das wiederum hat ihm eine Blitzkarriere in der Zürcher FDP ermöglicht. 2002 wurde er praktisch von null auf Hundert in den Nationalrat gewählt. Auch das wurde vor allem in der eigenen Partei nicht überall goutiert.

Der Sanierer

In der FDP nimmt man sehr wohl wahr, dass Leutenegger immer wieder Positionen der SVP vertritt. Prominente Beispiele dafür waren die Abstimmungen über den Mutterschaftsurlaub, das Abkommen von Schengen und der Finanzausgleich. «Die grösste politische Schnittmenge mit der SVP habe ich vor allem in finanzpolitischen Fragen.» Doch das sei für ihn kein Problem, sagt Leutenegger. In einer liberalen Partei wie der FDP sei es möglich, ab und zu von der Parteimeinung abzuweichen.

Als Leutenegger 2004 für das kantonale Parteipräsidium antrat, unterlag er Doris Fiala. «Das war sicher eine schmerzhafte politische Niederlage.» Dafür verweist er auf die vielen Erfolge, die er als Unternehmer und Manager erzielt habe. In der Schweizer Wirtschaft verfügt er über ein grosses Netzwerk. Mit vielen Unternehmenslenkern ist er per Du. Er war Chefredaktor des Schweizer Fernsehens. Dann wurde er CEO und Sanierer beim Jean-Frey-Verlag. «Filippo kann gut verwalten und ist ein hervorragender Turnaround-Manager», sagt der ehemalige Chefredaktor des «Beobachters» Balz Hosang.

Allerdings ist Leutenegger auch als Manager nicht unbestritten. Ehemalige TV-Journalisten beklagen sich darüber, dass er sich primär um seinen Immobilienbesitz gekümmert habe. Hingegen wird er als sehr kostenbewusst bezeichnet: «Wenn es ums Geld geht, ist er extrem genau», sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. Ebenfalls umstritten sind seine Leistungen als Verwaltungsratspräsident der «Basler Zeitung». Heute leitet Immobilienbesitzer Leutenegger eine Zeitschrift für Hauseigentümer. Auch dort hinterlässt er zwiespältige Gefühle. «Er ist ein chaotischer Hansdampf in allen Gassen» sagt eine ehemalige Mitarbeiterin. «Auf der persönlichen Ebene ist er aber sehr angenehm.»

Der Warner

Ein Thema dominiert Leuteneggers Wahlkampf: «Die Stadt Zürich hat ihre Finanzen nicht in Griff, sie lebt über ihre Verhältnisse», predigt er immer wieder. Um die drohende Schuldenfalle abzuwenden, schlägt er einen Kurswechsel vor. Damit positioniert er sich klar gegen den rot-grün dominierten Stadtrat. Um dem Schuldenschlamassel zu entrinnen, schlägt Leutenegger folgende Massnahmen vor: «Ausgaben- und Stellenwachstum bremsen, weniger Luxus und Perfektionismus im Tiefbau und bei Schulhäusern, Tagesschule einführen statt das teure Hortsystem ausbauen, weniger Ideologie beim Verkehr, Verdichtung statt Abzonung beim Wohnungsbau.»

Er sieht sich in Bezug auf die Stadtfinanzen als einsamer Rufer in der Wüste. Die Chance, in den Stadtrat gewählt zu werden, bezeichnet er als gut, Corine Mauch aus dem Amt als Stadtpräsidentin zu verdrängen, als weniger gut. Leutenegger wird dieses Jahr 62 Jahre alt. Er fühlt sich für das Amt überhaupt nicht zu alt. «Ich bin fit und freue mich, wenn ich dieser Stadt, in der ich seit 40 Jahren lebe, etwas zurückgeben kann.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2014, 09:03 Uhr

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«Auf der persönlichen Ebene sehr angenehm»: Filippo Leutenegger. (Bild: Sabina Bobst)



Der Quereinsteiger

Filippo Leutenegger bezeichnet sich gerne als Auslandschweizer. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er in Rom, wo sein Vater für die UNO arbeitete. Das Gymnasium besuchte er in der Klosterschule Disentis, in Zürich studierte er Ökonomie und Jurisprudenz. Als Student war er in der Umweltbewegung aktiv, und er gehörte zu den Gründern der «Wochen­zeitung» (WOZ). Leutenegger hat beim Schweizer Fernsehen Karriere gemacht. Er startete beim «Kassensturz», kehrte dann als Italienkorrespondent nach Rom zurück. Dieser Auslandaufenthalt habe sein damals klein­kariertes und bünzliges Bild von der Schweiz grundlegend verändert, sagt er. Dann wurde er «Arena»-Moderator, schliesslich Chefredaktor des Schweizer Fernsehens. Inzwischen lebt er seit insgesamt 40 Jahren in Zürich. Leutenegger ist zum zweiten Mal verheiratet und hat insgesamt fünf Kinder. Zürich findet er in jeder Beziehung grossartig. Mit 50 stieg er 2002 in die Politik ein und schaffte es ein Jahr später für die FDP in den Nationalrat. (mq)

«Im Haushalt mache ich zu wenig»

Sie wollen sich für ein zweites Fussballstadion einsetzen. Für welchen Stadtclub schlägt Ihr Herz?
Das ist eine knifflige Frage. Früher war ich für GC. Seit mein jüngster Sohn Fussball spielt und FCZ-Fan ist, verfolge ich beide Clubs. So gesehen, schlagen zwei Herzen in meiner Brust.

Viele Menschen haben eine TV-Lieblingsserie. Welches ist Ihre?
Als ehemaliger Fernsehmann habe ich verschiedene Präferenzen. Die Frage ist für mich unbeantwortbar, weil ich momentan gar keine Zeit zum Fernsehen habe. Ausser mit meinen Kindern die Sitcom «How I Met Your Mother».

Sie setzen sich für Krippen und Horte ein. Wie stark engagieren Sie sich zu Hause beim Kochen, Putzen und früher beim Windelwechseln?
Ich gehe hin und wieder einkaufen und koche regelmässig. Bei fünf Kindern habe ich auch Übung im Windelwechseln, und ich packe zu Hause gerne an. Aber es ist schon so: Meine Frau trägt im Haushalt die Verantwortung, und ich mache zu wenig.

Wenn Sie Stadtpräsident würden, fiele die Kultur in Ihren Bereich. Welche Konzerte oder Ausstellungen haben Sie im letztes Jahr besucht?
Ich besuche gerne Ausstellungen, bin beim Zurich Film Festival dabei und gehe mit den Kindern zur Märlibühne.

Sie haben in Rom gearbeitet und gelebt. Was bedeutet Ihnen die italienische Hauptstadt?
Die Stadt ist grossartig und geschichtsträchtig. Aber zu Hause bin und fühle ich mich in Zürich. (mq)

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