Der ewige Traum vom Gratistram

Neuenburg debattiert darüber und in Zürich regt sich die Forderung eines kostenlosen öffentlichen Verkehrs alle paar Jahre wieder. Ein Gedankenspiel.

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Die Idee ist uralt und hat noch immer etwas Verführerisches: In Zürich sind Bus, Tram, S-Bahnen, Limmatschiffe, die Seilbahn Rigiblick und die Uetliberg-Bahn gratis. Keine Billettautomaten mehr, keine Kontrolleure, weniger Autos, Lärm, Luftverpestung, Lichtsignale, Parkplätze und Zebrastreifen. Statt über Tramtickets und ZVV-Abos erkaufen sich die Zürcherinnen und Zürcher ihr Paradies über höhere Steuern. Vor einigen Tagen haben die vereinigten Grünen und Linken des Kantons Neuenburg eine Volksinitiative für einen Gratis-ÖV im ganzen Kanton lanciert. Die Kosten schätzen sie auf 33 Millionen Franken pro Jahr. Sie schlagen im Gegenzug eine Kostenbeteiligung durch die Firmen vor, eine Kürzung der Steuerabzüge für Pendler sowie höhere Parkgebühren. In einem provokativen Positionspapier forderte 2016 auch die SP Aargau um Cédric Wermuth einen staatlich finanzierten öffentlichen Verkehr im ganzen Kanton, liess dieses Papier aber bald wieder verschwinden. Gratis-ÖV war kürzlich auch eine Forderung der Schweizer Jugendparlamente – neben Gratiskondomen und Freibier.

Ein Erfolg in Estland

Dass die Idee eines freien öffentlichen Verkehrs nicht reine Utopie ist, beweist seit 2013 die estnische Hauptstadt Tallinn, mit 445'000 Einwohnern etwas grösser als Zürich. Wer in der Stadt angemeldet ist und das mit seiner ID belegen kann, reist in den städtischen Bussen und Zügen gratis. Die zusätzlichen Steuereinnahmen durch Neuanmeldungen haben am Anfang beinahe den Ausfall der Ticketerlöse ersetzt. Den Gratis-ÖV durchgespielt hat von 1997 bis 2013 auch die belgische Stadt Hasselt. Der Autoverkehr in der Innenstadt hatte deutlich abgenommen, die Zahl der ÖV-Passagiere sich mehr als verzehnfacht. Durch den massiven Ausbau des Busnetzes waren die Kosten aber derart explodiert, dass es für die 70'000-Einwohnerstadt zu viel wurde und diese wieder Billettpreise einführte.

Erster Verfechter eines Gratistrams in Zürich war ausgerechnet der frühere Chef der Zürcher Verkehrsbetriebe, der 2008 verstorbene SP-Stadtrat Jürg Kaufmann. Die freie Fahrt auf allen Linien hatte er allerdings nur als junger «Sozi» propagiert. Als oberster Trämler wollte er später nichts mehr davon wissen.

Auf der Spur von König Kraska

Einen erbitterten Kampf für Gratis-ÖV bis hinauf zum Bundesgericht focht dagegen der letztes Jahr verstorbene Pjotr Kraska aus, Dadaist, Künstler und selbsternannter König von Zürich und Bilbao. Sein Argument: Militärs dürften auch gratis Bahn und Tram fahren, weil sie der Gesellschaft dienten. «Wir nehmen uns dasselbe Recht», argumentierte seine Majestät, die nur in der Mehrzahl über sich selber sprach, «weil auch wir mit unserer kulturellen Arbeit der Gesellschaft dienen.» Unnötig zu erwähnen, dass Schwarzfahrer Kraska Stadtrat Kaufmann zur Weissglut trieb.

Gratis-ÖV gibts in der Schweiz nur in Lenk im Simmental für Touristen und Einheimische sowie in einzelnen Bergebieten für Gäste, welche die Kurtaxe bezahlen. Die Initiative der St. Galler Juso «Gratis-ÖV für unter 25-Jährige» wurde klar abgelehnt. Nicht weit gedieh in Zürich im Jahr 2000 auch die Idee des damaligen VBZ-Direktors Thomas Portmann, in allen Trams auf der Bahnhofstrasse und auf dem Limmatquai den Nulltarif einzuführen. Den Ertragsausfall schätzte er auf mindestens 400'000 Franken – der Zürcher Verkehrsverbund kam auf eine viel höhere Summe.

Die Aargauer würden auf Kosten der Zürcher Steuerzahler profitieren – wie beim Schauspielhaus.

Der bekannte Architekt Walter Wäschle nahm die Idee 2013 wieder auf und schlug ein unentgeltliches Touristen-und-Shopping-Tram auf der Strecke Limmatquai–Quaibrücke–Bahnhofstrasse–Central vor. Die Kosten von 1 Million hätten Zürich Tourismus, City-Vereinigung, Hotels, Restaurants, Läden und Sponsoren erbringen müssen. Die VBZ warnten davor, dass diese Zusatztrams mit Panoramadächern, die im 6-Minuten-Intervall verkehren sollten, die Engpässe an Central, Bellevue und am HB noch mehr belasten würden.

Wer bezahlt?

Diese Vorgeschichte zeigt: Ein Gratistram in Zürich wird es schwer haben. Erste Knackpunkte: Soll der ÖV im ganzen Kanton oder nur auf Stadtgebiet kostenlos sein? Und warum? Und wer bezahlt? Die Kosten lassen sich aus dem Geschäftsbericht des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV) herauslesen. Und der zeigt, dass Zürich ein besonders ungünstiges Pflaster für Gratis-ÖV ist. Gerade weil der Kostendeckungsgrad im ZVV rekordmässig hoch ist – zwei Drittel bezahlen die Passagiere, ein Drittel die öffentliche Hand – wäre der Ertragsausfall speziell hoch. Im estnischen Tallinn ist es genau umgekehrt; dort bezahlt die Stadt den ÖV ohnehin zu einem grossen Teil.

Wenn die Passagiere gratis fahren, müssten Stadt, Gemeinden und Kanton die fehlenden Ticketeinnahmen übernehmen. Weil ein solcher Vorstoss im bürgerlichen Restkanton ohnehin keine Chance hätte, können wir die Rechnerei auf das links-grüne Zürich beschränken. Eine halbe Milliarde Verkehrsertrag hat der ZVV im letzten Jahr generiert. Grob geschätzt, wurde die Hälfte davon in der Stadt erwirtschaftet. Wären die beiden Stadtzonen 110 also gratis, würden runde 250 Millionen Franken fehlen.

Eine andere Rechnung: Das ZVV-­Jahresabo für die Stadt Zürich (Zone 110) kostet 782 Franken. Würde die Stadt allen Einwohnern, die noch oder bereits selbstständig Tram fahren können – ­geschätzte 350'000 –, einen Gratis-ZVV-Pass abgeben, würde das 275 Millionen Franken pro Jahr kosten. Statt eines Gratisabos, das vielleicht nie gebraucht wird, könnte Zürich auch das Tallinner Modell mit einem Nachweis der Einwohnerkontrolle auf dem Swiss Pass oder der ID anwenden.

Absehbares Tarifchaos

Beim ersten Modell darf jedermann vom Gratisverkehr in Zürich profitieren. Was zur ungerechten Situation führen würde, dass Aargauer und Winterthurer sich auf Kosten der Zürcher Steuerzahler herumkarren liessen, die Trams verstopfen und zu Hause in der Agglo Steuern zahlen würden – ähnlich wie beim Schauspielhaus. Das zweite Modell, gleich wie in Tallinn, ist immerhin gerechter – das Tarifchaos wäre aber ohnehin programmiert. Wie soll die Zürcher Politik eine Gratiszone in der Stadt einführen, wenn sie es nicht mal schafft, etwas Gescheiteres als den Schiffsfünfliber auf dem See zu erfinden?

Und was hält die Zürcher Verkehrs­expertin, grüne Kantonsrätin und VCS-Co-Präsidentin Gabi Petri vom Gratistram? «Gar nichts», sagt sie. Die Mobilität sei generell zu billig, Gratisverkehr führe zu noch höherem Verkehrsaufkommen. Ziel müssten vielmehr faire Preise sein, die sich an der Kostenwahrheit richteten. Heute gelte es, unnötige Fahrten zu vermeiden. «In Zürich braucht es keinen Kostenanreiz, um mit ÖV in die Stadt zu kommen; das ist für eine grosse Mehrheit selbstverständlich.»

Erstellt: 23.10.2017, 22:17 Uhr

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