Der fröhliche Sünder

Keiner ärgert und freut die Zürcher mehr als der Uto-Kulm-Besitzer Giusep Fry. Er hat den Uetliberg-Gipfel in einen Konsumtempel verwandelt – wider die Bauvorschriften.

«Ich lass mir meine Energie nicht z Bode riite», sagt Giusep Fry.

«Ich lass mir meine Energie nicht z Bode riite», sagt Giusep Fry. Bild: Sabina Bobst

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«Bin gleich wieder da», sagt er und ist schon verschwunden. Seine Stimme, das tragende Organ eines Patrons, klingt mal näher, mal ferner. Mal verliert sie sich in den Katakomben seines Reichs, dann taucht sie in unmittelbarer Nähe wieder auf. Was Giusep Fry alles umtreibt, sieht erst, wer eine seiner Runden mitdreht.

Hier öffnet er ein Fenster, dort einen Sonnenschirm. Im Restaurant entdeckt er zwei Gäste, die noch nichts auf dem Tisch haben. Hinter dem Buffet stoppt ihn ein Fleck an der Decke. «Nimm eine Leiter. Oder bist du im Druck?», fragt er einen Kellner. Seine braunen Augen schauen freundlich. Aber er betont: «Ich sehe alles.» Sein Gang ist weder besonders rasch noch besonders sportlich. Trotzdem scheint er überall gleichzeitig zu sein.

Unternehmer, nicht Unterlasser

Nur in seinem Büro ist er selten. Der Schlupf ist kaum grösser als ein Behinderten-WC, der Computer steht auf einer simplen Tischplatte. Ein Giusep Fry braucht keinen Respekt erzeugenden Schreibtisch. Flink pflückt er ein Blatt von der Pinnwand: «Schon erledigt. Oder fast. Ich bin schnell.» Kann er auch sein. Da ist kein Investor, den er erst um seine Meinung fragen muss. «An Sitzungen bin ich meist viel weiter.» Beim Bauen manchmal auch. Nicht immer mochte er die Baubewilligung abwarten, um aus dem ehemals düsteren Hospiz Uto Kulm ein Gebilde zu schaffen, das auf Luftaufnahmen wie ein gestrandetes Kreuzfahrtschiff aussieht: bestückt mit weissen Lounge-Decks, verglasten Sälen, Luxussuiten und einem mit Liegesofas ausstaffierten Open-Air-Kino.

Nicht allen gefällt Giusep Frys Werk. Wer auf Berggipfeln am liebsten in stiller Andacht in einen Apfel beisst und seinen Durst mit Tee aus der Thermosflasche löscht, empfindet das Uto Kulm als «Konsumtempel» für die «Spassgesellschaft», und dies erst noch mitten in der Landwirtschaftszone.

Lustvolles Bad-Boy-Bashing

Rot sehen bei seinem Namen auch Beamte und Medien. Selbstherrlich setzt er sich über Bauvorschriften und andern Papierkram hinweg, während der brave Bürger für jede Hundehütte einen Schein braucht. Gern bildet ihn die Presse als gedrungenen Finsterling ab. Lustvoll betreibt sie das Bad-Boy-Bashing. Und hat er vor Bundesgericht verloren, lautet die triumphierende Schlagzeile: «Schlappe!» oder «Endlich!». Vor zwei Jahren wurde Giusep Fry von den Behörden verdonnert, für die nicht bewilligte Verglasung des Wintergartens 400'000 Franken zu bezahlen. So hoch schätzten sie die Mehreinnahmen ein, die er dank der Schlechtwetter-tauglich gemachten Veranda erzielte.

Doch statt Reue zu zeigen, treibt es Giusep Fry immer bunter. Mal veranstaltet er auf dem Berggipfel Oktoberfeste. Mal strahlt sein üppig mit Lichterketten bekränzter Aussichtsturm wie ein Jahrmarkt in die Stadt hinunter. Menschen, die sich gegen die Lärm- und Lichtbelästigung wehren, sind für ihn «Neider, die noch nie selbst etwas unternommen oder Lohn und AHV für andere bezahlt haben». Schmallippige Besserwisser, denen jede Lebensfreude abgehe. «Sicher», wiederholt er mechanisch, was ihm offenbar eingebläut wurde, «Gesetze sind da, um eingehalten zu werden.» Aber manches ist ihm halt «im Elan» durchgerutscht. Schliesslich ist er Unternehmer, nicht Unterlasser. Entlöhnt 120 Angestellte, und dies pünktlich am 25. jeden Monats.

«Stimmts?», stoppt er eine Sekretärin, die seinen Weg kreuzt. Ohne kurzen Wortwechsel kommen auch die anderen Mitarbeitenden nicht am Patron vorbei. «Wo warst du gestern?» Aha, Schule und frei. Giusep Frys Hand klatscht auf die Schulter des Lehrlings: «Aber heute fit und munter!»

Nerven ihn Bürokraten und Spiesser allzu sehr, denkt er laut seine Planspiele durch. Er könnte Eintritt für den Aussichtsturm verlangen – ist schliesslich sein Privateigentum. Oder das WC kostenpflichtig machen. Oder, noch schlimmer: seinen 26'000 Quadratmeter umfassenden Uetliberg-Gipfel einem russischen Investor verkaufen, so wie es Tele Top dieses Jahr als Aprilscherz verkündete. Dann würde eine von schwer bewaffneten Bodyguards bewachte Mauer den Zürchern den Zutritt zu ihrer Hausberg-Spitze verwehren. «Es wollen ja alle immer auf die höchste Stelle, Biker und Wanderer.»

Dazumal hatte er den Uetliberg mit dem Zürichberg verwechselt

Wo das frysche Reich beginnt, sieht man sofort. Den Wegrand säumen Männchen machende Hirsche, die auf dem Geweih Lampen balancieren. «Vom Künstler Bruno Weber», erklärt Giusep Fry. «Irgendeine Zürcher Fabel ...» Die Fabel interessiert ihn offensichtlich ebenso wenig wie alles andere, was längst vergangen ist. Zum Beispiel seine Herkunft. «Ich bin kein Heimwehbündner.» Sicher, die Landschaft in der Surselva ist schön, «Pilzli und so».

Aber je näher er seiner alten Heimat komme, desto enger die Sicht. Seine Hände formen Scheuklappen. Mit fünf Jahren musste er, als Ältester von sechs Geschwistern, schon im Stall anpacken. Mit zehn betrachtete er den kümmerlichen Heuhaufen, klägliches Ergebnis eines Tagewerks, und schlug seinem Vater vor, sich lieber als Gemeindearbeiter zu verdingen. Mit 23 wurde er, nach einer Kochlehre in Disentis, Geschäftsführer im Restaurant Uto Kulm. Zum Vorstellungsgespräch erschien er etliche Stunden zu spät: Er hatte den Uetliberg mit dem Zürichberg verwechselt. Mit 40 kaufte er den Betrieb 1999 der Schweizerischen Bankgesellschaft ab. Die Zürcher Stimmbürger hatten auf ihr Vorkaufsrecht verzichtet.

Nachträglich abgesegnet

Geschichten wie diese wird er auch in seinem neusten Uetliberg-Event «Auf den Spuren von Giusep Fry» erzählen. Die Wanderung führt – auf verschlungenen Wegen – zu einer Hütte, wo es eine von ihm selbst entwickelte Bündner Grillwurst gibt, kombiniert mit Bogenschiessen. Der Anlass kostet für 10 Personen 1500 Franken. Nein, kein Egotrip des Patrons – für seinen Geschmack ist sein Aufstieg ohnehin viel zu lange her. Viel eher eine weitere, bisher ungenutzte Möglichkeit, um sein Umsatzziel zu erreichen.

Die Idee stammt von seiner Marketingabteilung in Kooperation mit der Agentur Kreaktiv Events. Leiterin Caroline Milloth sieht darin eine Möglichkeit, ihren Chef als den «liebenswerten und netten Menschen» kennen zu lernen, der sich halt manchmal «ein bisschen quergestellt hat». Aber jetzt hat sich doch alles zum Guten gewendet.

Tatsächlich. Die mit Zürich ausgehandelten Verträge versetzen Giusep Frys Reich aus der Landwirtschafts- in die Erholungszone. Damit werden – fatalerweise für die Gegner – praktisch alle fryschen Bausünden nachträglich sanktioniert. Als Gegenleistung muss er der Öffentlichkeit den kostenlosen Zutritt zu Aussichtsplattform, Turm und Toiletten garantieren. Lächerlich wenig, finden seine Gegner. Sowohl der Heimatschutz wie der Verein Pro Uetliberg legten Einsprache ein.

Ihre Hoffnung: damit das Inkrafttreten der Verträge so lange hinauszuzögern, bis Giusep Fry trotzdem die illegal erstellten Bauten abbrechen muss, so, wie es das Bundesgericht verfügte. Denn für ihren Geschmack spaziert der «Fryherr» noch immer viel zu vergnügt auf seinem Uetliberg herum.

Chronisch gute Macherlaune

So ist es. Nichts kann Giusep Frys chronisch gute Macherlaune erschüttern. Auch nicht die inzwischen auf «ein paar Hunderttausend Franken» angewachsenen Prozesskosten. «Ich lass mir meine Energie nicht z Bode riite.» Jeden Morgen löscht er auf dem Spaziergang mit dem Hund seiner Frau die Sorgen vom Vortag: «Alter Schrott.» Und er kämpft ja nicht allein. Für den von strammen SVP-Leuten beherrschten Uetliberg-Verein ist er ein Held: ein Selfmade-Mann, der alle bürokratischen Hindernisse überwindet, und sei es durch Verjährung.

Noch grösseren Halt gibt ihm seine Familie. Wenn er gegen zehn oder elf Uhr abends endlich in sein Häuschen am Fusse des Uetlibergs kommt, sieht er höchstens noch etwas TeleZüri oder überfliegt die Gratiszeitung «20 Minuten». «Ich lese keine Bücher», sagt er in einem Ton, als hätte man ihn etwas Unanständiges gefragt. Manchmal liegt eine Fahrt auf der Harley nach Bozen drin – oder ein Familienurlaub auf Teneriffa. «Die Kinder wollen dorthin.» Die Tochter ist 18, der Sohn 15, beide «hundert Prozent zuverlässig». So, wies aussieht, muss sich Giusep Fry um seine Nachfolge nicht sorgen. Die Tochter ist im Wirtschaftsgymnasium, der Sohn will ins Hotelfach.

«Ich muss den Betrieb täglich neu erfinden»

Er selbst vermisst die höhere Ausbildung nicht. Auf dem Uetliberg greift kein Hotelketten-Rezept à la Hyatt oder Hilton. «Ich muss den Betrieb täglich neu erfinden. Erspüren. Präsenz und Geschick zeigen.» Einziges Problem sind die beschränkten Platzverhältnisse. Wie die Modelleisenbahn im Keller, stösst auch sein Lieblingsspielzeug auf der Bergspitze an seine natürlichen Grenzen. Es lässt sich nichts mehr ansetzen.

Obwohl erst elf Uhr morgens, herrscht schon reger Betrieb auf der Restaurantterrasse. Für Giusep Fry der Beweis: Sein Konzept stimmt. «Ich bin ein Glücksfall für Zürich.» Warum sonst quälten sich täglich Tausende – an schönen Sonntagen sind es gar zehntausend – den Berg hinauf, um sein Werk zu bewundern?

Tief unten liegt glasig der See, über der Stadt lagert Abgasdunst. Giusep Fry begeistert die Aussicht, als sähe er sie zum ersten Mal. Dort, zu seinen Füssen, brüten seine Widersacher über ihren nächsten Schachzug. Über seinem Haupt ist nichts mehr. Oder höchstens der liebe Gott.

«Am besten ist, man glaubt an sich selbst.»

«Am besten ist, man glaubt an sich selbst», findet Giusep Fry. Der Beweis dafür hängt an seinem Gürtel: ein dicker Schlüsselbund, Insignien seiner hart erarbeiteten Macht. Sein Blick umfasst den Backsteinbau mit all seinen gläsernen Auswüchsen, den Aussichtsturm mit seinem unablässigen Auf und Ab, die pompös weisse Polsterlandschaft im Freien, das Meer von Sonnenschirmen über den festlich gedeckten Tischen, den Grill, den die Kellner eben in Stellung bringen. Zufrieden breitet er beide Arme aus, um das Besitzergefühl bis in die Lungenspitzen ziehen zu lassen.

Lange freilich dauert die Besinnlichkeit nicht. Ein Camion vor der Anlieferung weckt seine Aufmerksamkeit. «Guten Morgen, die Herren!» Kurzer Kontrollblick unter die Plane: «Bin gleich bei Ihnen!»

Erstellt: 21.08.2012, 10:35 Uhr

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Margrit Sprecher ist mehrfach preisgekrönte Schweizer Journalistin, Autorin und Jurorin journalistischer Preise.

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