Der geläuterte Marxist

Markus Bischoff ist auf dem Papier der Linkste aller Regierungsratskandidaten. Der AL-Kantonsrat setzt sich für sozial Schwache ein.

Markus Bischoff posiert mit seinem Smartvote-Profil an  der Schifflände. In unmittelbarer Nähe liegt die Anwaltskanzlei des Rechtsanwaltes. Foto: Dominique Meienberg/Smartvote.ch/Montage: TA

Markus Bischoff posiert mit seinem Smartvote-Profil an der Schifflände. In unmittelbarer Nähe liegt die Anwaltskanzlei des Rechtsanwaltes. Foto: Dominique Meienberg/Smartvote.ch/Montage: TA

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Viele Alt-68er sind in den vergangenen Jahrzehnten politisch nach rechts gerückt und haben die Schalthebel der Macht übernommen. Kantonsrat Markus Bischoff ist auf diesem Weg auf halber Strecke stehen geblieben. Der 58-Jährige hat sich von ganz links ein wenig in Richtung Mitte bewegt, steht aber immer noch klar links.

Politisiert wurde er in einem katholischen Internat Anfang der 70er-Jahre. Sein erster Ficheneintrag datiert aus dem Jahr 1974. Früher war er Marxist, Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), glaubte an eine klassenlose Gesellschaft und kämpfte dafür. Von dieser Idee war er überzeugt, bis sie sich als Trugschluss entpuppte: Man dürfe die Menschen nicht überfordern und es sei bereits schwierig genug, eine einigermassen sozial ausgeglichene und friedfertige Gesellschaft zu erreichen, sagt er.

Keine Lust auf Grossparteien

Heute ist Bischoff Mitglied der Alternativen Liste (AL), Kantonsrat und Rechtsanwalt. Hätte er sich den Grünen oder der SP angeschlossen, hätte er wahrscheinlich politisch Karriere machen können. Dass er dies nie getan hat, bereut Bischoff aber nicht: «Man muss sich treu bleiben.» In der SP hätte er sich vielleicht in Grabenkämpfen aufgerieben. Bei der AL verspürt er parteiintern weniger Widerstand.

Die Chance, auch als AL-Politiker auf einen politischen Chefsessel gewählt zu werden, liess er 2013 verstreichen. Dafür gewährte er seinem Parteikollegen Richard Wolff den Vortritt, der gegen den FDP-Mann Marco Camin siegte. Seither leitet Wolff das Polizeidepartement der Stadt Zürich – ein Amt, das Bischoff auch gerne übernommen hätte. Politische Beobachter sind sich sicher, dass auch er die Wahl klar gewonnen hätte. Viel dazu beigetragen hätte sicher sein erfolgreiches Wirken als Präsident der Parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK) im Rahmen des Bestechungsskandals bei der Personalvorsorge des Kantons Zürich (BVK) – Bischoffs wichtigste und erfolgreichste Station in seinem politischen Schaffen. Zwischen 2010 und 2012 vertiefte er sich so stark in das Dossier, dass er sich von der städtischen Politik entfernte und deshalb auf die Stadtratskandidatur verzichtete.

Wolffs Wahl inspiriert ihn

Die Wahl Richard Wolffs in den Stadtrat hat Bischoffs Hoffnungen für die Regierungsratswahl gestärkt. «Richi hat immer an den Sieg geglaubt; diese Haltung nehme ich mir auch zu Herzen.» Bereits 2003 kandidierte Bischoff erfolglos für den Regierungsrat. Im Gegensatz zu damals sieht er sich jetzt besser aufgestellt – PUK-Präsidium sei Dank. Sein Bekanntheitsgrad ist dadurch deutlich gesteigert worden.

Seine Arbeit als Präsident dieser Untersuchungskommission wird von allen Parteien gelobt. «Das hat er gut gemacht», sagt FDP-Fraktionspräsident Thomas Vogel. Bischoff habe sich dafür richtiggehend verausgabt und die Rolle sehr gut gemeistert, meint auch Claudio Zanetti (SVP). Als PUK-Präsident habe er die Sitzungen effizient geleitet und eine hohe Dossierkompetenz bewiesen, sagen andere Ratskollegen. Seine Wahl zum PUK-Präsidenten bezeichnet Bischoff als glückliche Fügung. Ausschlaggebend waren aber sicher seine analytischen Fähigkeiten und sein juristischer Sachverstand. Bischoff weiss darum und lässt seine Überlegenheit ab und zu auch die Ratskollegen spüren. «Bischoff vermittelt manchmal den Eindruck, alles besser zu wissen. Das kann rasch etwas arrogant wirken», sagt Thomas Vogel. Der AL-Politiker ist aber ohne Zweifel einer der klügsten Köpfe im Kantonsparlament und einer der besten Redner. Politische Unterstützer, wie Philipp Gonon, Professor für Berufsbildung, loben seine nüchterne Art des Politisierens.

Als Regierungsrat möchte sich Bischoff für bezahlbare Wohnungen einsetzen. Aus seiner Sicht sollte der Kanton Zürich mehr unternehmen und bei Aufzonungen bis zu 60 Prozent des Mehrwerts abschöpfen. Das Geld würde Bischoff in den gemeinnützigen Wohnungsbau einsetzen. Er selber lebt in einem Einfamilienhaus in Höngg. Dieses habe er in den 90er-Jahren gekauft, als die Preise noch erschwinglich gewesen seien. AL-Politiker in Einfamilienhäusern sind wohl so selten wie weisse Amseln. Trotzdem hat sich Bischoff nie für sein Anwesen rechtfertigen müssen. Als Regierungsrat möchte er die flankierenden Massnahmen zur Personenfreizügigkeit forcieren. Vor allem das Lohndumping ärgert ihn. Der Kanton müsse eine aktivere Rolle spielen und vielleicht einmal die eine oder andere Baustelle schliessen. Spricht er von seiner Arbeit, ist Leidenschaft zu spüren. Einen der Fraumünsterposträuber zu verteidigen, sei juristisch nicht anspruchsvoll gewesen, aber ein «geiler Fall». Ein bewegender Moment war für Bischoff, als er im Horgener Zwillingsmordprozess den Kindsvater im Gefängnis besuchte. Glücksgefühle empfindet der Jurist, vor dem Bundesgericht im Stimmenverhältnis 3 zu 2 zu gewinnen, was ihm schon ein paar Mal geglückt ist. Der AL-Mann ist seit 1987 als Anwalt tätig. Er liebt seine Arbeit. Warum will er nicht Rechtsanwalt bleiben? «Die Arbeit eines Regierungsrats ist noch facettenreicher. Dort muss man sich ständig in neue Geschichten einarbeiten, was ich gerne mache.»

Mehr als ein Farbtupfer

Der unkonventionelle Bischoff wäre als Regierungsrat sicher mehr als ein Farbtupfer im gleichförmigen Gremium. Er hat als PUK-Präsident gezeigt, dass er fähig ist, Allianzen zu schmieden und weit ins rechte Lager hinein Respekt geniesst. Ein Manko ist, dass er als Politiker über keine Exekutiverfahrung verfügt. Zudem wäre er neben Mario Fehr (SP) ein weiteres Regierungsmitglied aus der Stadt Zürich. Dank seiner kritischen Haltung gegenüber staatlichen Institutionen, die im direkten Zusammenhang mit seiner politischen Vergangenheit steht, verbunden mit seinem Engagement für sozial Schwache, könnte er im Regierungsrat Brücken bauen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2015, 20:54 Uhr

Markus Bischoff

Rechtsanwalt

Markus Bischoff ist seit 2007 Kantonsrat und seit 2013 Präsident des Gewerkschaftsbundes des Kantons Zürich. Von 1991 bis 2001 sass er im Zürcher Gemeinderat. Bischoff ist im Kanton St. Gallen an der Grenze zum Thurgau in einer Posthalterfamilie aufgewachsen und studierte Jus an der Uni Zürich. Er ist als selbstständiger Anwalt tätig. Zusammen mit seiner Partnerin, mit der er nicht verheiratet ist, hat er zwei Töchter im Alter von 13 und 18 Jahren. Sie wohnen in einem Einfamilienhaus in Höngg. Einen Fernseher besitzt er nicht, Sport schaut sich der Fussballfan auf dem Laptop an. Bischoff ist ein Genussmensch, kocht und reist gerne, raucht Zigarre. Der Frühaufsteher lässt sich morgens um 5.50 Uhr mit klassischer Musik wecken und fährt jeden Tag Velo. (bg)

Sieben Fragen

Was denken Sie, wenn Sie eine Frau mit Burka sehen?

Schon wieder eine reiche Araberin. An der Schifflände, wo ich arbeite, begegnet man häufig solchen reichen Touristinnen.

Wann sind Sie geizig?

Ich bin so erzogen worden, dass man sich selber nichts leisten durfte, und musste mir den Geiz über die Jahre abgewöhnen, so dass ich mir auch selber etwas leiste. Ab und zu habe ich Rückfälle.

Geben Sie einer Bettlerin am Hauptbahnhof Zürich Geld?

Ich finde, dass wir in der Schweiz ein gut ausgebautes Sozialwesen haben. Geld gebe ich Strassenmusikern. Die bieten schliesslich auch etwas.

Sollen homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen?

Auf jeden Fall. Wichtig ist, dass ein Kind ein stabiles Verhältnis zu den Eltern aufbaut. Es ist dabei nicht von Bedeutung, ob dies ein Mann oder eine Frau ist.

Haben Sie eine Ferienwohnung – wenn Ja, wo?

Ich besitze keine Ferienwohnung.

Möchten Sie selbst bestimmen können, wann Sie sterben?

Ich hoffe, dass ich mir diese Frage nie selber stellen muss. Ich hoffe, dass ich an einem natürlichen Tod sterbe.

Wann haben Sie das letzte Mal gelogen und weshalb?

Das ist meine Privatsphäre, ich möchte mich bei dieser Frage nicht öffentlich outen. Am Gericht darf man auf jeden Fall nicht bewusst lügen. Ob Sie immer das glauben, was Sie sagen, ist eine andere Sache.(bg)

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