Der geplante Milliardenbau macht sie wütend

Die Zürcher Schriftstellerin Isolde Schaad ergreift das Wort gegen den Rosengartentunnel. Sie intervenierte sogar direkt bei der Regieurng.

Sie fürchtet ein anonymes und gentrifiziertes Wipkingen: Autorin Isolde Schaad. Foto: Urs Jaudas

Sie fürchtet ein anonymes und gentrifiziertes Wipkingen: Autorin Isolde Schaad. Foto: Urs Jaudas

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Wenn Isolde Schaad über Wipkingen spricht, gerät sie ins Schwärmen. Die Sommerabende am Röschibachplatz: «das pralle Leben». Ihre Spaziergänge an der Limmat: «Meine Inspiration und Psychohygiene.» Die Nachbarschaft: «Eine sehr an­genehme Mischung aus allen Schichten; man begrüsst sich auf der Strasse, hält einen Schwatz.» Dann dämpft sie bewusst: «Das Paradies ist es nicht, das nicht. Aber etwas Lebenswertes, das man erhalten möchte.»

Doch jetzt sieht die 75-Jährige ihr Quartier in Gefahr. Grund ist der Rosengartentunnel: «Man verspricht uns eine Idylle», sagt sie, «aber wir erhalten einen monströsen Moloch.» Das Projekt macht sie so wütend, dass sie einen Brief an FDP-Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh verfasst hat – davon später mehr.

Ein Wipkinger Urgestein

Isolde Schaad ist nicht irgend­jemand. Sie gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen in Zürich. Der Kanton zeichnete sie für ihr Schaffen mit der Goldenen Ehrenmedaille aus, die Stadt hat mehrere ihrer Werke ausgezeichnet. Schaad hat sich immer als gesellschaftskritische Autorin verstanden; die 68er-Jahre markierten nicht nur den Start ihrer Karriere, sondern haben sie auch geprägt. Dem Schreiben ist sie treu geblieben, im März erschien ihr neuestes Buch «Giacometti hinkt».

Sie wuchs in Schaffhausen auf, ist aber längst zu einem Wipkinger Urgestein geworden. Seit 40 Jahren lebt sie in einem Mehrfamilienhaus an der Scheffelstrasse. Sie war Mitbegründerin einer kleinen Baugenossenschaft, der nur dieses eine selbst verwaltete Doppelhaus gehört.

«Was die Regierung verspricht, ist Heuchelei. Das Quartier wächst nicht zusammen, es bleibt geteilt.»Isolde Schaad, Schriftstellerin

Jüngst habe sich Wipkingen sehr zum Positiven verändert, erzählt Schaad. Das Quartier sei trotz Rosengartenstrasse hip ­geworden, das Nordbrüggli, einst ein heruntergekommener «Spunten», sei heute ein Szenelokal.

Diese Entwicklung hat ein ­anderes, im Jahr 2001 vollendetes Grossbauwerk angestossen: Die Überdeckung des Bahneinschnitts. Viele im Quartier waren damals gegen das Projekt, auch Isolde Schaad gehörte zu ihnen. Von ihrem Wohnzimmerfenster blickte sie früher auf die Gleise: «Ich sagte immer etwas selbstherrlich, das ist mein Fjord.» Der Einschnitt war eine grüne Oase, an den grasbewachsenen Böschungen weideten Schafe. «Das fanden wir romantisch, der Lärm der Züge machte uns nichts aus.» Heute aber ist Schaad froh, dass die Gleise überdeckt sind.

Doch der Tunnel, der jetzt geplant ist, ist aus ihrer Sicht ein ganz anderer Fall: «Was die Regierung verspricht, ist Heuchelei. Das Quartier wächst nicht zusammen, es bleibt geteilt.» Anders als die Bahngleise verschwinde die Strasse nicht unter dem Boden. Die Schneise bleibe bestehen, in der Mitte der noch zweispurigen Strasse werde eine Tramlinie gebaut, «die wir Wipkinger gar nicht brauchen». Dafür würden Häuser abgerissen, Gärten umgepflügt und der Mitmach-Stall des Gemeinschaftszentrums Buchegg zerstört.

Sie sorgt sich um ihre Miete

Was Schaad aber noch mehr umtreibt: «Die Menschen, die heute an der Strasse wohnen, werden nichts vom Tunnel haben.» Schon heute sei in Wipkingen spürbar, was Soziologen und Stadtplaner Gentrifizierung nennen: Neue Mehrfamilienhäuser entstehen, nicht direkt an der Westtangente, aber etwas zurückversetzt, da, wo der Strassenlärm schon heute erträglich ist. Die Mieten steigen, das ­Quartier wird anonymer. Schaad macht das Angst, auch im Hinblick auf ihren Lebensabend, wie sie einräumt. Ihre Wohnung kann sie sich nur leisten, weil die Genossenschaft bloss eine Kostenmiete verlangt. «Jene Leute aber, die direkt an der Westtangente wohnen, müssen den ­Verkehrslärm ertragen – und werden dann vertrieben.»

Die Nachteile wären hinzunehmen, findet Schaad, wäre der Tunnel aus übergeordneter Sicht ein sinnvolles Projekt. Aber das Gegenteil sei der Fall. Er sei «ein Schlag ins Gesicht der Klima­jugend» und die Fortführung einer längst gescheiterten Verkehrspolitik der 70er-Jahre: «Wir kehren eine Altlast unter den Teppich, statt das Problem von Grund auf zu lösen, und ziehen Verkehr an, statt ihn zu reduzieren. Die Abgase der täglich 56'000 Autos verschwinden ja nicht, bloss weil der Verkehr unter dem Boden fliesst.» Während der Sanierung der Hardbrücke habe sich gezeigt, dass eine Spur pro Fahrtrichtung reiche.

«Jene Leute, die an der Westtangente wohnen, müssen den Lärm ertragen – und werden dann vertrieben.»Isolde Schaad, Schriftstellerin

Das alles ging ihr durch den Kopf, als sie im Sommer ihr Schreiben an die Volkswirtschaftsdirektorin verfasste. Aber nicht nur das. Schaad hatte erfahren, dass während der bis zu zehnjährigen Bauzeit die Rosengartenstrasse zeitweise gesperrt werde – und dass die Umleitung über die Scheffelstrasse erfolge, an ihrer Haustür vorbei. «Wissen Sie, was das heisst, verehrte Frau Walker Späh?», schrieb sie.

Acht Wochen später kam eine Antwort: Sie könne garantieren, schrieb die Regierungsrätin, «dass grösste Anstrengungen unternommen werden, Belastungen (während der Bauzeit) auf ein Minimum zu beschränken». Wie lang der Verkehr umgeleitet ­werde, sei noch nicht absehbar, die Scheffelstrasse sei aber nicht ­betroffen, sondern nur Höngger-, Damm- und Nordstrasse.

Für Isolde Schaad ist das ein schwacher Trost. Die Bauzeit sei für das Quartier so oder so eine Belastung, und das alles für ein Projekt, das den Anwohnern wenig bringe: «Als Eingesessene ­erhebe ich die Stimme dagegen.» Sie ist überzeugt, dass eine wachsende Zahl von Anwohnern ihre Ansicht teilt: «Wir müssen den Leuten auf dem Land klarmachen», sagt Schaad, «dass die Zeit des Individualverkehrs in der Stadt vorbei ist.» Sie hofft deshalb, dass sich auch andere Bewohner ihres Hauses in den nächsten Wochen gegen den Tunnel engagieren.

Erstellt: 05.01.2020, 21:13 Uhr

Ja oder Nein zum Tunnel? Das Quartier ist zerrissen

Die Quartiervereine hätten sich «mehrheitlich positiv» zum Rosengartentunnel geäussert – so steht es in der Weisung des Regierungsrats zum 1,1 Milliarden Franken teuren Bauprojekt. Davon ist derzeit nicht viel zu spüren. Abgesehen von Politikern wie FDP-Kreisparteipräsidentin Martina Zürcher und SP-Kantonsrat Benedikt Gschwind, engagiert sich kaum jemand aus dem Quartier öffentlich für den Tunnel.

Beni Weder, Präsident des Quartiervereins Wipkingen, bestätigt diesen Eindruck auf Anfrage: «Die Stimmen gegen den Tunnel sind lauter.» Wie die Stimmung in der Bevölkerung von Wipkingen wirklich sei, könne er aber nicht abschätzen, in persönlichen Gesprächen höre er auch Zustimmung.

Der Quartierverein selbst mische sich nicht in den Abstimmungskampf ein, sagt Weder: «Wir sind politisch neutral.» Der Verein begrüsse es aber ausdrücklich, dass sich das Volk an der Urne äussern könne. Vier von fünf Quartierbewohnern sind laut Weder der Meinung, es brauche eine Veränderung an der Rosengartenstrasse. Das habe eine Umfrage schon vor drei Jahren gezeigt. Nur: Wie diese Veränderungen aussehen sollen, darüber gehen die Meinungen auseinander. (leu)

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