Interview

«Der heutige Soldat hört Lady Gaga»

Graham O. Jones ist künstlerischer Leiter des heute beginnenden Zürich Tattoo. Er weiss, wie Militärmusik wirkt: Früher genügte es, auf den Trommler zu schiessen, um eine Truppe zu demoralisieren.

Der Anlass kann kommen: Graham O. Jones in der Arena vor dem Oerliker Schulhaus Liguster.

Der Anlass kann kommen: Graham O. Jones in der Arena vor dem Oerliker Schulhaus Liguster. Bild: Reto Oeschger

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Zürcher denken beim Begriff Tattoo an verzierte Haut. Erhellen Sie uns!
Tattoo kommt vom Holländischen «Tap toe» und meint: Schliesst den Bierhahn. Zapfenstreich, wenn Sie so wollen. Früher ging ein Trommler durch die Gassen und gab den Wirten so das Signal, ihre Schenken zu schliessen, damit die Soldaten in die Kaserne zurückkehren konnten. Ein sehr unpopulärer Job.

Das hat funktioniert?
Manchmal kehrte der arme Trommler nicht zurück.

Wann kam der Dudelsack ins Spiel?
Andere Länder, andere Instrumente. In Schottland ists eben der Dudelsack. Und da Edinburgh das grösste Tattoo hat, denken jetzt alle: Wir müssen auch Dudelsäcke haben!

Was macht die Schotten stolzer: der Sieg bei Wimbledon oder doch das weltberühmte Edinburgh-Tattoo?
(lacht) Vielleicht bekommt Andy Murray einen Auftritt beim Tattoo. Ich erinnere mich an Sean Connery, der mal kam. Das war lustig. Nach der Show tranken wir gemütlich ein paar Bier zusammen.

Mit welchem Fuss beginnt man zu marschieren?
Mit dem linken Fuss. Immer. Überall auf der Welt: links, rechts, links, rechts.

Weshalb?
Ganz einfach: Noten liest man von links nach rechts. Der Takt beginnt links.

Musik ist etwas Schönes. Sie waren im Golfkrieg. Hören Sie Militärmusik heute anders?
Historisch gesehen ist Militärmusik Volksmusik. Traditionelle Lieder, zu denen Soldaten mitsingen können. Das inspiriert zu kämpfen, verleiht Mut und schweisst zusammen. Auf dem Schlachtfeld war immer eine Band zugegen, die patriotische Songs spielte. Gabs Verletzte, verarzteten die Musiker die Wunden. Erst wenns richtig schlimm wurde, griffen sie selbst zu den Waffen.

Also musste man auf den Trommler zielen, um die Moral zu senken.
Genau. Im Übrigen wurde Musik auch eingesetzt, um den Feind einzuschüchtern. So ging psychologische Kriegsführung im 19. Jahrhundert.

Was hören Soldaten, die heute in den Krieg ziehen? Dubstep, Rap?
Eine spannende Frage: Was ist Militärmusik heute? Für mich ein Erbe unserer Geschichte. Bei Paraden, etwa beim traditionellen «Trooping the Colour» in London, inspiriert sie Soldaten zu Höchstleistungen. Im Krieg hingegen tragen Soldaten heute iPods und hören vielleicht Lady Gaga. Ich denke nicht, dass Militärmusik da mithalten kann oder sollte. In Afghanistan mag eine Armee-Rockband toll sein, zu Hause hört man lieber den echten Star in der grossen Halle neben der Kaserne.

Sie dirigierten das berühmte Tattoo in Edinburgh. Nun leisten Sie Aufbauarbeit in Zürich. Weshalb?
Ich mag Herausforderungen. Edinburgh ist eine, weil das Tattoo in die ganze Welt übertragen wird. Als Zürich mich kontaktierte, fragte ich: «Was habt Ihr denn?» No, no, Graham, antworteten sie, ich hätte freie Hand. Eine leere Leinwand. Ich sagte sofort zu.

Wie sieht die fertige Leinwand aus?
Spektakulär, anders. Das Zürich Tattoo muss zur eigenen Marke werden.

Basel hat ein Tattoo, Zürich nun auch. Die beiden Städte mögen sich nicht so. Wie schlichten Sie?
Manchester und Liverpool, ich weiss. Vor ein paar Tagen traf ich Erik Julliard vom Basel Tattoo, ein guter Freund. Rivalität spüre ich nicht. Im Gegenteil: Ich bin gespannt auf die Show in Basel. Und Erik freut sich auf das Zürich Tattoo.

Erstellt: 09.07.2013, 10:08 Uhr

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