Der längste Stolperstein

Die Anwohner der Birmensdorferstrasse leiden seit vier Jahren unter der «ewigen Baustelle». Wegen Bauarbeiten müssen nicht nur Gehbehinderte einen Hindernisparcours oder lange Umwege in Kauf nehmen.

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Die Birmensdorferstrasse im Zürcher Kreis 3 ist derzeit kaum wiederzuerkennen. Autos werden über verengte Fahrbahnen geschleust, einzelne Spuren sind gesperrt, im Strassenbelag klaffen tiefe Löcher, überall sind Bauarbeiter mit schweren Maschinen am Werk. Ein Gewirr aus rotweissen Bauzäunen spannt sich netzartig über den ganzen Strassenabschnitt.

Am härtesten trifft die derzeitige Baustellensituation gehbehinderte Fussgänger. Sie müssen nicht nur mit weniger Trottoirplatz auskommen, weil die Fläche temporär der Fahrbahn zugeschanzt wird. Wer auf die andere Strassenseite will, muss auch Höhenunterschiede von gut 30 Zentimetern überwinden – und das gleich an mehreren Stellen. Immer wieder sieht man Mütter, die ihre Kinderwagen beim Passieren der Birmensdorferstrasse mühselig mal hoch- und dann wieder runterhieven.

Für Betagte «ein Riesenstress»

Für ältere Menschen, die auf Gehhilfen angewiesen sind, wird der Weg über die stark befahrene Einfallsachse fast ganz unmöglich. Das ist auch Sandra Volz aufgefallen, die im nahe gelegenen Altersheim Burstwiese arbeitet. «Es fehlt vielen die Kraft, mit einem Rollator auf die Tramhaltestelle hoch zu gelangen. Sie sind darauf angewiesen, dass man ihnen dabei hilft», sagt sie gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Hinzu kommt, dass die beiden Haltestellen Heuried und Talwiesenstrasse derzeit an einem provisorischen Standort zusammengelegt wurden, damit die Bauarbeiten an den eigentlichen Standorten weitergeführt und die Haltestellen behindertengerecht ausgebaut werden können.

Obwohl dies langfristig eine Verbesserung für die betagten Seniorinnen und Senioren bedeutet, bedeute die momentane Situation «einen Riesenstress» für sie, so Volz. «Viele sind nicht mehr fit genug, um beispielsweise die Strecke bis zum Goldbrunnenplatz zu Fuss zurückzulegen. Sie haben dafür jeweils das Tram benutzt. Jetzt müssen sie ein Taxi rufen, wenn sie wegwollen. Das schränkt sehr ein.»

Gemäss Daniela Tobler, Mediensprecherin der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ), sollten die Arbeiten an den Haltestellen bis Mitte Oktober abgeschlossen sein. «Es lässt sich aber leider nicht vermeiden, dass es zu Unannehmlichkeiten für die Verkehrsteilnehmenden kommen kann.» Dies sei insbesondere dort der Fall, wo die erhöhten Haltekanten für einen leichteren Einstieg in die Niederflurtrams gebaut werden. «Hier lässt sich keine befriedigende Lösung finden, die sicher wäre und gleichzeitig den Verkehrsfluss nicht stören würde», so Tobler. Diese Bauphasen seien jedoch in der Regel innerhalb von zwei Wochen abgeschlossen.

«Es ist an der Zeit, dass das aufhört»

Zwar sind zumindest bei den VBZ in diesem Jahr keine weiteren Veränderungen an der Birmensdorferstrasse vorgesehen. Die Bauarbeiten sind aber insgesamt noch längst nicht abgeschlossen – und das zehrt an der Substanz der Anwohner. Sie haben genug von der «ewigen Baustelle», sagt Ernst Hänzi, Präsident des Quartiervereins Wiedikon. Allenthalben höre er den Satz, es sei langsam an der Zeit, dass das aufhöre. «Die Leute im Quartier sind am Limit.»

Das ist kaum verwunderlich. Seit rund vier Jahren wird an der Birmensdorferstrasse gebaut. Kaum waren die Arbeiten im unteren Strassenabschnitt bei der Schmiede Wiedikon und an der Stadtgrenze endlich abgeschlossen, ging es im August vor zwei Jahren auf der Strecke zwischen Triemli und Goldbrunnenplatz los. Bis Ende Jahr sind zumindest die Erneuerungsarbeiten an der Kanalisation auf diesem Abschnitt abgeschlossen. Die etappenweisen Gleisbauarbeiten ab Triemli sowie die Neugestaltung des Strassenraums dauern aber gemäss Tiefbauamt noch bis Sommer 2015 an. Dann wird zugunsten einer Baumreihe stadtauswärts eine Fahrspur aufgehoben und die Velofahrer bekommen mehr Platz.

Problematische Absperrung vor der Migros

Nicht immer lief seit Baustart alles reibungslos. Mitte August blieb ein Auto kurz nach der Haltestelle Talwiesenstrasse in den Geleisen stecken, nächtliche Bauarbeiten an den Tramgeleisen brachten die Anwohner im Juni um den Schlaf, und als vor rund einem Jahr das Verkehrsregime beim Goldbrunnenplatz umgekrempelt wurde, sorgte das sowohl bei den Automobilisten als auch bei den Fussgängern für Verwirrung.

«Bauen ist nun mal nicht mit Bequemlichkeiten verbunden», sagt Hänzi dazu. Ein Regimewechsel im Stadtverkehr habe zudem immer eine gewisse Verunsicherung zur Folge. «Da kann man Tafeln aufstellen, so viel man will: Für Gewohnheitstiere sind solche Umstellungen schwierig.»

Nichtsdestotrotz seien vor allem die Gleiserneuerungsarbeiten vor der Migros-Filiale an der Birmensdorferstrasse problematisch gewesen. «Sie dauerten von Freitagnacht bis Montagmorgen. In dieser Zeit war der Strassenabschnitt vor dem Laden komplett gesperrt. Das kam bei den Anwohnern nicht gut an.»

Zwei Gleiserneuerungen innert dreier Jahre

Ärgerlich war für Hänzi auch der Umstand, dass auf der Birmensdorferstrasse erst im Juli 2011 umfassende Gleiserneuerungsarbeiten zwischen den Haltestellen Talwiesenstrasse und Schaufelbergstrasse abgeschlossen wurden.

Die Gleise aus den Jahren 1967 und 1969 mussten dringend ersetzt werden, erklärte VBZ-Sprecher Andreas Uhl damals das Vorgehen. Andere Massnahmen kamen zum damaligen Zeitpunkt aus Sicherheitsgründen nicht mehr infrage. Für Hänzi «schlicht ein dummer Planungsfehler». «Wir konnten nicht verstehen, weshalb man diese Gleiserneuerungen und die Sanierung der Strasse nicht gleichzeitig durchführen konnte.»

Hänzi hofft nun, dass mit den neu installierten Kanalisationsanlagen im Untergrund künftig weniger Bauarbeiten an der Oberfläche nötig sein werden. «Wir freuen uns auf den Moment, wo alles wieder einfacher wird. Schlussendlich kommt das alles der Bevölkerung zugute.»

Erstellt: 23.09.2014, 09:35 Uhr

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