Der lange Vorlauf zum Marathon

Wenn heute 8000 Sportler zum 11. Anlass in Zürich starten, endet für die Macher eine intensive Vorbereitung.

Viermal überqueren die Läuferinnen und Läufer die Quaibrücke: Der Zürichmarathon bei der Ausgabe 2011. (Foto: Nicola Pitaro)

Viermal überqueren die Läuferinnen und Läufer die Quaibrücke: Der Zürichmarathon bei der Ausgabe 2011. (Foto: Nicola Pitaro)

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Bruno Lafranchi blickt auf sein Handy. 33 neue E-Mails zeigt es ihm an. 90 Minuten mit dem Journalisten haben gereicht, dass sich der Chef des Zürich Marathon schon wieder arg in Rückstand befindet. Zusammen mit seinen OK-Kollegen gilt es schliesslich nicht nur 1500 Helfer auf die 11. Ausgabe von heute Sonntag vorzubereiten, sondern auch ideale Bedingungen für die 8600 Angemeldeten zu schaffen. 3000 von ihnen nehmen über die 42,195 km teil.

Marathonläufer sind anspruchsvolle Klienten. Das weiss keiner besser als Lafranchi, der den Schweizer Rekord über die Prestigedistanz mit 2:11:12 Stunden viele Jahre hielt und sich die drahtige Figur des Läufers auch mit seinen 57 Jahren erhalten hat – obschon die Waden immer wieder zwicken und er oft aufs Rennrad ausweicht.

Weggeworfene Portemonnaies

In seiner Funktion ist der Zürcher nicht nur für das Sponsoring, das Budget oder die OK-Führung zuständig. Er ist auch die erste Anlaufstelle für Feedbacks aller Art. Sie sind meist kritischer Natur. Vor allem das Startgeld von 90 Franken, 130 wer sich erst in den letzten Wochen vor dem Anmeldeschluss zur Teilnahme entscheidet, führt regelmässig zu E-Mails oder Anrufen von Verärgerten. In den guten Momenten versucht Lafranchi zu erklären, dass er sich wie jeder andere Laufveranstalter mit einem solchen Rennen keineswegs eine Villa am Zürichberg kaufen kann, sondern zusammen mit anderen Aufgaben rund um den Laufsport den Lohn für sich, eine Angestellte und zwei Praktikanten aufbringt. In schlechten Momenten kann er auch einmal unwirsch reagieren. Er wurde nicht als Diplomat geboren.

Aber eine solche Grossveranstaltung rund um das Seebecken ist nun einmal eine Herausforderung. Gerade in Bereichen, welche nur allzu menschlich sind und doch meist ausgeblendet werden. Beispielsweise der WC-Gang kurz vor dem Start. Wenn also viele Tausend Läuferinnen und Läufer noch einmal müssen. «Im Prinzip hat man immer zu wenige Toiletten bereit», sagt Lafranchi. 50 Häuschen stehen am Startgelände beim Mythenquai für das finale Erleichtern bereit – sowie 45 sogenannte Pisssäulen (für die Männer). Weil das Angebot viel Anstehzeit bedingt, wählt vor allem der Läufer gerne die Abkürzung zum nächsten Busch oder zur erstbesten Hausecke. Der Ärger der Anwohner bekommt dann Lafranchi zu spüren. Er versteht ihn und fühlt sich doch auch machtlos, weil er findet: «Selbst wenn ich 500 WCs aufstellen würde, könnte ich dieses Problem nicht befriedigend beheben, würde aber ein neues schaffen: Wer hätte da noch den Überblick, welche Toilette frei ist?»

Die grössten Marathons wie New York mit ihren über 40'000 Teilnehmern kämpfen in diesem sensitiven Bereich auf noch verlorenerem Posten. Viele der Teilnehmer benutzen darum ihre Kleider keineswegs nur, um den Körper vor dem Start warm zu halten. Zumindest diese Form des Urinierens findet in Zürich kaum statt. Gerade aber die weggeworfenen Trainerhosen, Jacken oder T-Shirts haben es in sich.

Bruno Lafranchi

«Selbst wenn ich 500 WCs aufstellen würde, könnte ich das Problem nicht beheben.»

«Wer sie kurz nach dem Start wegwirft, wird sie kaum mehr brauchen», sagten sich Lafranchi und Helfer beim ersten Marathon vor zehn Jahren. Also sammelten sie die Kleider ein und wollten sie Texaid übergeben. Plötzlich klingelte im Haufen ein Handy. Beim genaueren Betrachten der Ware kamen weitere Handys, aber auch Portemonnaies zum Vorschein – und Anfragen nach dem Lauf, wo man denn die eigene Lieblingslederjacke nun aufbewahrt habe. Seither werden alle Utensilien gesammelt und zum Kleiderdepot gebracht. Wer seine (Wert-)Sachen nicht innerhalb des Tages abholt, muss sein Glück im Fundbüro suchen.

Lafranchi schmunzelt, wenn er diese Episoden erzählt. Und doch staunt er immer wieder einmal über das Gebaren des einen oder anderen Teilnehmers, der sich in den eigenen vier Wänden kaum derart forsch verhalten würde. Dabei ist der Organisationsaufwand oft gar nicht zu erkennen, weil vieles im Hintergrund abläuft.

Beispielsweise das Vorbereiten der 14 Güterwagen nahe der Landiwiese, welche als Kleiderdepots fungieren. Von Geisterhand gelangen sie nicht an den Start. Die Post bringt die Wagen zum Vorstadtbahnhof ausserhalb der Stadt, wo sie die Organisatoren heute bereit machen und dann an den Zielort verschieben. Dafür muss Lafranchi bei den SBB einen Slot mieten, weil auf der dicht befahrenen Achse von Zürich nach Landquart schliesslich nicht einfach irgendwann am Tag 14 solcher Güterwagen an ihren Bestimmungsort ruckeln sollten.

Die heiklen 30 Minuten danach

Gerade diese Kleiderdepots sind Quell von möglichem Ärger: 250 Säcke passen in einen Wagen, zwei Helfer verstauen sie pro Einheit. Ist das Wetter schlecht, folgt vor allem nach dem 10-km-Rennen der Ansturm. Dann wollen innert 30 Minuten ganz viele ihre Sachen abholen und geraten in der Nässe und der Müdigkeit rasch einmal in Wallung, wenn die Helfer den Überblick verlieren. Sie so gut wie möglich zu instruieren – nur ja kein Chaos beim Sammeln verursachen! –, ist darum unerlässlich für den entsprechenden OK-Zuständigen.

Für Lafranchi ist der lange Anlauf zum Marathon mit dem Startschuss beendet und die Sorge, was bei einem Veranstaltungsausfall passierte, praktisch vorbei. Versichern kann er das Rennen nämlich nicht: Es käme ihm schlicht zu teuer zu stehen. Darum bildet er Rücklagen, um bei einem allfälligen GAU die Teilnehmer wenigstens mit einem Gratis-Start bei der nächsten Austragung befriedigen zu können. Auf dem Rennrad denkt er mögliche Schreckensszenarien jeweils durch und wie er sich wohl verhalten würde. Dann aber sagt er sich meist: «Bruno, du kannst nicht alle Möglichkeiten antizipieren, also hör auf, daran herumzustudieren. Es ist immer gut gekommen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.04.2013, 17:55 Uhr

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