Der lange Weg in die Schweiz

Syrien ist eines der Länder, aus denen am häufigsten minderjährige Flüchtlinge in die Schweiz kommen. Drei Jugendliche erzählen von ihrer Flucht.

Mit dem Bus Richtung Westen: Syrische Flüchtlinge an der Grenze zur Türkei. Foto: Sedat Suna (Keystone)

Mit dem Bus Richtung Westen: Syrische Flüchtlinge an der Grenze zur Türkei. Foto: Sedat Suna (Keystone)

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Amina*
Endlich mit dem Ehemann vereint

Irgendwann im Frühling 2014, so sicher weiss sie das nicht mehr, kam Amina in die Schweiz. Die Syrerin, 1997 geboren, perfekt frisiertes Haar, lackierte Fingernägel, geschminkte Augen, spricht ein leises Hochdeutsch. Nüchtern erzählt sie von ihrer Flucht in die Schweiz, als wäre es irgendeine Geschichte – und nicht ihre eigene.

Ihr Heimatdorf in Syrien liegt nahe an der Grenze zur Türkei. Zu Fuss brauchte sie 30 Minuten ins Nachbarland, als sie im September, Oktober 2013 aufbrach, ihre Heimat zu verlassen. Ob für immer, weiss sie nicht. Sie zuckt mit den Schultern. Wenigstens so lange, wie der Krieg dauert.

Einen Monat blieb sie mit ihrem ­Verlobten und ihrer zukünftigen Schwiegermutter in der Türkei. Dort heiratete Amina, ohne dass ihre Eltern dabei sein konnten. Sie wird traurig, wenn sie von der Hochzeit erzählt. Ihr Mann und sie unterschrieben ein Papier, das war es. Der Verzicht auf eine richtige Feier, wie sie ihre Freundinnen in Syrien hatten, fiel ihr schwer.

Auf einem kleinen Boot fuhren sie zu neunt in Richtung Griechenland. Dann setzte der Motor aus, zwei Stunden blieben sie auf dem Meer, ohne vorwärtszukommen. Das Kleinkind, das dabei war, wimmerte. Griechische Polizisten kamen schliesslich zu Hilfe, brachten sie auf eine griechische Insel. Auf einem Passagierschiff fuhren sie weiter nach Athen. Von dort flog Amina allein nach Zürich. Ihr Mann, jetzt 28-jährig, blieb in Griechenland und kam mit seiner Mutter nach – drei Monate später, versteckt auf einem Lastwagen.

In Zürich gelandet, weinte Amina und wusste nicht, was sie nun tun sollte. Sie wurde von einem Polizisten aufgegabelt, er fragte sie: «Asyl?» Sie nickte, verstand die anderen Worte nicht, die er sprach. Sie war froh, kümmerte man sich um sie. Die Polizistin, die dazukam, sah den Ehering an Aminas Finger und erfuhr, dass sie erst 17 war. Sie verdrehte die Augen, zeigte Amina den Vogel. Amina fürchtete sich vor der Polizistin. Für 15 Tage blieb sie mit anderen Flüchtlingen in einer Unterkunft am Flughafen. Dann reiste sie weiter nach Affoltern am Albis in das Zentrum Lilienberg, ein Jugendasylheim für unbegleitete minderjährige Asylsuchende. Dort erkannte Amina ein Mädchen wieder: Es kam aus dem gleichen syrischen Dorf wie sie, entfernt sind sie miteinander verwandt. Amina freute sich, ein bekanntes Gesicht zu sehen, ihre Sprache sprechen zu können.

Als Aminas Ehemann endlich in der Schweiz ankam, wurde er in ein Durchgangszentrum für erwachsene Asylsuchende gebracht. Für kurze Zeit lebte Amina ebenfalls dort, sie hatte Sehnsucht nach ihm. Seit letzten Sommer wohnen sie und die Schwiegermutter in einer kleinen Wohnung in einer Gemeinde am Zürichsee. Endlich ist Amina mit ihrem Mann vereint, darauf hat sie lange gewartet. Sie mag den See, in dem sie diesen Sommer wieder schwimmen möchte. Bis vor zwei Monaten wollte sie noch Kinder haben, jetzt fühlt sie sich nicht mehr bereit. Zu viele Sorgen, zu vieles ungewiss. Ihr Mann ist krank, drei Wochen lag er im Spital, weil ihm eine schwere Krankheit diagnostiziert wurde. Man hat ihn operiert, jetzt ist er in Therapie. Die Chancen stünden gut, sagt Amina. Trotzdem ist ihr Mann in ein seelisches Loch gefallen. Er leidet, fühlt sich nutzlos, will endlich eigenes Geld verdienen. Amina leidet still mit.

Jeden Nachmittag besucht sie in Zürich einen Deutschkurs. Die Schule findet sie besser als in Syrien. Und sie weiss: Wenn man gut ist, kann man in der Schweiz etwas erreichen. Vielleicht wird sie Coiffeuse. Ihren Traum, Polizistin zu sein, hat sie aufgegeben. Sie glaubt nicht, dass sie das schaffen könnte.

Seit eineinhalb Jahren hat Amina ihre Familie nicht mehr gesehen und nur über Skype und Viber mit ihr gesprochen. Sie darf die Schweiz nicht verlassen. Ihre Mutter wieder einmal umarmen – das wünscht sie sich mehr als alles andere.

Amir*
Den «Scheiss-IS» vergessen

Amir, ein wortkarger, verlegen wirkender Junge, ist vor etwas mehr als einem Jahr aus der Türkei nach Zürich geflogen. Sein Onkel, der hier schon seit 20 Jahren lebt, hatte ihm ein Visum organisiert, damit er in die Schweiz reisen konnte. Von Syrien in die Türkei war auch er zu Fuss gelangt.

Anfang 2014 in Zürich gelandet, kam er für zwei Wochen provisorisch bei seinem Onkel im Thurgau unter. Es gab wenig Platz, ausser dem Onkel und der Tante lebten da noch vier Kinder. Amir zog in das Zentrum Lilienberg in Affoltern am Albis, wo er acht Monate wohnte und die heiminterne Schule besuchte. Zusammen mit den anderen Flüchtlingen lernte er Deutsch, bekam Unterricht in Mathematik, Sport, Werken und Kochen.

Amir ist 17 Jahre alt. Vor zwei Monaten verliess er den Lilienberg: Der Aufenthalt im Zentrum für unbegleitete Minderjährige ist zeitlich begrenzt. Jetzt lebt er in einer Wohnung in der Stadt Zürich. Jeden Morgen besucht er einen Deutschkurs der Migros-Klubschule. Zwei- bis dreimal in der Woche fährt er mit dem Tram nach Seebach in den Fitnessraum, stemmt zwei Stunden lang Gewichte. Er will fit sein, stark werden. An den freien Nachmittagen erledigt er seine Hausaufgaben, an den Wochenenden besucht er seine Verwandten, die in der Schweiz leben, isst bei ihnen, macht Spaziergänge. Mit ihnen spricht er selten darüber, was in Syrien passiert. Er will den «Scheiss-IS» vergessen. Es ist das erste und letzte Mal, dass Amir in diesem Gespräch deutlich wird, seine Scheu scheint für einen kurzen Moment verflogen. Dann senkt sich sein Blick wieder. Auch die Tanten, Onkel, Cou­sins; sie alle wollen vergessen.

Im Sommer wird Amir das 10. Schuljahr beginnen. Es soll dabei helfen, eine Schnupperlehre, vielleicht sogar eine Lehrstelle zu bekommen. Er weiss noch nicht so genau, in welchem Beruf er arbeiten möchte. Vielleicht irgendwo in einem Büro, aber sicher in Zürich. Zürich sei cool, findet er. Notfalls würde er auch in einer Küche Teller waschen. Was er sicher will, ist möglichst bald sein eigenes Geld verdienen, eine Wohnung haben und seine Eltern in die Schweiz holen. Er befürchtet, dass der IS ihnen etwas antun könnte. Und er wünscht sich, dass sein jüngerer Bruder, der zurzeit im Zentrum Lilienberg lebt, bald zu ihm ziehen kann.

Sinan*
Der Traum von Kurdistan

Sinan spricht gut Deutsch, ist vielleicht auch deswegen selbstbewusster als sein Cousin Amir. Es fällt ihm leichter, von sich zu berichten, auch wenn er lieber über das Hier und Jetzt redet als von der Zeit seiner Flucht.

Der 18-Jährige ist im Dezember 2012 aus seiner Heimat geflohen. An den besagten Tag erinnert er sich nicht mehr, er sagt lediglich: «Es war nicht gut.» Ihm ist wichtig, dass die Menschen erfahren, dass in Syrien die Dinge falsch laufen. Gegangen ist er, weil ihn seine Mutter dazu drängte, sie ihm etwas Besseres für die Zukunft wünschte. Das Ziel war Sinan von Anfang an klar: Er wollte zu ­seinen beiden älteren Schwestern in die Schweiz, die bereits seit mehreren Jahren hier wohnen. Sinan wusste, dass es hier keinen Krieg gibt, dass man sicher ist, keine Angst haben muss. Dass man hier die Schule besuchen kann. In seiner Heimat ist die Lehrerin manchmal einfach nicht aufgetaucht, immer wieder blieben die Tore der Schule verschlossen. Kurz vor Sinans Abreise wurden Teile des Schulgebäudes zerstört, und wo es noch intakt war, hatte sich das Militär einquartiert.

Mit Nachbarn gelangte Sinan zu Fuss in die Türkei, drei Tage waren sie unterwegs. Dann fuhr er von dort teilweise per Autostopp, teilweise versteckt auf einem Lastwagen in die Schweiz. Manchmal waren andere Flüchtlinge bei ihm, manchmal war er auf sich allein gestellt. Er weiss nicht, wie lange seine Reise in die Schweiz dauerte, ein paar Tage vielleicht, die Zeit war unwichtig.

Seit einem Jahr wohnt Sinan in einer Asylunterkunft in der Nähe von Zürich und besucht in Winterthur das 10. Schuljahr. Er spielt gerne Fussball, ist seit kurzem Mitglied der A-Junioren des lokalen FC. Seine Augen funkeln, wenn er über Fussball redet. Die Teamkollegen seien alle sehr nett, versichert er. Ins Trainingslager nach Spanien kann er allerdings nicht mit: Weil er bloss über eine vorläufige Aufnahme verfügt, darf er die Schweiz nicht verlassen. Er ist aber nicht verärgert, zumindest lässt er sich das nicht anmerken. Ist halt so, scheint sein Achselzucken zu bedeuten.

Vergangenen Sommer hat Sinan zur Probe in einer Restaurantküche einen Tag lang Teller gewaschen, dann durfte er dort eine Woche arbeiten. Am liebsten will er nach dem Brückenjahr eine Automechanikerlehre machen. Er hat sich aber noch nicht beworben und möchte zuerst im Beruf schnuppern.

Alle vier Monate telefoniert er mit seiner Mutter. Auch er will sie in die Schweiz holen und für sie Geld verdienen. Solange der Krieg andauert, möchte er hier bleiben. Er glaubt fest daran, dass der irgendwann vorbei ist, auch wenn es noch lange geht. Danach will er mit seiner ganzen Familie zurück, aber nicht nach Syrien. Als Kurde sei er dort ein Ausländer, dauernd gebe es mit den Arabern Probleme. Sinan träumt vom Land Kurdistan.

* Alle Namen von der Redaktion geändert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2015, 23:53 Uhr

Die Zahlen

Mehr jugendliche Flüchtlinge ohne Begleitung

Am Freitag hat der Bundesrat beschlossen, in den nächsten drei Jahren 3000 schutzbedürftige syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Zu den besonders gefährdeten Flüchtlingen gehören neben Kranken, Kriegsversehrten und Frauen auch Kinder.

Gemäss der Statistik des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements, Stand Februar 2015, haben im letzten Jahr 794 unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA) ein Gesuch eingereicht; das sind 3,3 Prozent aller Asylsuchenden. Im Jahr davor waren es 338 jugendliche Flüchtlinge (1,6 Prozent). Syrische Minderjährige (44 Gesuche) stellten nach solchen aus Eritrea (521), Afghanistan (52) und Somalia (50) die viertgrösste Gruppe. Die Jugendlichen nennt man unbegleitet, wenn sie ohne ihre Eltern oder eine andere sorgeberechtigte Person in die Schweiz eingereist sind. Zum Zeitpunkt der Gesucheingabe waren knapp 86 Prozent zwischen 15 und 18 Jahre alt.

Laut der Zentralstelle Mineurs Non Accompagnés des Kantons Zürich gibt es für Zürich im Jahr 2014 noch keine ­abschliessenden Zahlen zu den anwesenden UMA. Über das ganze Jahr gesehen wurden 350 Kinder und Jugendliche von den Behörden betreut: Dies entspreche einem Anstieg von rund 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch im Kanton Zürich stammt die mit Abstand grösste Gruppe der Kinder und Jugendlichen aus Eritrea, gefolgt von Afghanistan, ­Syrien und Somalia. Aufgrund der Situation in den Herkunftsländern und der Fluchtgeschichten erhalte der überwiegende Teil ein Aufenthaltsrecht, wie die Zentralstelle schreibt. Im Jahr 2014 sei es zu einer spürbaren Zunahme von Kindern unter 15 Jahren gekommen.

Recht auf Bildung

Léa Wertheimer, Mediensprecherin des Staatssekretariats für Migration (SEM), sagt, dass die Gesuche von UMA prioritär behandelt würden. Wie aussichtsreich die Chancen seien, lasse sich nicht generell sagen. Die meisten Eritreer und Syrer würden aber vorläufig aufgenommen. Das heisst, dass sie kein Asyl er­halten, aber für unbestimmte Zeit in der Schweiz bleiben dürfen, weil die ­Rückführung in ihre Heimat als unzumutbar gilt. 2014 betraf das 446 von insgesamt 780 Jugendlichen, deren Gesuche in diesem Jahr abgeschlossen wurden. 109 Asylgesuche wurden angenommen, 157 abgelehnt. 44 Jugendliche haben ihr Gesuch zurückgezogen, 11 sind unter­getaucht. Jedem UMA werde vom Kanton eine Vertrauensperson zugewiesen, erklärt Wertheimer. Die Minderjährigen hätten zudem Anrecht auf Schulbildung und Animation.

(Tages-Anzeiger)

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