Der letzte Schirmmacher hört auf

Die Tage von Le Parapluie sind gezählt. Mit Zürichs letztem Schirmhändler verschwindet Ende April ein weiteres Fachgeschäft am Rennweg.

«Stil war, wenn bei einer Frau Schuhe, Tasche, Hut und Schirm zusammenpassten»: Franz Jezerniczky in seiner Werkstatt.

Reto Oeschger

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Der Schirm ist das überflüssigste Accessoire, das es gibt. Mehr noch, er ist ein Ärgernis. Im Tram vergisst man ihn, aufs Velo passt er nicht, und wenn man ihn braucht, dann liegt er zu Hause, wo er nichts nützt. Zur Hölle also mit dem Schirm.

Wer so denkt, kennt Franz Jezerniczky nicht. Er ist 68 und Inhaber von Le Parapluie, dem Fachgeschäft für Schirme, Knirpse und Stöcke am Rennweg 2. Jezerniczky hätte gerne noch zwei oder drei Jahre weitergearbeitet, doch daraus wird nichts. Das Haus, wo sich seit 1885 das Schirmgeschäft mit dazugehöriger Werkstatt befindet, ist verkauft worden. «Die neue Miete hätte ich nicht bezahlen können», sagt Jezerniczky.

Deshalb ist Le Parapluie nur noch bis 24. April offen. Dann gehen in Zürichs letztem Schirmgeschäft definitiv die Lichter aus wie zuvor bei Ditting, Chäs Hebeisen, Fritsch Sport, dem Eisenwarenladen Byland. Die Vielfalt am Rennweg wird weiter schrumpfen. Als Nachfolger von Jezerniczky zieht Modissa ein.

Kundschaft aus halb Europa

Von aussen deutet nichts auf die bevorstehende Schliessung hin. Im Innern sieht der Laden aber schon ziemlich ausgeräumt aus. Trotzdem klingelt die Türglocke ununterbrochen. Jezerniczky hat alle Hände voll zu tun, nicht nur Stammkunden wollen bedient sein. «Das Geschäft ist immer schon gut gelaufen», sagt er. Die Kundschaft sei aus halb Europa gekommen – hauptsächlich aus Deutschland und Österreich, präzisiert er. «Kürzlich hat ein Ehepaar aus Wien zwei Schirme zur Reparatur gebracht. Eine andere Adresse kennen sie nicht mehr.» Deshalb steht Jezerniczky tagsüber im Laden und am Abend in der Werkstatt. Diesen Stress will sich heute kaum mehr einer antun. «Ich habe zwar einen Sohn und eine Tochter», sagt er. «Beide arbeiten auf der Bank und interessieren sich nicht fürs Geschäft.»

Für Jezerniczky jedoch war Le Parapluie Lebensinhalt und Leidenschaft. Als er vor 26 Jahren den Betrieb von seinem Vorgänger übernahm, gab es in Zürich noch 38 Schirmgeschäfte. Seither hat eines nach dem andern zugemacht. Auch der Laden am Rennweg war einst vornehmer. Doch von der Eleganz, die dieses Geschäft mit den elfenbeinfarbenen Gestellen früher ausgestrahlt hat, ist nur wenig übrig geblieben. Von der Decke funkelt einsam ein Kristallleuchter aus Österreich.

Die wirklichen Kostbarkeiten bleiben unsichtbar. Jezerniczky zieht eine der unzähligen Schubladen heraus, da liegen alle möglichen Griffe, reines Kunsthandwerk, geschnitzt in Form von Enten- oder Hundeköpfen, fein ziselierte Silberknaufe und solche aus Meissener Porzellan. Der Fachmann kommt ins Schwärmen, zeigt einen Stock, der sich in einen Schirm verwandeln lässt, zückt wie in einem Bond-Film ein Florett aus einem andern Stock, zieht Bücher aus dem Gestell über die Geschichte von Schirmen und Stöcken, während eine Kundin wissen will, wie sie einen Schirm entsorgen kann.

Einen Schirm fürs Leben

Jezerniczky stammt aus dem Burgenland, Österreichs kleinstem und lange auch ärmsten Bundesland. Seit 1958 lebt er in Zürich. Der gelernte Schlosser lernte sein Metier von der Pike auf in der Schirmfabrik Schindler an der Tödistrasse. Vor 26 Jahren übernahm er zusammen mit seiner Frau das Geschäft am Rennweg. Er erlebte noch die letzte Blütezeit der Schirmindustrie, aber auch deren Niedergang. Heute wird das Geschäft von Billig-Knirpsen aus China dominiert. «Früher hat eine Frau Stil bewiesen, wenn sie darauf geachtet hat, dass Schuhe, Tasche, Schirm und Hut zusammenpassen», sagt Jezerniczky. Vom Griff über den Stoff bis zur Schirmspitze ist deshalb alles eigenhändig ausgesucht worden. «Ein solcher Kauf dauerte nicht fünf Minuten, sondern zwei bis drei Stunden und hielt zwanzig Jahre.»

Tempi passati. Vor elf Jahren ist die Frau gestorben, jetzt verschwindet der Laden. Franz Jezerniczky wird wehmütig, wer kann es ihm verdenken. «Ich habe früher bis zu 10'000 Schirme pro Jahr repariert. Meine Kinder sagen, ich solle froh sein, aufhören zu können. Aber ich frage mich, was ich bloss mit all meiner Freizeit anfangen soll?» Wer noch einen richtigen Schirm fürs Leben kaufen will, darf nicht fragen, sondern muss jetzt zugreifen.

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Erstellt: 12.04.2010, 22:04 Uhr

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