Der letzte weisse Fleck auf Stadtgebiet

Das Zollfreilager in Albisrieden ist Niemandsland, da es weder zur Schweiz noch zum Ausland gehört. Wo heute gefeilscht und gestapelt wird, sollen bald 3000 Bewohner einziehen.

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Mitten in Albisrieden, zwischen der Siemens und dem VBZ-Depot Luggweg, befindet sich das rund 70 000 Quadratmeter umfassende Industrieareal. Backsteinbauten sind Zeugen vergangener Zeiten. Es ist das Grundstück der Zürcher Freilager AG. Zwei Drittel sind eingezäunt und gehören nicht zur Schweiz.

Das Zollfreilager gilt zollrechtlich als Ausland. Es wurde vor 81 Jahren auf Initiative der Handelskammer gegründet - und mit ihm seine Betreiberin, die Zürcher Freilager AG. Sie verfügt über eine Konzession der Bundesbehörden für die zollfreie Einlagerung von Gütern aus dem Ausland. In den Lagerhallen und Tresorräumen können Waren eingestellt, umgepackt oder präsentiert werden, ohne dass sie in die Schweiz eingeführt und somit verzollt werden müssen.

Rund 500 Menschen arbeiten im Zollfreilager. Weit weniger Kunden gehen täglich ein und aus. Ein Teppichhändler sitzt mit seinen Söhnen in seinem Lager und wartet auf die nächste Verabredung mit einem Kunden. Dieser kommt erst am Nachmittag. Es bleibt genügend Zeit für eine kleine Führung.

Dealen bei «coffee and cake»

Es riecht nach Staub, die schwere Luft und die hohen Teppichtürme erdrücken den Lagerraum beinah. Hier ein türkischer Teppich aus dem 19. Jahrhundert, da ein antiker, französischer Wandteppich: Die Sammlung ist riesig. Vor über 40 Jahren stieg er ins Geschäft ein - ins «Business», wie der gebürtige Libanese, der einen Mix aus Deutsch und Englisch spricht, sagt. 1965 verkaufte er in einem vier Quadratmeter kleinen Lokal in Beirut Teppiche. Dann kam er in die Schweiz, und seit 30 Jahren hat er eine Lagerhalle im Zollfreilager gemietet. Nun verhandelt der 62-Jährige hier täglich mit Kunden: «Ich habe schon Fixpreise, aber alle wollen dealen.» Damit der Deal zu Gunsten des Teppichhändlers ausgeht, hält er stets etwas Süsses bereit. Der Showroom ist zwar nicht besonders gemütlich, dennoch verkaufe es sich bei «coffee and cake» besser.

Auch Kollege Mischioff handelt mit Teppichen. Mischioff-Carpets hat seine Lagerhalle im dritten Stock des langen Backsteinbaus mit Parkett ausgelegt. Er empfängt seine Kunden an einer modernen Theke. Flyer weisen auf seine internationale Bekanntheit hin - Anfang September steht eine Messe in Paris an. Neben Teppichhändlern zählen vor allem Getränkeimporteure, Kunst- und Antiquitätenhändler sowie Museen zu den Kunden des Zollfreilagers.

Ein Raffael für 100 Millionen Dollar

Kaum eine Kellertür ist angeschrieben. Doch die dicken Tresorschlösser deuten auf den Wert der eingelagerten Ware hin. Gemäss Dieter Buob, der für die Liegenschaften in Albisrieden verantwortlich ist, habe sich auch schon ein Werk des italienischen Malers Raffael im Wert von über 100 Millionen Dollar in die Katakomben des Zollfreilager verirrt.

Weil die zollfreie Lagerung von Gütern im Zusammenhang mit neuen Zollverordnungen an Bedeutung verloren hat, wird das Zollfreilager nicht mehr so rege genutzt. Nur noch 30 Prozent des Niemandslandes werden effektiv als Lagerraum für zollfreie Güter vermietet. Seine Blüte erlebte das Zollfreilager in den 60er- und 70er-Jahren. Damals wurde es mit Mietanfragen überhäuft. Insbesondere Teppichhändler zeigten gemäss Buob grosses Interesse. Und der Handel mit Autos war damals ebenfalls sehr wichtig. Mit der Eröffnung des Zollfreilagers im Mai 1927 sollte der Transithandel über Zürich gefördert werden. Die Wirtschaftskrise in den 30er-Jahren und die protektionistische Wirtschaftspolitik anderer Staaten brachten den Schweizer Transithandel aber zwischenzeitlich fast zum Erliegen.

Was vom Zürcher Zollfreilager noch übrig geblieben ist, soll an den zweiten Standort der Freilager AG nach Embrach verlegt werden. So entsteht Platz für eine Wohnsiedlung für rund 3000 Menschen (siehe unten). Der Zaun soll fallen - aus dem Niemandsland soll Zürcher Boden werden.

Nur vereinzelt fahren Laster noch durchs Areal des Zollfreilagers. Der Teppichhändler arbeitet in den Hallen. Und im Bistro im einstigen Zollhaus herrscht wie beim Weinimporteur reges Treiben (im Uhrzeigersinn).

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.08.2008, 08:01 Uhr

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