Der nächste Umzug führt in die Rote Fabrik

Kostenlose Deutschkurse für Asylsuchende und Sans-Papiers finden neu in der Roten Fabrik statt. Die Autonome Schule wird von Kulturkreisen unterstützt.

Der Moderator vor der Tafel: Lehrer Saidou Bah unterrichtet Deutsch für Migranten an der Autonomen Schule Zürich.

Der Moderator vor der Tafel: Lehrer Saidou Bah unterrichtet Deutsch für Migranten an der Autonomen Schule Zürich. Bild: Doris Fanconi/WENN

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Die Reise geht weiter. Ab Montag finden die Deutschkurse der Autonomen Schule Zürich in der Roten Fabrik statt. Sie sind gratis und offen für alle. Besucht werden sie vor allem von Asylsuchenden im laufenden Verfahren und Sans-Papiers, respektive Illegalisierten, wie sie in der Autonomen Schule genannt werden; Menschen, die ohne geregelten Aufenthaltsstatus in der Schweiz leben, viele in Notunterkünften, wo sie mit 8.50-Franken-Migros-Gutscheinen pro Tag auskommen müssen.

Bis Anfang dieser Woche fanden die Deutschkurse in einem besetzten Gebäude im Kreis 3 statt. Jetzt wird dort gebaut. Die Autonome Schule zog sich freiwillig zurück; es war vereinbart, dass das Haus nur befristet genutzt werden darf. Über 100 Menschen trafen sich dort dreimal pro Woche; Frauen und Männer zwischen 20 und 50 Jahren aus unterschiedlichsten Erdteilen und kulturellen Milieus. Der Ortswechsel in die Rote Fabrik wird sie nicht hindern, die Kurse zu besuchen; in den letzten Monaten hat sich eine motivierte, optimistische Stimmung verfestigt – trotz vieler Umzüge: Vor der Station im Kreis 3 war die Schule unter anderem im Theaterhaus Gessnerallee; Schlagzeilen gemacht hat sie im Januar, als der besetzte Schulpavillon neben dem Bad Allenmoos polizeilich geräumt wurde.

20 Freiwillige unterrichten

Letzten Juni gegründet, will der Verein «Bildung für alle» in der Autonomen Schule Menschen Zugang zu Bildung ermöglichen, die aufgrund ihres Aufenthaltsstatus vom Bildungs- und Sozialsystem sowie vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind. Am meisten Teilnehmer ziehen die Deutschkurse an. Mittlerweile unterrichten 20 Personen freiwillig, darunter Schweizer, Sans-Papiers und anerkannte Flüchtlinge. «Was die Autonome Schule leistet, ist ein wichtiger Beitrag zum sozialen Miteinander in Zürich», sagt Kyros Kikos vom Konzeptbüro der Roten Fabrik, wo bis auf Weiteres gratis Räume für die Deutschkurse angeboten werden.

Die grosse Lust auf Grammatik

Schätzungen zufolge gibt es gegen 100'000 Papierlose in der Schweiz. «Wir haben Zeit, viel Zeit – aber sonst nicht viel», sagt der Äthiopier Berhanu, einer von ihnen. Seit zehn Jahren lebt er hier, derzeit in der Notunterkunft Kemptthal. Die Migros-Gutscheine, die er erhält, kann er nicht brauchen für den öffentlichen Verkehr. Er hat sein Ticket vom Verein «Bildung für alle», der Mittellosen aus Spendengeldern Fahrkarten zur Verfügung stellt. Zwei Tage unterrichtet er Deutsch, an einem Tag sitzt er selbst in der Bank. Was motiviert ihn? «Was ich habe und kann, kann mir niemand wegnehmen.» Ähnlich argumentiert eine Inderin, die seit achteinhalb Jahren in der Schweiz lebt und noch nie eine offizielle Deutschstunde besucht hat. Sie wolle lernen und habe Lust auf Grammatik, sagt sie. Die Kurse werden auf verschiedenen Niveaus angeboten. Eine Gruppe liest, eine andere spielt fiktive Vorstellungsgespräche nach: Wie heissen Sie, woher kommen Sie. Männer und Frauen aus Eritrea, Kurdistan, Uruguay, Tibet und aus dem Iran sitzen nebeneinander. Welten prallen aufeinander. Ein Wörterbuch liegt auf dem Tisch, jemand macht Notizen. Normaler Unterricht.

Was die Autonome Schule unterscheidet von herkömmlichen Bildungsinstitutionen: Sie will keine «hierarchischen Beziehungen» reproduzieren, wie es ein «Aktivist» ausdrückt, der aus Kolumbien kommt. «Wir verstehen Bildung als Wissensaustausch, als Emanzipationsprojekt.» Konkret: Statt «Lehrer» sagt man hier «Moderator», und jeder, der Lust hat, kann einen Workshop anbieten oder besuchen. Michael Schmitz, Historiker und Erwachsenenbildner, lehrt Deutsch und besucht im Gegenzug Capoeira-Kurse. Momentan ist nicht klar, wo der Kurs künftig stattfindet – aus Platzgründen kaum in der Roten Fabrik, ebenso wenig wie die Arabisch-, Yoga- und Computerkurse. Improvisation gehört zum Konzept des alternativen Bildungsangebots; seit dem erneuten Terrainverlust ist sie wieder akut gefragt. Ziel ist es, bald ein leerstehendes Haus zu finden, das sich als autonomes Schulhaus nutzen lässt.

Idee nicht verkulturalisieren

Bereits nach der Räumung in Oerlikon hatten Kulturinstitutionen Platz für Deutschkurse angeboten. Der Zürcher Autor Tim Zulauf, selbst Scharnier zwischen Autonomer Schule und Kulturkreisen: «Dass es Raumangebote gab und gibt, ist toll. Die Autonome Schule möchte ihr Angebot jedoch selbstbestimmt und in eigenen Räumen gestalten.» Zulauf engagiert sich seit einigen Wochen mit Theaterkursen und Filmprojekten an der Autonomen Schule. Mit zwei Videokameras dokumentieren Migranten ihren Alltag. Was daraus entsteht, ist noch unklar; im Juli zeigen Tim Zulauf, das «Kollektiv Bleiberecht» und der Verein «Bildung für alle» möglichst viele Beispiele solcher Lebensrealitäten in der Gessnerallee. «Ich versuche über kulturelle Kanäle zu veröffentlichen, was sich im Asylwesen ungesehen abspielt. Es besteht zu wenig Wissen darüber, das Thema wird verdrängt», begründet Zulauf sein Engagement. Warum bloss, könnte man fragen, kümmert sich ein Kulturschaffender nicht eher um andere marginalisierte Menschen, die konkrete Aussichten haben auf ein langfristiges Leben in der Schweiz? Es gehe ihm um grundsätzlichere Fragen, entgegnet Tim Zulauf: «Für welche Menschen Bewegungsspielraum und Entwicklungsmöglichkeiten dermassen eingegrenzt werden und warum.» Was radikal tönt, ist nicht allzu weit weg von der aktuellen gesellschaftspolitischen Debatte: Der Nationalrat forderte jüngst, dass Kinder von Sans-Papiers nach der Schule eine Lehre absolvieren dürfen.

Bisher agierte die Autonome Schule zurückhaltend mit medialen Inszenierungen, obwohl sich solche einfach realisieren liessen: Container aufstellen, darin Kurse abhalten und damit Asylsuchende und Sans-Papiers ausstellen. Tim Zulauf: «Eine spektakuläre Kunst-aktion birgt die Gefahr, die Idee ‹Bildung für alle› zu verkulturalisieren und damit zu verharmlosen.» Der Show-Effekt interessiere nicht, das Bildungsangebot solle langfristig wirken.

Nicht zuletzt dank dieser Haltung stösst die Autonome Schule in immer breiteren Kreisen auf Sympathie. Wie es weitergeht, ob und wann die Kurse in einem eigenen Schulhaus stattfinden werden, weiss niemand. Wohl aber wird sich die Bewegung weiterbewegen. In Bern und in der Ostschweiz gibt es ähnliche Angebote. Und Deutsch können noch lange nicht alle, die es möchten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2010, 20:19 Uhr

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