Der stählerne Gast geht wieder

Als Kunst wird der Hafenkran nicht in Erinnerung bleiben, aber als Reizobjekt, das in Zürich unerwartet heftige Reaktionen ausgelöst hat.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Limmatquai hat gestern der Abbau begonnen. In wenigen Tagen ist der Hafenkran auch in Zürich Geschichte, nachdem er es in Rostock, wo er ­herkommt, längst ist. Nur war er in der deutschen Hafenstadt bloss ein ein­facher Hochseekran, während er in Zürich, wo es keine Schiffe mehr zu beladen gibt, zum Kunstobjekt befördert wurde. Hat das etwas gebracht? Hat der Kran Zürich bereichert? Haben sich die 600'000 Franken gelohnt?

Den eigentlichen Zweck hat der Hafenkran nicht erfüllt. Er hätte eine städtebauliche Diskussion über den kleinen Freiraum am Limmatquai auslösen sollen, wo früher die Fleischhalle stand. So war der internationale Wettbewerb formuliert, den das Tiefbauamt 2008 lancierte und den das Zürcher Team «Zürich Transit Maritim» gewann. Doch nie animierte dieser Kran dazu, über Städtebau im Zentrum der Altstadt zu sprechen. In der öffentlichen Diskussion ging es immer nur um die Frage, ob das Kunst sei oder Schrott.

«Kreative Prozesse» oder «Schrotthaufen»

«Kunst im öffentlichen Raum weckt das Bewusstsein der Menschen für sich selbst und die eigene Stadt.» Sie fördere den Dialog und die «kreativen Prozesse» in der Bevölkerung und trage entscheidend zu einem weltoffenen Klima bei. Auch das hat die Stadt mit ihrem Kunstwettbewerb in Aussicht gestellt. Tatsächlich löste der Hafenkran in der Bevölkerung heftige Prozesse aus, die in sechs Jahren nie ermüdeten und deren Kreativität sich vorwiegend in ständig neuen Beschimpfungen des «Schrotthaufens» auslebte.

Der Hafenkran hat in der Öffentlichkeit keinen Dialog ausgelöst, in dem Menschen mit unterschiedlichen Meinungen einander zuhören und daraus etwas lernen. Vielleicht in Einzelfällen, doch die allermeisten Stimmen tönen nach der Aktion genau gleich wie in den Jahren zuvor. Die Kunstbeflissenen schwärmen von der fruchtbaren Verunsicherung und von der internationalen Begeisterung; die Krangegner starten ihre Litanei mit «Hafenkäs» und enden bei «Schande».

Bürgerlicher Wettkampf

Im Zürcher Gemeinderat wurde mindestens viermal über den Hafenkran gestritten – viermal eine Stunde, und jedes Mal gabs die genau gleichen Voten. Dass die SVP den Kran als Steuergeldverschleuderung instrumentalisierte, überraschte nicht. Versucht sie doch ständig, die Kulturausgaben zu minimieren. Von der FDP aber, einer Partei mit traditioneller Kulturnähe, hätte man mehr erwartet als die Teilnahme am bürgerlichen Wettkampf: Wer schmäht den Kran am schrillsten? Man darf den Hafenkran schlecht finden. Aber eine Partei, die intellektuell ernst genommen werden will, muss wenigstens erklären, warum das keine förderungswürdige Kunst ist und wie die öffentliche Hand mit Kunst im öffentlichen Raum umgehen soll.

Eine mögliche Antwort darauf lautet: sein lassen, Geld sparen. Schon das Projekt Nagelhaus am Escher-Wyss-Platz zeigte, dass es zeitgenössische Kunst, die als Intervention und Verfremdung auftritt, auch in der Kulturstadt Zürich schwerhat. 51,3 Prozent der Stimmenden sagten 2010 Nein zum 6-Millionen-Kredit. Ohne Zweifel hätte der Hafenkran, käme er vors Volk, noch schlechtere Werte. Wobei es einem der Hafenkran zusätzlich schwermachte, wurde er doch als «Kunst­projekt» angekündigt, dann aber von seinen Befürwortern nie als richtiges Kunstwerk in Schutz genommen, sondern als «Intervention» – was immer das auch ist. Die Künstler ­selber stellen zum Schluss in Abrede, Kunst geschaffen zu haben, sondern ein «kommunikatives Ereignis», zu dem selbst die Schmähungen gehören.

Offenbar fehlt bei sehr vielen Menschen nicht nur das Verständnis für solch kommunikative Ereignisse, sondern auch die Neugier darauf. Sie haben den Kran schon verdammt, kaum haben sie von ihm gehört. Es wird als Bevormundung erlebt, wenn der Stadtrat und seine Sachverständigen einen Occasionskran ans Limmatquai stellen und vom Volk dann einen kreativen Bewusstseins­prozess erwarten. Die Schmähungen des Hafenkrans waren immer auch Schmähungen der Obrigkeit – der Kran taugte dazu noch besser als ein Spurabbau am Utoquai oder eine Behörde wie jüngst die Kesb.

Überraschungen erwünscht

Und jetzt? Hafenkran weg – Schluss mit solchen Aktionen? Nein. Eine Stadt wie Zürich, Sitz vieler kreativer und ­lustiger Menschen, soll sich von Zeit zu Zeit eine Extravaganz leisten, eine Über­raschung für die anderen und auch für sich selbst. Das hat dieser Hafenkran reichlich geboten mit seinen Bezügen zur Meeresmolasse im Untergrund und zur Schifffahrt im alten Zürich. Er hat die Augen geschärft für die Hafenkräne dieser Welt, und er hat gezeigt, dass die Zürcher Altstadt eine Kraft hat, der auch ein stählerner Gast mit 90 Tonnen Gewicht nichts anhaben kann.

Neue Überraschungen sind erwünscht. Dafür müssen aber die Spielregeln geklärt werden. So wie beim Hafenkran geht es nicht: Die Stadt veranstaltet einen Wettbewerb, schliesst mit dem Sieger Werkverträge ab, worauf im Gemeinderat über Jahre versucht wird, das Projekt zu Fall zu bringen, nur weil man es «hässlich» findet. Stadt- und Gemeinderat sollen aushandeln, wie viel ihnen Kunst im öffentlichen Raum wert ist. Innerhalb dieses Budgets haben die Politiker dann nicht mehr dreinzureden. Sie dürfen den öffentlichen Raum ja regelmässig selber bespielen mit ihren Wahlplakaten, deren Aussagen oft so nebulös sind wie die des Hafenkrans.

Erstellt: 19.01.2015, 23:11 Uhr

Jetzt wird zerlegt

In zwei Wochen ist der Hafenkran weg

Gestern Morgen früh begann der Abbau des Rostocker Hafenkrans, der neun Monate lang am Limmatquai unterhalb des Rathauscafés stand. In zwei Wochen sei der 90 Tonnen schwere und über 30 Meter hohe Stahlkoloss weg, allenfalls schon früher, wenn das Wetter mitspiele, erklärte Projektleiter Rolf Kaspar. Er muss dafür sorgen, dass «der ganze Schrott im Brennofen landet». Einige Schrauben, Muttern und Tafeln wird er aber beiseitelegen. Auch das im Auftrag der Stadt. «Wir wollen diese später offiziellen Besuchern und Gästen unserer Stadt als Geschenk übergeben», sagte Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP), Vorsteher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements, der kurz nach 7 Uhr am Fuss des Hafenkrans eintraf. «Schliesslich ist der Hafenkran nun ein Teil unserer Kunstgeschichte.»

Leutenegger trägt es mit Fassung, dass das umstrittene Objekt wieder verschwindet. «Es war ein spannendes Projekt, und dieses Ende gehört mit dazu.» Vorläufig seien keine weiteren Kunstprojekte dieser Art im öffentlichen Raum geplant. «Solche Aktionen sind legitim. Aber wir haben andere Bereiche, in denen wir das Geld dringender benötigen.»

Ganz spurlos wird das Objekt nicht aus der Stadt Zürich verschwinden. «Den Haken wollen wir behalten und in irgendeiner Form einer öffentlichen Nutzung zuführen», sagte Jan Morgenthaler, der Mitinitiant des Projekts «Zürich Transit Maritim», zu dem der Hafenkran gehört. Konkrete Angaben zum Wo und Wie konnte Morgenthaler aber noch nicht machen. (tif)

Artikel zum Thema

Was das linke Zürich nicht begriffen hat

Glosse Die Lehre aus dem Gezerre um den Hafenkran am Limmatquai ist klar: Nie mehr Kunst aufstellen, ohne alle politischen Kräfte der Stadt einzubinden. Dafür gibt es sogar eine elegante Lösung. Mehr...

Nun lebt der Kran doch weiter

Manfred Hössli baut den Hafenkran im Massstab 1:20 nach. Im Gegensatz zum Zürcher Ausstellungsstück wird sein Modell funktionstüchtig sein. Mehr...

Was nun mit dem Hafenkran geschieht

Am 19. Januar gehört der Hafenkran am Limmatquai der Vergangenheit an. Die Abbauarbeiten werden rund 14 Tage dauern. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Klebriger Protest: Eine PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) Aktivistin protestiert im Vorfeld der Mailänder Fashion Week gegen die Lederindustrie indem sie sich mit schwarzem Schleim übergiesst. (18. Februar 2020)
(Bild: Flavio Lo Scalzo) Mehr...