Stadtentwicklung

Als Hans Widmer will er Zürich vor Bürohäusern retten

Der anonyme Autor P. M. prägt die Zürcher Wohnbaudebatte seit den 80er-Jahren mit. Nun lüftet er sein Pseudonym.

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Wer mit Hans Widmer durch Zürich-West spaziert, bekommt Abschätziges zu hören. So klingt die Enttäuschung eines Utopisten, der zusehen musste, wie seine Ideen unter Beton begraben wurden.

Widmer ist ein kleiner Mann, dessen freundliche Stimme die Schärfe des Gesagten tarnt. Lächelnd redet er alles nieder, was Zürich seit den 90er-Jahren ­errichtet hat. Der Turbinenplatz? «Eine Pseudotundra, viel zu gross.» Die Giessereihalle? «Überflüssig, eine Verhöhnung der Arbeiter, die hier ausgebeutet wurden.» Der Prime Tower? «Die provinzielle Parodie auf Manhattan. Immerhin gibts hier das tollste Fumoir.»

Zürich-West kranke am «Bedeutungsüberschuss», den all die Prestigebauten erzeugten. Leider hätten diese nicht die geringste internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Dafür verhinderten sie eine funktionierende Stadt. «Logisch, dass hier 30'000 Menschen arbeiten und nur 4000 wohnen.»

Hans Widmer kennt das Heilmittel: die Überbauung der wenigen noch verfügbaren Zürich-West-Areale mit «Nachbarschaften», Siedlungen, die nach seinen Vorstellungen funktionieren.

Selbstüberschätzung? Sie wäre verständlich. Kaum einer hat die Zürcher Wohnbaudebatten der letzten 30 Jahre mitgeprägt wie Widmer. Nur tat er dies inkognito. 1980 spaltete sich seine Identität. Unter dem Pseudonym P. M. schrieb er den Roman «Weltgeist Superstar». Was als Spielerei begann, wurde Programm. P. M. (so lauten die häufigsten Initialen im Telefonbuch) verfasste über 20 weitere Bücher, darunter die Gesellschaftsutopie «bolo’bolo».

Gleichzeitig arbeitete Widmer unscheinbar als Lehrer, brachte Gymnasiasten Englisch bei. Aussenstehende wussten über P. M. nicht mehr, als dass er zu dadaistischen Wortschöpfungen neigte und in alternativen Kreisen hohes Ansehen genoss.

Zwei Jahre nach der Pensionierung hat Widmer die Anonymität von P. M. nun gelichtet. «Mein neues Engagement erfordert, dass ich mit richtigem Namen hin stehe.» Gemässigt hat sich der 67-Jährige deshalb nicht. Vielleicht, spekulieren Freunde, hat der Schutzraum, den ein Pseudonym bietet, ihn gegen die Besänftigungen der Macht immunisiert.

Es begann mit Arbeitskämpfen

Hans Widmers Geschichte ist eng mit dem Kreis 5 verknüpft. 1967 zog er vom Thurgau ins Arbeiterquartier, um an der Uni Zürich zu studieren. Die Revolte, die in den Hörsälen zu brodeln begann, kümmerte ihn wenig. «Die Studenten hatten es gut, ich wollte mit dem Proletariat kämpfen.» Widmers Vater war Bähnler, die Mutter Schneiderin, seine Grosstante hatte in den Industriehallen von Zürich-West geschwitzt. In Gruppen links der SP setzte sich Widmer für die Escher-Wyss-Arbeiter ein.

Nach den Opernhaus-Krawallen rückten städtische Freiräume in den Fokus der Linken. Widmer gehörte zu den Aktivisten, die ein Haus am Stauffacher besetzten. «Eigentlich liegt mir Besetzen nicht. Ich will Festes schaffen.»

Wie dieses Feste aussehen müsste, beschrieb er 1983 im Buch «bolo’bolo». Der Begriff bezeichnet dicht gebaute, ­kooperative Nachbarschaften, wo bis zu 800 Menschen wohnen, arbeiten und ihren Alltag demokratisch regeln.

In «bolo’bolo» entwickelte Widmer jenen Denkstil, den er bis heute pflegt. Er knetete Ideen zu handfesten Lösungen, mischte Soziologie, Ökonomie, Philosophie mit Beton, entwarf Gedanken zum Drinwohnen. In der Wohnbewegung gewann er so rasch an Einfluss.

«P. M. war eine wichtige Figur», sagt Steff Fischer. Fischer gründete in den 80er-Jahren die alternative Genossenschaft Karthago mit, heute führt er eine Immobilienfirma. «P. M. schuf eine konkrete Utopie, die jenseits der ideologischen Grabenkämpfe funktionierte. Sein praktischer Ansatz war ein starker ­Motor für mich und viele andere.»

Auch Widmer begnügte sich nicht mit Schreiben. Als sich der Niedergang der Zürcher Industrie ankündigte, sah er die Chance, «bolos» auf den Ruinen der Kreis-5-Fabriken zu errichten.

Mit dem Architekten Andreas Hofer und dem Künstler Martin Blum entwarf er Arbeits- und Wohngebilde für das Escher-Wyss-Areal. 1993 gründeten sie den Verein Kraftwerk 1, bewarben ihr Projekt mit Aktionstagen, sprachen bei den SP-Stadträten Ursula Koch, Elmar Ledergerber und Josef Estermann vor. Alle hätten höflich zugehört. Passiert sei nichts. «Unsere Ideen perlten ab. Manchmal macht es mich verrückt, wie undurchlässig die Wirklichkeit ist.»

Auf den Escher-Wyss-Flop folgten weitere Enttäuschungen; man kann heute an ihnen entlangspazieren. P. M. und seine Mitstreiter bemühten sich um das Areal hinter dem Les Halles oder jenes westlich vom Toni-Areal, 12 000  Bewohner hätten im Zürich-West von Hofer, Blum und P. M. Platz gefunden. Sie trafen sich mit Eigentümern, erhielten positive Signale, vage Versprechungen. Am Schluss kam stets die Absage.

Nun ziehen Kräne Luxushotels und geräumige Eigentumswohnungen hoch. Widmer zeigt auf ein leeres Café im Sockel eines Neubaus. «Hier fehlt die Verankerung in einer lebendigen, dichten Stadt.» Bisher hat sich Zürich-West zum Gegenteil von dem entwickelt, wofür er seit 30 Jahren kämpft.

Das Stadion soll wegbleiben

Übrig geblieben ist das Hardturmareal. Zwei Fussballstadien sind gescheitert. Die alten Tribünen wurden abgerissen, seit fünf Jahren liegt das Areal brach. Der Verein Stadionbrache betreibt hier einen Urban Garden, eine grüne Idylle, wo Stadtkinder das Jäten lernen. «Die Stadt zahlt pro Jahr eine Million fürs Grundstück. Hier wachsen die teuersten Radieschen Zürichs.»

Auf der Brache keimt auch Widmers letzte Hoffnung. Nach dem Urnen-Nein vom Oktober sucht die Stadt nach Alternativprojekten. Widmer liefert ein solches, als Vorstandsmitglied der neuen Genossenschaft Nena 1. In ihr haben sich knapp 100 junge und ältere Alternative zusammengeschlossen. Trotz demokratischen Aufbaus bleibt P. M.s Einfluss spürbar. Die Nena-1-Pläne vereinen fast alle Theorien, die er in den letzten 30 Jahren skizziert hat.

«Multifunktionale Nachbarschaften» bilden laut Widmer den Schlüssel für ein zukunftstaugliches Leben. Sie sollen die Stadtzentren beleben, faire Arbeitsbedingungen garantieren, den Energieverbrauch drosseln, die Gesellschaft in eine «Postwachstumszeit» überführen.

Drei Nachbarschaften will Widmer aufs Hardturmareal stellen. In jedem der fünf- bis achtstöckigen Miniquartiere würden 350 bis 800 Menschen leben. Die Grundnahrungsmittel würden angeschlossene Bauernhöfe produzieren und exklusiv und ohne Zwischenhandel an die Genossenschafter liefern. «Das spart Energie und Geld», sagt Widmer. «So gelingt der Umstieg in die 2000-Watt-Gesellschaft ohne grossen Verzicht.»

Mit 20 bis 35 Quadratmetern pro Person bliebe die Wohnfläche im Vergleich zum heutigen Durchschnitt von 45 bescheiden. Dafür würden die Siedlungen «Mikrozentren» bieten mit Gemein­schafts­küche, Restaurant, Lebensmittelverarbeitung und Bibliotheken. Angegliedert wären Gewerbehäuser und Werkstätten, deren Mitarbeiter vor allem die Gebrauchsgüter der Nachbarschaften herstellen und reparieren würden. Das würde weite Wege überflüssig machen.

In Widmers Zukunft treten Velofahrer durch mittelalterlich dichte Städte, während sie übers Internet mit der Restwelt kommunizieren. Dank Banken- und Eurokrise erleben seine Entwürfe gerade internationalen Aufschwung. Deutsche Medien und chinesische Akademiker beschäftigten sich damit, die Schrift «Kraftwerk 1» von 1993 erscheint bald auf Französisch. Widmer spricht an der Architekturbiennale 2014 in Venedig.

Bürgerliche verurteilen Widmers Ideen gerne als kollektivistisch oder anti-grossstädtisch, obwohl Widmer ein Zürich mit 600'000 Einwohnern fordert.

Das Kraftwerk reicht nicht

Ein «bolo’bolo» light steht einige Meter neben dem Hardturm, die Siedlung Kraftwerk 1. Seit 2001 wohnen hier 250 Menschen (einer von ihnen ist Widmer), die drei Häuserblöcke bieten Arbeitsplätze für 90 Kleingewerbler.

Das Kraftwerk 1 ist ein Nebeneffekt der 90er-Jahre-Immobilien-Krise. Niemand wollte das Grundstück haben, als zu abgeschieden galt die Lage. Also verkaufte Oerlikon-Bührle an die unerfahrenen Genossenschaftler, obwohl die ­Finanzierung lange wackelte.

In der Brasserie Bernoulli, dem Café der Siedlung, bestellt Widmer ein Cola Light, äh natürlich ein Afri-Cola Light, fast alle Vorbeigehenden grüssen ihn mit Vornamen. «Unsere vergnügliche Insel» nennt Widmer das Kraftwerk.

Eine Neuerfindung des Zusammen­lebens streben hier nur noch wenige an. Die Bewohner haben sich gemütlich eingerichtet, viele Urmitglieder haben Kinder bekommen. Hans Widmer versuchte mehrmals, neue Ideen durchzubringen. So forderte er, dass das Ackerbaukollektiv Ortoloco die Gemüseversorgung aller Bewohner übernehmen sollte. Der Vorschlag scheiterte, demokratisch.

Das Kraftwerk ist nicht die einzige Zürcher Siedlung, bei deren Konzeption «bolo’bolo» mehr oder weniger stark als Vorbild diente. Ähnlich funktionieren die Genossenschaften Karthago, Dreieck oder Kalkbreite. Das Kraftwerk 1 hat an den Hönggerberg expandiert, in zwei Jahren wird ein Ableger in Dübendorf eröffnet, doppelt so gross wie das Original.

Widmer reicht das nicht. Er will das Hardturmareal. Die Chancen standen schon schlechter. Mit Richard Wolff sitzt ein Kraftwerk-Mitglied und langjähriger Freund Widmers im Stadtrat. Neo-Verkehrsminister Filippo Leutenegger protestierte einst mit ihm gegen AKW.

Doch die Hürde bleibt hoch. Laut Vertrag fällt das Hardturmgrundstück an die frühere Eigentümerin CS zurück, falls die Stadt dort kein Stadion baut. Kürzlich haben sechs private Investoren Stadionpläne eingereicht; Ende August beraten Stadt und CS, wie es weitergeht. «Man muss politischen Druck aufbauen, damit die CS auf das Grundstück verzichtet. Das haben die Besetzer auf dem Koch-Areal erreicht», sagt Widmer.

Er lehnt zurück, rückt den Cord­blazer zurecht. Mit der schwachen Durch­lässigkeit der Wirklichkeit hat sich Hans Widmer abgefunden. «Auch wenn Nena 1 nicht realisiert wird, die Ideen werden sich wie Samen verbreiten.»

Nach dem Hardturm will Widmer aufhören mit Ideensäen. Dafür plant er, mehr zu reisen. Gerade hat er die verwinkelte Altstadt von Fes besucht. «Dort gibt es alle 100 Meter einen Backofen, einen Brunnen, einen Hamam, fast das perfekte Nachbarschaftsmodell.» Oder das Gegenteil von Zürich-West.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.05.2014, 07:07 Uhr

Hans Widmer auf der Hardturmbrache: Noch lieber raucht er seine Zigarren im Fumoir des Prime Tower. Foto: Dieter Seeger

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