Der versteckte Zürcher Calatrava

Wer wissen will, wie eines der ersten Werke des Stararchitekten aussieht, muss am Stadelhofen in die Höhe schauen.

Der Balkon an der Stadelhoferstrasse, vom Meister selbst entworfen – wenngleich wohl nicht ganz alleine. Foto: Sabina Bobst

Der Balkon an der Stadelhoferstrasse, vom Meister selbst entworfen – wenngleich wohl nicht ganz alleine. Foto: Sabina Bobst

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An schönen Tagen steht ein kleines Tischchen dort, davor zwei grüne Stühle. Viel Platz hat es auf dem Minibalkon im ersten Obergeschoss, direkt über der Eingangstür zum Haus Stadelhoferstrasse 26, nicht. Die Metallkonstruktion befindet sich an einem stark frequentierten Ort, direkt beim Bahnhof Stadelhofen, wo täglich Hunderte von Pendlern vorbeikommen. Was wohl nur wenige von ihnen wissen: Bei dem Balkon an der Hausfassade handelt es sich um eines der allerersten Werke des heute weltberühmten spanisch-schweizerischen Architekten und Bauingenieurs Santiago Calatrava.

Mieter reagieren überrascht

Der mittlerweile 66-Jährige hat seine Karriere Anfang der 80er-Jahre in Zürich gestartet. Hier, am Parkring, unterhält Calatrava auch seit langem ein Architekturbüro. Der Balkon an der denkmalgeschützten städtischen Liegenschaft Baumwollhof an der Stadelhoferstrasse 26 zählt zu seinen Frühwerken: «The Baumwollhof Balcony was one of Calatrava’s early projects», heisst es auf der Website des Architekten.

Eine Angestellte der Chiropraxis, die im ersten Stock eingemietet ist, reagiert überrascht: «Ich wusste gar nicht, dass wir unsere Pausen jeweils auf einem so berühmten Balkon verbringen», sagt sie. Ihr gefalle Calatravas Formensprache wie etwa jene der Beton- und Stahlkonstruktion am Bahnhof Stadelhofen. Zu einem Fotosujet für Architekturfreunde sei der Balkon bisher noch nicht geworden, erklärt die Frau. Allerdings machten hin und wieder Stadtführungen vor dem geschichtsträchtigen Haus halt.

Der Balkon stammt aus dem Jahr 1983, wie es beim Stadtzürcher Hochbaudepartement heisst. Damals wurde der 1643 erbaute Baumwollhof zusammen mit dem benachbarten Sonnenhof komplett renoviert. 1976 hatten die Stimmberechtigten Ja gesagt zum Kauf der beiden historischen Stadelhofen-Liegenschaften durch die Stadt.

«Ein Gemeinschaftswerk»

Den Auftrag für den Umbau der beiden Häuser erteilte die Stadt 1982 den Zürcher Architekten René Haubensak und Lorenz Moser. «Dazu gehörte auch die Planung des Balkons», erzählt Haubensak. Für die Mitarbeit habe er den Architekten Peter Noser und, als Bauingenieur, den damals 31-jährigen Santiago Calatrava beigezogen.

«Calatrava war nicht der Einzige, der den Balkon entworfen hat», sagt der inzwischen 86-jährige Haubensak. Er selber und Noser seien ebenfalls am Entwurf beteiligt gewesen. «Es war ein Prozess, den wir miteinander entwickelten, eine Gemeinschaftsproduktion.» Zu dritt hätten sie damals auch einen Metallbauschlosser in dessen Werkstatt besucht und ihm dabei zugeschaut, wie er den Balkon formte. «Es wurde ein schönes Objekt, ich war sehr einverstanden», sagt Haubensak. An der historischen Fassade des Baumwollhofs bilde der Balkon einen «spannenden Kontrast».

Bemerkenswert sei, dass auch Architekt Noser den Balkon einmal als sein eigenes Werk tituliert habe, berichtet Haubensak weiter. «Der Balkon ist offenbar so gelungen, dass jeder der drei beteiligten Architekten ihn als seine Schöpfung betrachtet», sagt er und fügt halb im Scherz an: «Drei Köche verderben nicht immer den Brei.»

Allerdings: Auf der Calatrava-Website sucht man vergeblich nach einem Hinweis auf die beiden beteiligten Zürcher Architekten. Dass ihre Mitarbeit bei dem Frühwerk nicht erwähnt wird, nimmt Haubensak gelassen. «Ich finde es eher lustig.» Ein bisschen seltsam sei es aber schon, dass der berühmte Architekt das nötig habe. «Eine gewisse Egozentrik spielt da schon mit, aber ohne die wäre Calatrava wohl nicht das, was er heute ist», meint er.

Calatrava selber will sich trotz mehrmaliger Anfrage zu seinem Frühwerk und dessen Entstehung nicht mehr äussern. «Leider können wir Ihnen hierzu keine näheren Auskünfte geben. Vielen Dank für Ihr Verständnis», lässt das Management verlauten.

Projekte in der ganzen Welt

Über die Gründe des Schweigens des Vielbeschäftigten ist nichts zu erfahren. Ebenso wortkarg gibt sich Calatrava bei einem weiteren Frühwerk, einem Balkon an einer Villa in Witikon, den er in der SRF-Sendung «10 vor 10» im August kurz erwähnte. «Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass es sich bei dem Haus um ein privates Grundstück handelt, weshalb wir keine nähere Auskunft geben können», heisst es aus seinem Büro.

Santiago Calatrava gehört zu den bekanntesten und renommiertesten Architekten, sein Büro befasst sich mit Milliardenprojekten auf der ganzen Welt. Einen Namen gemacht hat er sich unter anderem mit Bauwerken wie dem von ihm entworfenen Stadtteil in Valencia, dem Olympia-Sportkomplex in Athen oder dem neuen Bahnhof am Ground Zero in New York. Derzeit plant er in Dubai das höchste Gebäude der Welt und am Themseufer in Ostlondon wiederum ein ganzes Stadtquartier.

In Zürich bekannt wurde er mit dem Bahnhof Stadelhofen und der Bibliothek des Rechtswissenschaftlichen Instituts der Uni. Derzeit plant er für die Versicherin Axa Winterthur am Stadelhofen ein weiteres Leuchtturm-Projekt: ein Schiff aus Stahl und Glas, welches das traditionsreiche Haus zum Falken mit dem Café Mandarin ersetzen soll.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.12.2017, 21:49 Uhr

Velostation und Denkmalschutz als Knackpunkte

Das Zürcher Stadtparlament soll noch vor den Wahlen über den Calatrava-Neubau am Stadelhofen entscheiden.

Der Versicherungskonzern Axa Winterthur plant, die Liegenschaft Haus zum Falken mit dem bekannten Café Mandarin durch ein Geschäftshaus der Superlative zu ersetzen. Verantwortlicher Architekt ist Santiago Calatrava. Er schlägt für das Areal direkt beim Bahnhof Stadelhofen einen Neubau mit Lamellen aus Glas und Stahl sowie einem grünen Dach vor, der die Formensprache des Bahnhofs aufnehmen soll. Über den vom Stadtrat im Juni abgesegneten Gestaltungsplan herrscht im Parlament allerdings keine Einstimmigkeit, wie Thomas Schwendener, Präsident der Hochbaukommission, sagt: «Ein Ja oder ein Nein hat sich bis zur letzten Sitzung noch nicht klar abgezeichnet.» Umstritten seien etwa die unterirdische Velo­station und die Frage des Denkmalschutzes.

Die Hochbaukommission will die Beratung des Geschäfts Mitte Januar abschliessen. Darauf soll der Gemeinderat über den Calatrava-Neubau entscheiden, und zwar noch vor den Stadtrats- und Gemeinderatswahlen vom 4. März, wie Schwendener sagt. Die Grundeigentümerin und Bauherrin Axa Winterthur will in den Prestigebau 46 Millionen Franken investieren. Weil auf dem Grundstück durch den Gestaltungsplan ein planerischer Mehrwert entsteht, hat die Stadt die Axa zu einer Ausgleichszahlung von 1,55 Millionen Franken verpflichtet. Mit dem Geld wird ein Teil der unterirdischen Velostation mit 1000 Plätzen finanziert. Kostenpunkt: 10 Millionen Franken.

Wann mit dem Bau begonnen wird, ist offen. «Ein konkretes Datum für den Baubeginn hängt vom politischen Prozess und den Genehmigungsverfahren ab», heisst es bei der Axa. Sobald der Gestaltungsplan rechtskräftig werde, wolle man die Baubewilligung und die Baufreigabe schnell vorantreiben und damit das neue Haus zum Falken «rasch realisieren». Der bei der Projektpräsentation 2016 angekündigte Baubeginn im Frühjahr 2018 scheint allerdings wenig realistisch. (mth)

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