Des Engels diabolische Robe

Jedes Gewand, das im Zürcher Opernhaus verkauft werde, habe eine Geschichte, sagt die Kostümdirektorin.

Leider unverkäuflich: In diesem schwarzen Kleid spielte Vesselina Kasarova den Part der Agrippina.

Leider unverkäuflich: In diesem schwarzen Kleid spielte Vesselina Kasarova den Part der Agrippina. Bild: Daniel Kellenberger

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Echt faszinierend, denkt man mitten im Gespräch. Eigentlich geht es ja bloss um Stoff. Meistens zwar um guten Stoff, das schon. Aber am Ende des Tages ist auch guter Stoff nicht mehr als Stoff, totes Material, basta. Und doch hat man den Eindruck, diese Frau Nicolai, die so leidenschaftlich schwärmt und mit den Armen fuchtelt, die referiere gerade über einen Jahrhundertroman und nicht über Stoff.

Diese Frau Nicolai, Vorname Dorothea, ist Kostümchefin im Opernhaus. «Und zwar mit Leib und Seele», wie sie betont, «anders ginge das gar nicht.» Konkret sieht das dann so aus, dass sie während des Interviews synchron auch noch Mails beantwortet und, als «verspätetes Frühstück», eine Banane verdrückt. Sie habe am Opernhaus gelernt, in Multitasking zu funktionieren, sagt die 48-Jährige und lacht.

Später, als sie im Gehen und Stehen ad hoc kleinere und mittlere «Brände» löschen muss und dabei auch mal eine ernstere Miene aufsetzt, ahnt man, dass der Grat zwischen Leidenschaft und Leiden wohl hin und wieder ziemlich schmal sein kann – auch wenn die gelernte Schneiderin, die sich an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg zur Kostümexpertin weiterbildete, dies bestimmt nie so formulieren würde.

Das lebende Lexikon

Nach Zürich gekommen ist Dorothea Nicolai im Jahr 2008. Seither hat sie nicht nur etliche Aufführungen begleitet, sie ist auch zum lebenden Lexikon geworden. Anders ausgedrückt: Was man schon immer über Opernkostüme wissen wollte, sie kennt die Antwort.

«Frau Nicolai, wie muss man Gewänder lagern, die vielleicht Jahre später mal wieder verwendet werden?» – «Ideal sind Räume, die eine Luftfeuchtigkeit von 60 Prozent und Temperaturen zwischen 14 und 18 Grad aufweisen.» – «Wissen sie auswendig, wie gross der aktuelle Kostümfundus des Opernhauses ist?» – «Wir haben 80 komplette Produktionen eingelagert, das heisst Kostüme, Schuhe, Accessoires, Requisiten, alles, vom Solisten bis zum Statisten. Das sind in etwa 10'000 Stück. Hinzu kommen nochmals 20'000 Einzelstücke.» – «Kann man beziffern, wie viel ein ausgefallenes Kostüm kostet, das speziell angefertigt werden muss?» – «Es gibt für jede Aufführung ein Kostümbudget. Dabei versuchen wir stets, die optimale Balance zwischen ökonomischen und kreativen Kriterien zu finden. Im Extremfall kann das bedeuten, dass die Anfertigung eines Kostüms eine ziemlich grosse Summe ausmacht, dass wir aber für dieselbe Produktion dann 30 andere Gewänder umsonst zur Verfügung haben.»

Dorothea Nicolai berichtet über spezielle Lieferanten von Karate- oder Kirchenkleidern, über die kindliche Freude von gestandenen Solistinnen, wenn sie eine neue Robe anprobieren dürfen, über die stets schöne Stimmung am Kostümverkauf, der heute Samstag zum vierten Mal durchgeführt wird. Bis schliesslich die gezielt provokative Frage im Raume steht, ob ein Operngewand denn nicht einfach ein gut designter und edel verarbeiteter Fetzen Stoff sei.

Kostümwechsel auf der Bühne

Jetzt reagiert die Kostümdirektorin mit einer Temperamentsverschärfung, die an den Galaauftritt einer Primadonna assoluta gemahnt. Beinahe berauscht spricht sie über die Vielfalt von Stoffen und Materialien, die – zu tragbaren Kunstwerken verarbeitet – richtiggehend beseelt würden . . . weshalb jedem Kostüm, egal ob «getrödelt», gemietet oder gestaltet, eine Geschichte innewohne. Dann sagt sie: «Kommen Sie mal mit, ich möchte Ihnen etwas zeigen.»

Wir gehen hinunter in die Schneiderei, wo Nicolai die Gewandmeisterin Jennifer Ambos hinzuholt. Kurz darauf stehen wir vor einer Pracht in Schwarz, die auf eine Büste gestülpt ist. Es ist ein Kleid, in dem der in Zollikon wohnhafte Weltstar Vesselina Kasarova, «ein wahrer Engel», wie Nicolai einwirft, 2009 den diabolischen Part der Agrippina in Händels Oper gab.

Neun Monate für Fertigstellung

In diesem Kleid, erklärt Jennifer Ambos, wurden unter anderem Tüll, Steifgaze, Marquisette und Crinolborte verarbeitet. Dabei seien vom ersten Entwurf bis zur Fertigstellung rund neun Monate vergangen. «Vorgesehen war, dass es lange Ärmel haben sollte. Bei der ersten Anprobe stellten wir jedoch fest, dass Frau Kasarova schöner aussieht, wenn die Ärmel weg sind, also haben wir das geändert.» Aussergewöhnlich war auch, dass die renommierte Mezzosopranistin das Kleid live auf der Bühne anzog, mithilfe dreier Tänzerinnen.

Als bräuchte das Ganze nun noch ein grosses Finale, steht plötzlich Marie-Jeanne Lecca im Raum, welche die Robe gezeichnet und entworfen hat. Auf die Frage, ob das famose Stück denn im heutigen Kostümverkauf erworben werden könne, muss Lecca laut lachen. «Oh nein, dieses Kleid ist unverkäuflich. Es wird demnächst in einer Bühnenkunstausstellung in Cardiff zu sehen sein.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.02.2011, 17:50 Uhr

Kostümverkauf im Opernhaus

Unikate für 100 bis 200 Franken

Der Kostümverkauf des Opernhauses findet heute Samstag zum vierten und vorläufig letzten Mal statt. Wie Kostümdirektorin Dorothea Nicolai betont, werde man ihn zwar auch künftig durchführen, allerdings in unregelmässigen Abständen. Neu dagegen wird man einen fixen Kostümverleih starten. Wenn alles nach Plan läuft, soll er bereits auf Beginn der nächsten Spielzeit im September eröffnet werden. Zu mieten gibt es eher alltagstaugliche Gewänder, Abendroben oder Anzüge aus dem Kostümfundus des Opernhauses.

Anders sieht die Kollektion aus, die man heute bestaunen und erwerben kann. Viele der 1000 Stücke sind ausgefallen und extravagant, «Unikate, die wir für eine bestimmte Produktion angefertigt haben und nicht mehr verwenden können», wie Nicolai erklärt. Die Palette reicht von Fantasiemodellen bis zu Chorkostümen, von Schuhen bis zu Masken, zudem werden erstmals auch Requisiten feilgeboten. Die Preisskala reicht von 5 bis 350 Franken, laut Nicolai sind die meisten Objekte aber für 100 bis 200 Franken zu haben.

Kostümverkauf im Opernhaus (Studiobühne, Eingang Bernhardtheater), heute, 10 bis 16 Uhr. Alles nur gegen Barzahlung.

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