Dicke Luft im Garten Eden

Im Zürcher Friesenberg ist es um ein Haar zur Revolte gegen den Abriss historischer Gartenstadt-Siedlungen gekommen.

Eine der Siedlungen, die der Verdichtung geopfert werden soll: Reihenhäuser Grossalbis im Friesenberg. Bild: Urs Jaudas

Eine der Siedlungen, die der Verdichtung geopfert werden soll: Reihenhäuser Grossalbis im Friesenberg. Bild: Urs Jaudas

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Verdichtung gegen Reihenhäuschen – im Friesenberg wird gerade heftig über die Zukunft der Stadt Zürich gestritten. Nicht bloss in Theorie, sondern sehr konkret, mit gegenseitigen Vorwürfen und einer Abstimmung zum Schluss. Es ist ein Testfall, der auch die Bewohner anderer Quartiere interessieren dürfte. Das Ergebnis: Die Befürworter der Verdichtung haben sich einmal mehr durchgesetzt, wenn auch nur relativ knapp.

Anlass war die Generalversammlung der Familienheim-Genossenschaft (FGZ), die so was wie eine Stadt in der Stadt ist. Über die Hälfte der rund 11’000 Friesenberg-Bewohner gehören dieser Genossenschaft an. Seit den Zwanzigerjahren realisierte diese zwei Dutzend Bauetappen, ein zusammenhängender Siedlungsteppich, der landesweit ohne Vergleich ist. Das Ideal, das alles zusammenhält, ist die Gartenstadt.

Dieses Ideal sehen viele der Bewohner in Gefahr. Denn der Zürcher Stadtrat hat vor, den Friesenberg baulich zu verdichten, dazu hat er mit der FGZ einen Masterplan entwickelt. Das Ziel: 500 bis 700 zusätzliche Wohnungen bis zum Jahr 2050, Ersatz von neun alten Bauetappen. An der Versammlung vom Montag, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, ging es um einen Rahmenvertrag zwischen Stadt und FGZ, der beide Seiten zur Umsetzung des Masterplans verpflichtet.

«Das ist ein Zeichen»

In einer konsultativen, also nicht bindenden Abstimmung gaben 57 Prozent an, dass es in ihrem Sinn wäre, wenn der FGZ-Vorstand diesen Vertrag unterzeichnet. Um ein Haar wäre dieses Votum aber verhindert worden, denn die Opposition, im Verein «Gartenstadt Friesenberg» organisiert, fand, dass die Zeit nicht reif ist für einen derart weitreichenden Entscheid. Sie beantragte deshalb, die Abstimmung zu verschieben – und 47,5 Prozent folgten ihr. «Wir sind stolz auf dieses gute Resultat», sagt Valesca Hüni-Neubauer vom Gartenstadt-Verein, «das ist ein Zeichen.» Falls das Verdikt repräsentativ ist, würde das heissen: Fast der halbe Friesenberg ist für einen Marschhalt.

Im Wesentlichen gab es dafür zwei Argumente. Das erste: Die Abstimmung sei die einzige Möglichkeit für einfache Genossenschafterinnen und Genossenschafter, sich zum Totalumbau ihres Quartiers zu äussern. Der Vertrag, um den es geht, sei ihnen aber zu kurzfristig zugestellt worden, um sich einen Überblick über die komplexe Planung zu verschaffen. Zudem sei ein wesentlicher Teil der Planung noch nicht einmal verfügbar: die Zonenänderungen, mit denen sich der Zürcher Gemeinderat erst nach den Sommerferien beschäftigt. Bei allem schwingt stets ein Misstrauen mit, dass die Stadt und der FGZ-Vorstand über die Köpfe der Betroffenen hinweg entscheiden.

Das zweite Argument für einen Marschhalt ist ein aufsehenerregendes Urteil von Mitte Januar. Damals teilte das Zürcher Verwaltungsgericht mit, dass die ersten beiden Bauetappen der FGZ aus der Zwischenkriegszeit «hochgradig schutzwürdig» seien. Es stoppte Stadt und FGZ-Vorstand, die die Häuser mit den üppigen Gärten abreissen wollen, um den Platz effizienter zu nutzen. Zudem argumentieren sie, dass eine Renovierung die Mietzinsen zu stark erhöhen würde. Der Rechtsstreit kommt jetzt vor Bundesgericht. Bis dieses entschieden hat, sollte man laut Gartenstadt-Verein zuwarten – und dann je nach Urteil Alternativen zum Masterplan erwägen.

Ein scharfer Brief an alle Haushalte

Diese Kritik hat im Vorfeld der Generalversammlung einen öffentlichen Schlagabtausch ausgelöst. FGZ-Präsidentin Karin Schulte schrieb in einem Brief an sämtliche Haushalte, der Gartenstadt-Verein verbreite Fehlinformationen. Der Entscheid über den Abriss einzelner Bauetappen liege auch in Zukunft bei der Generalversammlung, das sei in den Statuten festgehalten. Zudem mache der Masterplan, anders als vom Verein behauptet, keine verbindlichen Vorgaben zu Abriss und Neubau. Die Vereinsmitglieder konterten, indem sie auf ihrer Website den Wortlaut des Rahmenvertrags zitierten. Dort steht unter anderem, dass sich Stadtrat und FGZ-Vorstand «verpflichten», die Ziele der inneren Verdichtung «nach den Vorgaben des Masterplans umzusetzen». Dadurch, so die Schlussfolgerung, würden die bislang unverbindlichen Vorgaben des Masterplans zwingend. Und dieser beschreibe nicht nur, wie viele neuen Wohnungen zu bauen seien, sondern auch, wo genau dies zu geschehen habe.

Sind Reihenhäuser schon dicht genug?

Der Konflikt hat noch eine andere Ebene: Es geht um Einfluss in der Genossenschaft. Zwei der Vereinsmitglieder hatten sich zur Wahl in den Vorstand empfohlen, als Garanten für einen sorgsameren Umgang mit der Gartenstadt. Es gebe zwar auch im Friesenberg «Orte, die weniger gut funktionieren», namentlich solche jüngeren Baudatums. Die älteren Siedlungen aber solle man nicht «leichtfertig opfern». Die Reihenhäuser aus den Dreissigern etwa seien dichter besiedelt als manche Neubauten, und anders als diese seien sie nicht von gähnender Leere umgeben, sondern von belebten Aussenräumen und jahrzehntelang gewachsenen Ökosystemen.

FGZ-Präsidentin Schulte werte diese Propagandaoffensive als Verstoss gegen das Wahlprozedere. Dieses räume allen Kandidierenden die gleiche Möglichkeit ein, sich zu präsentieren, ein Wahlkampf sei nicht erwünscht. Und schon gar nicht, dass die Vorstandswahl «mit Sachthemen vermischt» werde. An der Generalversammlung setzten sich dann die offiziellen Kandidaten gegen jene des Gartenstadt-Vereins durch. Wie schon vor zwei Jahren, als Schulte selbst in einer Kampfwahl gegen einen wilden Kandidaten das Präsidium eroberte. Die Diskussion drehte sich damals just um jene zwei Bauetappen, die jetzt das Bundesgericht beschäftigen – wobei Schulte für einen Abriss einstand.

Aber auch die amtierende FGZ-Führung nimmt für sich in Anspruch, die Idee der Gartenstadt am Leben zu halten. Einfach in einer zeitgemässen Neuinterpretation. Wie eine solche aussehen kann, zeigt das Beispiel der vor einigen Jahren fertiggestellten Grünmatt, einer modernen Reihenhaussiedlung mit Vorgärten. An der Generalversammlung beteuerte Schulte, Siedlungen ähnlicher Art und Dichte seien auch unter den Vorgaben des Masterplans nicht ausgeschlossen. Zumindest das haben ihre Kritiker gern gehört.

Erstellt: 18.06.2019, 16:46 Uhr

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