Die 330-Watt-Person

Die Energiewende geht nicht so schnell, wie von vielen erhofft. Grund genug, einmal den eigenen Energieverbrauch genauer zu betrachten.

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Die Stadtzürcher sind vom ­erklärten Ziel einer 2000-Watt-Gesellschaft noch weit entfernt. Der Energieverbrauch liegt geschätzt bei über 6000 Watt pro Kopf, wie kürzlich veröffentlichte Zahlen des Gesundheits- und Umweltdepartements zeigen. Aus diesem Anlass versuche ich, einen Tag lang den Verbrauch in den eigenen vier Wänden zu messen. Dazu werden Modem, Lampen, Radio, Handy, Spielkonsole und andere Geräte an ein Strommessgerät gesteckt, die Werte notiert und berechnet.

Es beginnt klein beim Kaffee. Für eine Tasse zum Frühstück hat meine Kapselmaschine 0,01 Kilowattstunden gebraucht inklusive Aufheizen und Warten, bis sie zurück in den Stand-by-Modus schaltet. Die Einheit Kilowattstunde entspricht der Anzahl Watt in 1000, die ein Gerät in einer Stunde verbraucht.

Während des Frühstücks brennen auch Lichter. Im Gang, in der Küche, auf dem Nachttisch, später auch im Bad und im Wohnzimmer. Die grosse Überraschung bei der Beleuchtung liefert die Ständerlampe im Wohnzimmer. Die Messung ergab 185 Watt – und das im leicht gedimmten Zustand. Andere Lampen – im Gang, in der Küche oder im Schlafzimmer – haben zuvor 6,6 Watt oder 11,8 Watt ausgewiesen. Ein Messfehler? Nein, eine alte 200-Watt-Glühbirne ist der Grund für den Strom­verschleiss. Die anderen leuchten mit LED oder Stromsparlampen. Multipliziert man die Brenndauer der verschiedenen Lampen mit den gemessenen Watt, zeigt sich, dass die gesamte Beleuchtung bis am Ende des Tages 0,84 Kilowattstunden verbraucht. Die Ständerlampe im Wohnzimmer mit der alten Glühbirne frisst sogar fast 10 Prozent des gesamten gemessenen Verbrauchs.

Teures Pfünderli

Weiter verbraucht Kochen viel Energie. Die Spaghetti am Abend verschlingen rund 0,5 Kilowattstunden, obwohl ich nur eine Herdplatte brauche. Selber Brot backen, so denkt man, ist günstig, lecker und ökologisch. Doch das Backen eines 500-Gramm-Vollkornbrots verbraucht fast ein Fünftel des gemessenen Stromverbrauchs: 1,5 Kilowattstunden. Kosten zum EWZ-Normaltarif: rund 40 Rappen. Inklusive Zutaten ist der Brotpreis fast gleich hoch wie beim Detailhändler. Pfünderli backen lohnt sich also kaum. Selber kochen scheint für die Energiewende nicht förderlich, wenn man nur den eigenen Stromverbrauch betrachtet. Die Küche verschlingt auch sonst viel Strom. Der Kühlschrank: über 2 Kilowattstunden. Die Lampen und der Dampfabzug: 0,3 Kilowattstunden. Die Geschirrspülmaschine: 0,54 Kilowattstunden. Das kleine Radio: 0,15 Kilowattstunden, wobei die Stunde Musik nur 5 Prozent ausmacht. Den Rest verbraucht das Radio im Stand-by-Modus.

Allgemein belasten die Unterhaltungsgeräte den Stromzähler im Stand-by-Betrieb stark. 40 Prozent der gemessenen 1,09 Kilowattstunden für Musik, Handyaufladen, Fernsehen, Internet-Modem und so weiter verbrauche ich nicht aktiv. Die Energieberatungsstelle des EWZ meint, dass ich bis zu 100 Franken jährliche Stromkosten sparen könnte, indem ich die Geräte konsequent vom Stromnetz trenne, wenn ich sie nicht brauche.

Bis am Ende des Tages verbrauchen alle elektronischen Geräte zu Hause rund 8 Kilowattstunden, also 800 Kaffees, das entspricht etwa einer 330-Watt-Person – 8 Kilowattstunden geteilt durch 24 Stunden. Der vergleichbare nationale Durchschnitt lag 2013 bei 8,25 Kilowattstunden, also 25 Kaffees oder 14 Watt mehr pro Stunde. Doch der effektive Stromverbrauch ist noch viel höher. Denn Stromfresser wie Warmwasser und Heizung haben keine Steckdose und konnten nicht ­erfasst werden. Eine aktuelle Studie des ­Bundesamts für Energie zeigt, dass der private Stromverbrauch nur rund ein ­Viertel des gesamten Energieverbrauchs ausmacht.

Was bleibt von diesem Stromtag? Erstens die Aufgabe, dringend eine neue Glühbirne für die Wohnzimmerlampe zu besorgen. Zweitens die Erkenntnis, dass mein Stromverbrauch ein Stand-by-Problem hat. Drittens, die Ernüchterung, dass es äusserst schwierig ist, den eigenen Energieverbrauch zu messen.

Erstellt: 11.02.2015, 21:22 Uhr

Die Einheit Kilowattstunde entspricht der Anzahl Watt, die ein Gerät in einer Stunde verbraucht.

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So wurde gemessenVorgehen beim Selbstversuch

Die Werte für den Artikel wurden mithilfe eines Stromverbrauchmessgeräts erfasst. Dazu hat man die elektronischen Geräte angeschlossen und eine durchschnittliche Watt-Zahl ermittelt. Durch Multiplizieren mit der Betriebsdauer ergab sich die verbrauchte Energie in Kilowattstunden. Für Geräte, die keine Messung zuliessen, wurden die Herstellerinformationen oder Erfahrungswerte des EWZ beigezogen. Die Werte sind gerundet. Der Messtag war ein Werktag. Der Verbrauch im Büro zählt nicht zum privaten Haushalt. Der Artikel und die Grafik sind das Resultat eines Erfahrungs­berichts und haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. (pat)

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