Die Autorin, die ihre eigene Welt erfindet

Die 26-jährige Zürcherin Lucie Müller veröffentlicht demnächst den zweiten Teil ihrer Fantasy-Trilogie «Kriegssinfonie». Das Projekt beschäftigt sie seit acht Jahren.

Kreativ aus Leidenschaft: Lucie Müller in der Simplon-Bar. Foto: Reto Oeschger

Kreativ aus Leidenschaft: Lucie Müller in der Simplon-Bar. Foto: Reto Oeschger

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Sie wartet um acht Uhr morgens vor dem Café, ganz in Schwarz gekleidet und in ein Buch vertieft. Eine Horde Schüler strömt an ihr vorbei, ohne dass sie aufblickt. Lucie Müller wird später im Gespräch sagen: «Ich bin meist zu früh dran und nutze die Zeit fürs Lesen oder Schreiben.»

Lucie Müller schreibt seit ihrem 14. Lebensjahr. Inspiriert haben sie die «Herr der Ringe»-Filme, und weil sie gerade in den Ferien war und sich langweilte, griff sie zum Stift. Danach hat sie an zwei unveröffentlichten Geschichten gearbeitet, die sie rückblickend wegen der simplen Aufteilung in Gut und Böse und einer kitschigen Liebesgeschichte als «idealistisch und naiv» abtut. Sie sagt dies mit einem Lächeln, die Hände mit den lachsfarbenen Fingernägeln ruhen auf dem Tisch. Auch sonst wirkt die 26-Jährige besonnen und konzentriert, keine unnötige Handbewegung, kein Verhaspeln.

Dank ihrer Disziplin wurde wohl auch die Trilogie «Kriegssinfonie» erst möglich: Seit acht Jahren befasst sich Müller schon damit, sie hat als Schülerin der Kanti Wiedikon manchmal auch während des Unterrichts daran weitergeschrieben. Vor einem Jahr konnte sie schliesslich den ersten Band «Soldat» bei einem deutschen Verlag veröffentlichen – über das soziale Netzwerk Xing wurde man auf sie aufmerksam. Die Verlegerin Andrea el Gato zeigt sich beeindruckt, wie Müller trotz unzähliger Handlungsstränge nie den roten Faden verliert und es schafft, die Spannung hochzuhalten.

Die junge Frau hofft, dass alle 1000 Bücher der ersten Auflage verkauft werden, zurzeit sind es etwas mehr als die Hälfte. Aber auch wenn dies nicht gelingt, treibt sie die Leidenschaft an, kreativ zu sein. Und Illusionen, einmal ganz vom Schreiben leben zu können, macht sie sich keine. Im März erscheint der zweite Band «Söldner», der dritte Teil ist für den Frühling 2015 geplant.

Sich selbst herausfordern

Lucie Müller wurde in Sri Lanka geboren und wuchs bei einem Schweizer Paar in Birmensdorf auf. Eigentlich ist ihr erster Name Regula, sie nennt sich aber Lucie. Der andere sei einfach «zu spiessig» und passe nicht zu ihr. Das glaubt man sofort, wenn man ihr apokalyptisches Werk liest, das durch Wortschatz und Witz auffällt. Darin findet sich der junge Kriegssoldat Faolan Aleta in einem Bund von Auserwählten mit übermenschlichen Fähigkeiten wieder, die im Auftrag des Militärs morden. Während sich die anderen Mitglieder dem totalen Gehorsam unterwerfen, hadert der Neuling mit diesem blinden Obrigkeitsglauben. Faolan ist kein Held. Denn Müller mag keine Helden, auch wenn manche ihrer Leser sich einen solchen wünschen.

Mit der Trilogie – dem «Epos», wie sie sagt – will sie sich herausfordern. Deshalb wählte sie auch einen männlichen Protagonisten. Für Fantasy entschied sie sich, weil sie da eine eigene Welt erfinden könne. «Reale Zusammenhänge verstehe ich zu wenig, um über sie zu schreiben», erklärt Müller. Aber natürlich würden sich mit einem Fantasyroman die wirklichen Zustände gut spiegeln lassen: Die Machtkämpfe und politischen Intrigen, die sie auch als Leserin am spannendsten findet, sind ebenso Bestandteil der Realität.

In ihrem Roman wird viel gekämpft. Und manchmal geht es auch um Sex. Müller meint achselzuckend: «Erotik gehört einfach zu einem guten Buch.»

700 handgeschriebene Seiten

Zurzeit arbeitet sie als Kundenbetreuerin in einem Start-up in Zürich, das den Zugang zu möglichen Arbeitgebern vereinfachen will. Zu dieser 100-Prozent-Stelle kommt die Vermarktung ihrer Bücher dazu, die sie auf den Social-Media-Kanälen selbst betreibt. Müller ist mehr als ausgelastet: Die Wochenenden plant sie fix fürs Schreiben ein, 20 bis 25 Seiten in ihrem Notizbuch sind jeweils das Ziel. Im Unterschied zu den beiden vorherigen schreibt sie den dritten Band ausschliesslich von Hand. Sie starre schon genug auf den Bildschirm und habe so einen besseren «Flow». Bis zum Sommer muss der letzte Teil fertig sein. 700 Seiten. «Ich kann mich einfach nicht kurz fassen», sagt Müller beim Abschied.

Schon hält sie ihr Notizbuch in der Hand – bereit, das nächste Kapitel zu schreiben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.02.2015, 21:29 Uhr

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